Angeregt durch den Kommentar von Thark im Beitrag über die “Gewitterwolken in 3D” will ich mal ein paar Worte über den “Stereoskopischen Blick” loswerden. Dabei handelt es sich um eine Sehtechnik, mit der eigentlich jeder, der des dreidimensionalen Sehens befähigt ist, bestimmte 3D-Bilder auch ohne Hilfsmittel betrachten kann. Diese Technik kann man erlernen. Stereobildpaare lassen sich grundsätzlich auch ohne Montage zum Anaglyphenbild sowie ohne zusätzliche Hilfsmittel wie Anaglypen-, Polfilter-, KMQ-Brillen, Lorgnette usw. betrachten, wenn der Betrachter den so genannten “Stereoskopischen Blick” erlernt hat.

Worum geht es dabei? Im Zustand der Fernsicht sind die Sehachsen beider Augen beinahe parallel zueinander ausgerichtet; gleichzeitig werden die Linsen so gekrümmt, dass ferne Objekte eine scharfe Abbildung auf der Netzhaut erfahren. Im Zustand der Nahsicht ist die Linsenkrümmung eine andere, um nähere Objekte scharf abbilden zu können und die Sehachsen beider Augen streben einem Kreuzungspunkt zu. Diese Augensteuerung übernimmt das vegetative Nervensystem. Der Trick beim “Stereoskopischen Blick” besteht nun darin, bewusst und willentlich beinahe parallele Sehachsen (Fernsicht) mit einer Nahsicht-Linsenkrümmung zu kombinieren. Das geht – mit etwas Übung!

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Der Blick des Betrachters auf das Bild muss ins Unendliche gerichtet werden. Es bedarf einiger Eingewöhnungszeit (individuell sehr unterschiedlich und von zehn Minuten bis hin zu einem halben Jahr bei täglichem Training reichend), bis die 3D-Tiefeninformation sichtbar wird. Am oberen Bildrand des obigen Übungs-Stereogramms befinden sich zwei Punkte. Man versucht nun bei geringem Bildabstand, mit einem “geistesabwesenden” Blick in die Ferne zu starren und bewegt sich langsam vom Bild weg. Dabei hält man die Augen auf die beiden Punkte gerichtet.

Mit dem Erreichen des korrekten Betrachtungsabstandes lassen sich (ggf. durch ein ganz leichtes Schielen) der linke und der rechte Punkt in einem neuen, mittleren Punkt zur Deckung bringen. Dabei nicht vergessen, den starren, leeren Blick beizubehalten. Das Bild darf nicht scharf erscheinen, es muss verschwommen sein. Man behält diese Position einige Zeit bei und fixiert den dritten (virtuellen) Punkt. Dann bewegt man die Augen langsam und gemächlich von den Punkten auf das  Bild: Es hebt sich die Tiefenabbildung plastisch hervor. Sobald das ein paar Mal funktioniert hat, lassen sich auch Stereobildpaare – sofern sie nicht zu groß sind – auf diese Weise räumlich sehen.

Das ist der so genannte “Stereoskopische Blick” bzw. die “Stereopsis”. Hat man erst einmal heraus bekommen, wie das funktioniert, dann lässt sich beinahe jedes Stereobildpaar ebenfalls ohne Hilfsmittel räumlich betrachten. Beim Erlernen des “Stereoskopischen Blickes” handelt es sich um einen Prozess ähnlich dem Schwimmen-, Laufen- oder Radfahrenlernen. Kann man es einmal, dann verlernt man es nie wieder. Aber bitte unbedingt beachten: Zur Vermeidung von Kopfschmerzen sollte die Dauer des Einübens täglich zehn Minuten keinesfalls überschreiten!

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In der Mitte der 1990er Jahre waren die so genannten “Autostreogramme”, korrekt SIS genannt, recht beliebt. Bei ihnen handelte es sich um Bilder mit mehr oder weniger Zufallsmustern, in denen ein einfaches 3D-Motiv quasi versteckt worden war – also bspw. ein Herz, Stern, Luftballon usw. Die Autostereogramme setzten die Beherrschung des “Stereoskopischen Blicks” voraus und eignen sich auch recht gut als Übungsmaterial – vgl. dazu die obige 3D-Abbildung eines Ballons.

Kommen wir nun zu den bereits angedeuteten Einschränkungen. Die bestehen aus Bildgröße und Bildformat. Das bedeutet: Die beiden Teilbilder für linkes und rechtes Auge müssen so klein sein, dass sie mit beiden Augen gut überschaubar sind. Bei Bildern im Hochformat ist das problemlos möglich; auch das quadratische Bildformat bereitet nur selten Schwierigkeiten. Anders hingegen beim Querformat, wie es bei Farbanaglyphen bevorzugt Verwendung findet. Legt man im Querformat die beiden Teilbilder nebeneinander, dann sind sie im allgemeinen eben nicht mehr überschaubar (weil zu breit) – es sei denn, man verkleinert sie sehr stark.

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Man muss folglich bereits im Rahmen der Aufnahme selbst entscheiden, ob man nun ein für die Anaglyphenmontage oder ein für den “Stereoskopischen Blick” geeignetes Stereobildpaar aufnehmen will: Querformat im erstgenannten und Hochformat im letztgenannten Fall. Quadratisches Bildformat geht zumeist für beides.

2 Antworten auf Der “Stereoskopische Blick”

  • Thark sagt:

    Wow .. Ein genzer Beitrag für das Thema. :oops:
    Allerdings fehlt da leider die häfte, erwähnt wurde hier der Parallelblick wobei es auch noch den Kreuzblick gibt.
    Bei dem Verfahren schielt man möglischt stark mit den Augen, sodass man 4 verschwommene Bilder sieht. Nun muss man vorsichtig die Verrenkung der Augen Lösen, sodass es nur noch 3 Bilder werden – Die 2 mittleren verschmelzen ineinander. Bei längerer Übung sieht man diese früher oder später scharf und auch in 3D.

    Das Bild in deiner Antwort vom anderen Beitrag sieht mit dem Kreuzblick etwas eigenartig aus. Bestimmt ist es für den Parallelblick gedacht? :razz:

    • Nein, besagtes Bild war nur der Versuch, trotz Querformat mal eben zwischen Tür und Angel sowas ähnliches wie ein Stereogramm zu basteln, um dir einen ungefähren Eindruck zu liefern. Den Kreuzblick habe ich übrigens absichtlich unterschlagen. Meine Erfahrung dabei: Man bekommt viel zu schnell Kopfschmerzen davon, weil das doch mächtig auf die Augen geht.

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