So, meine letzten beiden “richtigen” Chilis sind geerntet und verarbeitet – leider keine Samen mehr drin. Die Töpfe ausgeleert und gereinigt. Kommendes Jahr kann’s weitergehen. Zeit für einen kleinen Rückblick: Meine Chilis 2016!

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Chilis in Norddeutschland: Das ist in Anbetracht der eher sehr ungeeigneten Witterung echt schwer! Da muss man sich auf eine Kette von Fehlschlägen gefasst machen und es eben immer wieder auf’s Neue versuchen. Jahr für Jahr mit einer Engelsgeduld – so wie in diesem Jahr, mal wieder, seit 2005. Ein paar Jahre lang hatte ich recht gute Erfolge mit Chilis in der Fensterbank. Bis die “Weiße Fliege” die Pflanzen gründlich gekillt hat. Freiland hat sich als reine Glückssache mit geringen Erfolgsaussichten erwiesen. Wenn Ernte, dann richtig prall. Einmal pro Jahrzehnt oder so. Drinnen vorziehen und nach draußen umsetzen war noch katastrophaler. Im Jahr 2016 wollte ich das mal anders machen. Ganz anders, insbesondere auch mit Hinblick auf das schweineteure Saatgut der richtig guten Sorten, weil man da pro Korn rund 50ct hinblättern muss.

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Erstmal brauchte ich gutes und vor allem aber billiges Saatgut. Dazu wurden Ende November ’15 per Internet 300g frische Chilifrüchte bestellt, und zwar ein Mix aus Ghost Pepper aka Bhut Jolokia, Habanero 7 Pot, Trinidad Moruga Scorpion und Carolina Reaper. Also die vier Weltmeistersorten, auch wenn die hier im Norden nur eher geringen Ertrag bringen. Die Lieferung erfolgte vier Tage später. Die Hälfte der Früchte war Matsch zum Wegwerfen. Die andere Hälfte wurde entkernt, zerkleinert und eingefroren: Das Aroma phantastisch und die Schärfe echt heftig (letztere wird durch das Einfrieren noch kräftiger und ich vermute, dass es daran liegt, dass die Zellwände beim Gefrierprozess zerstört werden). Das Trocknen der so gewonnenen Kerne (es waren wirklich viele!) erfolgte zwei Wochen lang in der Fensterbank. Anschließend wanderte das Saatgut – von dem es ursprünglich offiziell hieß, dass es nicht keimfähig sei – in eine licht- und luftdicht schließende Dose.

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Nun wurden 9 leere Klopapierrollen gesammelt, denn die sollten zu 18 Pflanzgefäßen werden – wie HIER schon mal detaillierter beschrieben. Die Pflanzgefäße sind nur dann nötig, wenn man beabsichtigt, die gekeimten Pflanzen aus dem Ursprungstopf wieder rauszunehmen. Und genau das hatte ich auch vor: Ich wollte letztlich eine Art von Blumentreppe, bestehend aus drei Kästen für den Balkon, realisieren. Am 12.03.2016 – draußen herrschte noch Winter – wurde alles unter Verwendung der Pflanzgefäße eingesäht.

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Der fertig beschickte Topf wanderte in die Küchenfensterbank, weil da die Temperatur recht konstant vergleichsweise hoch war (über der Heizung) und auch schon lange Sonnenlicht drauffallen konnte (Südostseite). Nun hieß es abwarten.

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Am 25.03.2016 war fast alles und am 02.04.2016 war alles gekeimt. Und das war wirklich verdammt viel, sehr viel mehr als in den kühnsten Träumen erhofft! Was aber selbstverständlich noch keinerlei Aussage über den Ertrag zuließ.

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Die kleinen Pflanzen entwickelten sich schnell und prächtig. Sie wuchsen merklich stärker als erwartet. Bereits am 13.04.2016 erfolgte daher das Separieren: Jeweils 6 Pflanztöpfe blieben im alten Topf bzw. wanderten in zwei neue Balkonkästen. Es handelte sich in allen drei Fällen um 60cm-Kästen. Aber, und das fiel sofort auf: Die neue Erde in den beiden neuen Kästen hemmte das Wachstum. D. h. im alten Topf wuchsen die Pflanzen weiterhin sehr schnell und kräftig, in den beiden neuen Töpfen hingegen nur zögerlich. Meine Folgerung daraus für den Versuch im kommenden Jahr lautet: Nie wieder umtopfen, sondern stattdessen alles gleich in die Endgefäße setzen!

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Ab dem 02.05.2016 – es gab immer schon mal warme und sonnige Tage – wanderten die drei Töpfe sporadisch bei über +10°C immer mal nach draußen in die Fensterbank an einen sonnigen Standort (Südseite), aber eben doch noch gut geschützt. D. h. auf den Balkon. Auf den obigen Fotos erkennt man die Wachstumsunterschiede deutlich: Weiß ist der Originaltopf mit den großen Pflanzen und schwarz sind die umgetopften und deutlich kleiner gebliebenen Pflanzen in der neuen Erde.

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Am 27.05.2016 sind die Eisheiligen (es wurde zwischenzeitlich wirklich nochmal richtig kalt) endgültig vorbei. Somit können die Pflanzen nun dauerhaft draußen bleiben. Die Blumentreppe wird mit Hilfe von vier ausrangierten und kopfstehenden Mülleimern realisiert: Simpel, wirkungsvoll, dauerhaft und billig.

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Knapp zwei Wochen später: Auch die umgetopften Pflanzen haben nun  – endlich! – einen echten Wachstumsschub erfahren, bleiben aber immer noch deutlich hinter den nicht umgetopften Pflanzen zurück. In einer Gärtnerei finde ich vorgezogene Jolokia-Pflanzen, merklich kleiner als meine Eigenen. Die Überschlagsrechnung so im Vergleich ergibt, dass ich Pflanzen im Wert von über 1.000€ auf dem Balkon stehen habe – irre! Es handelt sich um ca. 100 Pflanzen, von denen allerdings drei Viertel im Wachstum zurückgeblieben sind.

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Am 10.06.2016 sind allererste, noch winzige Blütenansätze bei den größten – d. h. den nicht umgetopften – Pflanzen zu erkennen. Wird auch allerhöchste Zeit, denn die Blüten müssen sich ja noch öffnen, bestäubt werden und das Reifen der Früchte erfordert rund ein Vierteljahr. Grob überschlagen wäre es dann im September soweit. Dann jedoch kann es schon wieder zu ersten Nachtfrösten kommen, welche die Pflanzen mit ziemlicher Sicherheit abtöten. Die sattgrünen Pflanzen “beißen” allerdings bereits. D. h. mitunter kommt es bei der Berührung zu einer Art von Brennnessel-Effekt mit deutlich sichtbarer Hautrötung auf der Innenseite der Unterarme. Was bedeutet: Künftig hat die Aussaat VOR Märzbeginn zu erfolgen, damit man auf der sicheren Seite ist!

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Ende Juni; der 27.06.2016: Mehrere Dinge passieren gleichzeitig. Bei den nicht umgetopften Pflanzen öffnen sich die ersten Blüten. Bestäubt werden sie manuell mittels eines feinen Pinsels. Diese Pflanzen weisen einen ganz leichten Befall mit Blattläusen auf, scheinen aber gut damit zurecht zu kommen. Deswegen wird diesbezüglich auch nichts unternommen; es erfolgt lediglich die räumliche Separierung von den beiden Töpfen mit den umgetopften Pflanzen. Wichtige Erkenntnis: Die Pflanzen können sich nur unzureichend ausbreiten – sechs Pflanzgefäße im 60cm-Topf sind definitiv zuviel! Aber nochmaliges Umtopfen wird als zu großes Risiko betrachtet. Daher werden einige, klein gebliebene Pflanzen entfernt und entsorgt. Nun wird alles lichter und hat mehr Platz zur Ausbreitung.

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Die umgetopften Pflanzen sind zum Trauerspiel geworden. Beide Töpfe mit neuer Erde zeigen einen Befall durch die “Weiße Fliege”; die Pflanzen erscheinen gelblich-kränklich (was auf Stickstoffmangel hindeutet; künftig also MIT Kompostererde!) und werfen Blätter ab. Ihr Wachstum stagniert vollkommen und sie erreichen bestenfalls ein Viertel der Größe von den anderen Pflanzen. Von Blütenansätzen keine Spur u. d. h. es kann eigentlich schon rein zeitlich nichts mehr werden. Dennoch wird versucht, auch diese Pflanzen zu retten, doch das ist eher so eine Art von Experiment außer Konkurrenz. Chemische Mittel scheiden aus, denn sie würden die Früchte ungenießbar werden lassen. Brennnesselauszug dauert zu lange. Im Web wird Asche auf die Erde und das Spritzen mit einem Zigarettenkippen-Auszug (10-20 Stck./l Wasser, 2-3d ziehen gelassen) empfohlen. Das versuche ich mit dreitägigem Spritzen, allerdings ohne große Hoffnung. Meine Befürchtung ist nämlich, dass die Eier der “Weißen Fliege” schon vorn vornherein im Erdreich waren und auch für das stagnierende Wachstum verantwortlich sind. Die Lehre daraus lautet: Niemals auf nur einen Behälter zur Pflanzenzucht setzen! Und die Hoffnung: Anfang Juli ist der Befall sichtlich zurück gegangen und es zeigen auch einige (wenige!) der kleinen, befallenen Pflanzen Blütenansätze. Vielleicht ist ja doch noch nicht alles verloren. Um den umgetopften Pflanzen wenigstens etwas Stickstoff zukommen zu lassen, gieße ich sie mehrfach mit dem allerersten, schwarzen Dreck aus dem Aquarienfilter. Das verbessert die Situation sichtlich!

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Mitte Juli, der 15.07.2016: Immer wieder Blüten. Im Regelfall werden sie aber nach dem Aufblühen gelb und fallen ab. D. h. die Befruchtung funktioniert irgendwie nicht. Eine allerdings hat bereits eine Frucht angesetzt. Die nicht befallenen Pflanzen sind rund 40cm hoch und wachsen nicht mehr.

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Fünf Tage später: Immer noch nur eine einzige Pflanze, die angesetzt hat. Doch die Frucht wächst rasend schnell! Jetzt auch immer mehr Blüten, aber die Bestäubung scheint ein reines Glücksspiel zu sein. Ob Wind, Insekten, Schütteln der Pflanzen, Pinsel – es klappt nicht wirklich zuverlässig. Hitzewelle mit 34°C im Schatten; die Pflanzen schwitzen klebrige Flüssigkeit aus, die von Raubfliegen und Wespen aufgenommen wird.

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Erst im August scheinen mehrere Pflanzen angesetzt zu haben. Ab jetzt gilt ganz verschärft (beabsichtigtes Wortspiel!): Wer die Dinger anfasst, der ist selbst Schuld!

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Ende August bzw. Anfang September haben elf Pflanzen angesetzt – neun von den “guten” und zwei von den “aussichtslosen Fällen”. Wenn die erst einmal angesetzt haben, dann verläuft das Wachstum zwar sehr schnell, doch die Reifung dauert letztlich nochmal gut vier Wochen oder sogar deutlich länger. Dabei sind wahrscheinlich mindestens fünf Reaper; bei den anderen Chilis bin ich mir nicht ganz sicher. Scorpions ja, aber ob der Rest Ghost Pepper oder 7 Pot ist, muss sich erst noch zeigen. Doch es ist bereits absehbar, dass ich die Pflanzen zur endgültigen Reifung wahrscheinlich wohl letztlich doch wieder in die Wohnung werde nehmen müssen, denn die Nächte sind bereits empfindlich frisch geworden. Jedenfalls ist meine Familie dahingehend instruiert worden, die Dinger bloß nicht zu berühren!

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TATTAAAAA! Am 02.09.2016 die erste eigene Ernte: Ein Trinidad Moruga Scorpion. Der erste Skorpion war schlachtreif. Er enthielt gerade mal schlappe 7 Kerne, die als Saatgut für das kommende Jahr separiert worden sind. Der Rest der Frucht wurde kleingeschnitten zwecks Einfrieren und portionsweiser Entnahme – extrem starker, extrem aromatischer Geruch, der in der Nase stärker biss als jede Zwiebel. Sehr saftiges Fruchfleisch. Daher kamen drei kleine Sücke gleich an das Essen. Und dann …

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Mann, war das SCHAAAAARRRFF!!! Ein Mittagessen, das ich wirklich mit einem Glas Milch beenden musste. Das mir den Schweiß auf die Stirn trieb und die Knie echt weich werden ließ. Das Überwindung kostete, um es aufzuessen. Dessen Dämpfe mir die Tränen in die Augen trieben. Bei dem sich die Lippen hinterher irgendwie taub anfühlten. Aber der Geschmack war absolut phantastisch! Na ja: Normalerweise nimmt man das Zeug ja auch zur Elefantenabwehr! Immerhin sind mir aber Bewusstlosigkeit und Notaufnahme erspart geblieben.

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Und gegen Ende September ist dann alles so nach und nach weiter gereift und konnte so Stück für Stück unter Einsatz aller gebotenen Vorsichtsmaßnahmen abgeerntet und verarbeitet werden. Fertig verarbeitet waren das zwar nur 30g, aber eben auch 30g gnadenlose Feuersbrunst. Was das Reifen der Früchte betrifft: Sobald sich die erste Verfärbung (also rot bzw. gelb) zeigte, mussten noch ein bis zwei Wochen ins Land gehen, bevor alles durchgefärbt war. Die Ernte zog sich bis zum Ende der ersten Oktoberwoche hin – wir hatten einmal bereits den ersten Bodenfrost – und alleine schon der Geruch von dem giftigen Zeug verursachte beim Aufschneiden einen kräftigen Hustenreiz, so ich denn mal auf den Atemschutz verzichtet hatte. Wenn man bedenkt, dass eine einzige Frucht derart mörderisch-säuisch scharf ist, dass sie pro Person für ein paar Monate ausreicht, dann decken die insgesamt elf Früchte, die bei dem ganzen Aufwand rumgekommen sind, dicke einen Jahresbedarf. An Saatgut für das nächste Jahr konnten rund fünfzig Kerne exrahiert werden; das entspricht einem Handelspreis von etwa 25 Euro. Gegen Ende der Erntezeit wiesen übrigens alle noch verbliebenen Pflanzen einen geradezu extremen Blattlausbefall auf, doch dagegen noch vorzugehen lohnte sich nicht mehr.

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Und jetzt: Happa-Happa! Aber gaaaanz vorsichtig … ;)

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