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Ich will mit diesem Beitrag einmal mehr ein Thema aufgreifen, das mir doch – spätestens seit dem letzten Urlaub – ziemlich am Herzen liegt. Es handelt sich um ein Tabuthema, also um etwas, worüber man nicht nicht spricht. Und wenn doch, dann bestenfalls hinter vorgehaltener Hand. Immer schön getreu dem Motto: “Was ist nicht berichtet wird ist auch nicht passiert.” Es geht um die Hinterlassenschaften unserer Väter, die sich nach und nach zum Bombenproblem entwickeln – und zwar im wahrsten Sinnes des Wortes. Wovon ich spreche? Von der Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer. Warum wird das unter den Tisch gekehrt? Nun, dafür existieren drei Gründe, nämlich:
- offizielle Geheimhaltung,
- Auswirkungen auf den Tourismus und
- Auswirkungen auf die Fischerei.

Nach dem Zweiten Weltkrieg überlegten sich die Alliierten, was man mit den übrig gebliebenen Bomben machen könnte. Man entschied sich zum Großteil für das Versenken auf See, möglichst an Stellen, die tief genug waren, damit dort kein Mensch hinkommt. Das war vor siebzig Jahren. Inzwischen hat sich die Technik weiterentwickelt. Was vor siebzig Jahren noch als unerreichbar tief galt, das wird heute mitunter schon seitens der Fischerei abgegrast oder zum Verlegen von Pipelines bzw. Kabeln genutzt. Deswegen hat die Fischereiwirtschaft auch kein übersteigertes Interesse daran, Kenntnisse über solche Altlasten publik zu machen. Vor allem auch deswegen, weil man kontaminierten Fisch niemandem mehr verkaufen kann.

Hinzu kommt, dass kein früherer Kapitän, der so eine lebensgefährliche Ladung zum Verklappungsort transportieren musste, das Zeug länger als nötig an Bord haben wollte. Das On-Way-Dumping (man begann schon gleich nach dem Verlassen des Hafens, den Plunder über Bord zu schmeißen, um ihn umgehend loszuwerden) war üblich. Deswegen finden sich die Munitionsreste auch entlang des gesamten Weges bis hin zur Versenkungsstelle – und folglich auch im Flachwasser. Über die Details dabei vereinbarten die Aliierten eine Geheimhaltung, die bis 2017 verlängert worden ist.

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Das Versenken von Munition geschah in allen Weltmeeren. Im Pazifik, im Atlantik, im Indischen Ozean. Vor der Küste der Adria ebenso wie in Nord- und Ostsee. Auch vor den Badestränden. Weswegen die Tourismusindustrie von dem Problem nichts wissen will. Damit die Leute nicht wegbleiben. Welchem Problem? Vom seit siebzig Jahren verrostenden Metall, welches seinen Inhalt jetzt nach und nach freigibt. Der Inhalt: Das sind Sprengstoffe und Weißer Phosphor auf der einen Seite. Das wird zur konventionellen Munition gezählt, weil es sich dabei um Minen, Flieger- und Sprengbomben, Topedos und Brandbomben gehandelt hat. Auf der anderen Seite handelt es sich um Granaten mit dem widerlichsten Zeug, das Militärchemie bisher hat herstellen können, nämlich um Senfgas und Nervengase wie Tabun und Sarin. Das sind chemische Kampfstoffe. Im Meerwasser verändern die sich. Sie werden fest. Aber dadurch nicht weniger giftig und tödlich. Und aus den verrosteten Brandbomben tritt der Phosphor aus. Alles zusammen verseucht die Meere und kann auch am Strand angespült werden. Was da unten liegt ist nichts weiter als eine gigantische Anhäufung von Zeitbomben!

Zeitbomben, über die man lieber nicht spricht. Warum auch? Ist doch so selten, dass damit mal ein Mensch in Kontakt kommt. Wirklich? Laut dem Umweltbundesamt (UBA) wurden im Jahr 2014 in Deutschland im und am Meer mehr als 8.000 Funde mit Verdacht auf Kampfmittel gemeldet. Das sind 22 Funde täglich oder fast ein Fund stündlich. Ist das noch selten? Es grenzt schon an ein Wunder, dass dadurch bislang erst sehr wenige Menschen zu Schaden gekommen sind. Allein in Nord- und Ostsee sind nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 1,6 Millionen Tonnen Munition versenkt worden, und zwar 1,6 Millionen Tonnen Sprengstoffe und Phosphor zzgl. 234.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe. Wieviel Dreck weltweit in den Meeren vor sich hinrostet vermag kein Mensch zu sagen, gerade auch vor dem Hintergrund der o. e. Geheimhaltung. Es wäre allerhöchste Zeit, einmal entsprechende Forschungen anzustellen. Doch das ist im Jahr 2013 seitens der ReGIERung Merkel abgelehnt worden: “Der eingereichte Vorschlag konnte im Wettbewerb mit den anderen Projektideen leider keine ausreichend hohe Priorität erzielen, um im Rahmen dieser Fördermaßnahme berücksichtigt zu werden.

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Die im Meer versenkte Munition ist herrenlos. Jeder kann sich daran bedienen. Das ist auch schon geschehen. Wenn die Fischerei nicht genug einbringt, dann kann man ja auch auf Munition fischen. Munition, aus der die Mafia dann eigene Bomben bastelt. So in Sizilien geschehen. Und wenn eine Terrororganisation das Selbstbedienungslager an Chemiewaffen für sich entdeckt? Welche Gefährdungen gehen eigentlich von den verschiedenen Stoffen aus? Sprengstoffe verändern sich. Sie sehen angespült bspw. aus wie Steine mit Glimmereinschlüssen. Explosiv oder feuergefährlich ist das Zeug aber immer noch. Die Zersetzungsprodukte sind nicht selten krebserzeugend oder mutagen und bewirken, so Nitroverbindungen mit im Spiel sind, gelbliche Verätzungen auf der Haut. Verätzungen, die oftmals nur sehr schlecht abheilen, die monatelange Hautausschläge mit Bläschenbildung verursachen.

Weißer Phosphor lässt sich auch für das geübte Auge kaum von Bernstein unterscheiden. Da gibt’ nur eins: In einem feuerfesten Behälter (Blechdose) sammeln und trocknen lassen. Anschließend in sicherer Entfernung warm – also bspw. in die Sonne – stellen. Bei 20-40°C entzündet sich weißer Phosphor an der Luft von selbst, auch in der Hosentasche! Das entstehende Gas ist giftig und ätzend. Die Flamme erreicht 1.300°C und frisst sich überall rein. Löschen kann man es nicht. Erst dann, wenn das Zeug komplett verbrannt ist, ist die Gefahr auch gebannt. Von dem “heißen Tipp”, mit einem vermeintlich gefundenen Bernstein gegen die eigenen Zähne zu klopfen, um ihn im Vergleich zu einem mitgeführten Bernstein von Glasscherben oder Feuerstein unterscheiden zu können, ist daher unbedingt Abstand zu nehmen. Jedenfalls solange, wie die Dose mit dem Sammelgut nicht stundenlang in der Hitze gestanden hat, ohne dass etwas passiert ist. Manchmal – selten zwar, aber ich hab’s auch schon erlebt – sieht man im trockenen Spülsaum ein kleines und unerklärliches Feuer. Das ist Weißer Phosphor, der sich selbst entzündet hat. Er entstammt der “konventionellen” Munition, die da unten massenhaft rumliegt. Manches davon liegt auf Haufen. Es wartet nur darauf, dass da mal ein Schiff mit Ruderschaden aufläuft. Dann explodiert nicht eine einzelne Mine. Sondern der gesamte Haufen.

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Doch trotz alledem zählen die Sprengstoffe und der Phosphor noch zu den harmloseren Munitionsvarianten. Eine weitaus größere Gefährdung geht von den chemischen Kampfstoffen aus, zumal ihre Behälterwandungen i. d. R. dünner ausgeführt worden und daher längst aufgerostet sind. D. h. die Chemiewaffen befinden sich zum Großteil bereits freigesetzt im Wasser – oder, besser gesagt, am Meeresgrund, da sie etwas schwerer als das Wasser sind. Doch sie können weggespült und aufgewirbelt werden. Dadurch gelangen sie in die Netze und an Strände. Als die Nord Stream Pipeline, die russisches Gas nach Deutschland transportiert, gebaut wurde, da sollte sie 1.300km lang werden. Am Ende wurden es aber 2.000km Länge, weil man sie nicht geradlinig, wie ursprünglich geplant, sondern stattdessen im Slalom gebaut hat. Warum? Weil man die Verklappungsgebiete mit den Chemiewaffen umgehen wollte. Konventionelle Waffen auf der Baustrecke hat man entfernen können, doch mit den verrosteten Chemiewaffen wollte niemand etwas zu tun haben.

Welche Chemiewaffen nun genau da unten vor sich hin gammeln weiß niemand. Heute bekannt sind Senfgas, Tabun und Sarin. Die beiden Letztgenannten sind Nervengifte. Wie sie wirken, ist dem Chemielexikon zu entnehmen (Zitat): “Daher kommt es je nach Stärke der Vergiftung zu folgenden Symptomen: Nasenlaufen, Sehstörungen, Pupillenverengung, Augenschmerzen, Atemnot, Speichelfluss, Muskelzucken und Krämpfe, Schweißausbrüche, Erbrechen, unkontrollierbarer Stuhlabgang, Bewusstlosigkeit, zentrale und periphere Atemlähmung und letztendlich Tod. Die Wirkung am Auge tritt bereits bei geringeren Konzentrationen ein, als die Wirkung im Respirationstrakt. Daher treten Akkomodationsstörungen und eine Miosis bereits bei Konzentrationen und Expositionszeiten auf, bei denen andere Vergiftungszeichen noch nicht zu beobachten sind.” Tabun und Sarin bilden unter Wasser braune Brocken, bei denen eine festgewordene Ummantelung das unbeeinflusste Innere einschließt. Aus dem Wasser geholt wird die Ummantelung normalerweise brüchig und undicht, womit der tödliche Inhalt austreten kann.

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Senfgas, auch Lost genannt, hingegen wirkt völlig anders. Auch das bildet unter Wasser Klumpen, mal braun, mal gelb, mal grau gefärbt. Beim Luftkontakt verwandeln die Klumpen sich in eine übelriechende, bräunliche Schmiere. Zitat Wikipedia: “Lost ist ein starkes Hautgift und erwiesenermaßen krebserregend. Die Wirkung auf die Haut ist vergleichbar mit starken Verbrennungen oder Verätzungen. Es bilden sich große, stark schmerzende Blasen. Die Verletzungen heilen schlecht. Das Gewebe wird nachhaltig zerstört und die Zellteilung gehemmt. Großflächig betroffene Gliedmaßen müssen meistens amputiert werden. Werden die Dämpfe eingeatmet, so werden die Bronchien zerstört.” Ergänzend zum Wikipedia-Artikel ist noch zu sagen, dass Senfgas zusätzlich mutagen wirkt.

Auch solches Zeug wird heute bereits wieder zutage gefördert. In der Ostsee liegen 65.000 Tonnen und in der Nordsee 170.000 Tonnen davon. Ostseefunde sind nur deswegen häufiger – und die Besucher entsprechend besser informiert – weil die Ostsee flacher als die Nordsee ist und somit mehr angespült wird. Verklappungsgebiete chemischer Kampfstoffe waren lt. dem (sehr empfehlenswerten) Buch “Gefährliche Strandfunde” Usedom, Rügen, die Flensburger Förde, der Kleine Belt sowie Helgoland. Das sind die Orte, an denen sich derartige Funde unter Wasser gehäuft haben. Offizielle Angaben gibt es aber aufgrund der o. a. Geheimhaltung nicht. Doch das Problem ist dadurch, dass man es nicht sieht, nicht aus der Welt geschafft worden. Ganz im Gegenteil, es wird täglich größer! Aktuell kümmern sich sechs Taucher vom Kampfmittelräumdienst um Millionen von solchen Hinterlassenschaften. Das nenne ich mal echtes (wenngleich auch aussichtsloses) Engagement – und zwar seitens der ihren Arsch riskierenden Taucher. Die ReGIERung Merkel/Gabriel hingegen hat das Problem bislang ignoriert, was mir wie gemeingefährliche Arroganz vorkommt. Ob sich das im kommenden Jahr und nach der Wahl ändern wird? Ich glaube nicht …

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3 Antworten auf Zeitbomben

  • Soeckchen sagt:

    Ganz wichtiger Artikel! Vor allem der Hinweis auf weißen Phosphor. Das Zeug ist teuflisch gefährlich. Man kann damit zwar gute Experimente machen, aber davon rate ich ab. Das Zeug ist kein Spass und war nicht umsonst in Brandbomben eingebaut. Ich hab deswegen auch nie an der Ostsee Bernstein gesammelt. Aber da sieht man auch mal, wie diese scheiss Kriege auch nach Beendigung immer noch Unheil bringen und da ist Kriegsfundmunition noch der eher “harmlose” Teil, wenn man an die Uranmunition denkt, die auch von der Bundeswehr verschossen wurde und wird.

    • Letztlich nehmen sich die chemischen Kampfstoffe und die Uranmunition wirklich nicht mehr soviel. Ob Missbildungen bei den Nachkommen oder Krebs bei den Überlebenden nun durch Senfgas oder durch Urandioxidstaub verursacht werden ist doch im Grunde genommen egal. Aber mir ist noch was anderes aufgefallen, und zwar bei Wikipedia im Artikel über Senfgas: https://de.wikipedia.org/wiki/Senfgas . Da steht nämlich unter “Internationale Kontrollen” zu lesen, dass “die Entwicklung oder der Besitz zu militärischen Zwecken verboten ist” und parallel dazu findet sich ein Bild mit niegelnagelneuen 155-mm-Senfgasgranaten in einem Lager der US-Streitkräfte in Colorado um 2009. Merkwürdig …

  • flurdab sagt:

    Was erwartest du von Madame Merkel?
    Ich sag mal Asse.

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