fossil1

Meine Schwiegereltern kamen nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge aus Schlesien nach Lauenau. Sie blieben dort und bauten dort. Das Haus gehört heute meiner Frau. Nun gab es früher etwas, was heutzutage fast schon in Vergessenheit geraten ist, nämlich aktive Nachbarschaftshilfe. Für die früheren Flüchtlinge bildete der damalige “Deutsche Siedlerbund (DSB)” die Gemeinschaft, durch die sie an besagte Nachbarschaftshilfe gelangen konnten. Irgendwann wurde der Siedlerbund in “Verband Wohneigentum (VWE)” umbenannt, um mit der Zeit Schritt zu halten. Meine Schwiegereltern sind dann vor etlichen Jahren altersbedingt aus- und an deren Stelle sind meine Gattin und ich eingetreten (sie hatte mich ohne mein Wissen mit angemeldet), obgleich ich nun weiß Gott KEIN Vereinsmensch bin. Aber die VWE-Mitgliedschaft hat sich bislang noch in jedem einzelnen Jahr mehr als nur ausgezahlt, denn durch die Vergünstigungen in vielen Geschäften, bei Handwerkern und in etlichen Baumärkten – i. d. R. so zwischen 5 und 10% – wurde immer deutlich mehr eingespart als der Jahresbeitrag kostet. Und wer hat schon Geld übrig?

Im vergangenen Jahr wechselte bei uns im Ort der Vereinsvorstand. Der beabsichtigt – was durchaus zu begrüßen ist – auch Leute als Mitglieder zu gewinnen, die eben nicht zwischen 80 und scheintot sind. Allerdings tat sich dabei ein Problem auf: Der gesamte Dachverband hat offensichtlich den Anschluss an das “Heute” gründlich verpasst! Das jedenfalls ist der Eindruck, der sich mir dabei aufdrängt. Kam so: Es gibt da (viele) Internetseiten. Wenn ihr “Verband Wohneigentum” oder “Siedlerbund” in die Suchmaschine eures Vertrauens eingebt, dann findet ihr etliche Treffer. Aber so ziemlich alles ist veraltet. Oder, besser gesagt, mal als Seite ausprobiert worden und dann einfach im Web stehen geblieben. Halbwegs aktuell ist nur noch eine einzige Adresse. Das wusste ich bis vor Kurzem nicht. Vermutlich wusste das niemand so richtig. Jedenfalls: Man fragte mich, ob ich nicht die Pflege der betreffenden Internetseite für den Ortsverband in Lauenau übernehmen konnte. Leichtsinnigerweise entgegnete ich: “Ja, gebt mir die Zugangsdaten und dann schaue ich mir das mal an.” Denn um an jüngere Mitglieder zu kommen (jünger bedeutet in diesem Falle U70!) ist das Internet nun einmal unverzichtbar. Wer heute was sucht, der bemüht zuerst das Web.

Monate später – Vereine sind mitunter nicht wirklich schnell, aber in diesem Fall standen umfangreiche Recherchen dahinter, welche zu der Verzögerung führten (vielleicht, weil ältere Leute sich oftmals nicht mehr so gut erinnern können) – erhielt ich dann doch tatsächlich Zugangsdaten, eine URL und einen Schlüsselbegriff, mit dem niemand etwas anzufangen wusste. Na gut, versuchen wir’s mal! Die URL existierte nicht. Die per Suchmaschine ermittelten Seiten gestatteten aber kein Login – nirgendwo! Ergo probierte ich rum, und zwar mit den per Suchmaschine ermittelten URLs und dem erwähnten Schlüsselbegriff. Immer in der Hoffnung, ein u. U. infrage kommendes System dadurch zur Reaktion zu bewegen. Es funktionierte nach langem “Klinkenputzen” und ich gelangte auf eine Login-Seite. Nun kamen die vorhandenen Zugangsdaten zum Einsatz. Wie insgeheim erwartet funktionierten sie nicht. OK, dann “spielen” wir einfach mal mit diesen Zugangsdaten und der Groß-Klein-Schreibung. Dieser Hackertrick hat zwar einen endlos langen Bart und ist ungefähr so alt wie der Verband selbst, aber er funktioniert auch heute noch und irgendwann (das dauerte allerdings) war ich in dem System drin: Victory! Ja, man kann hier mit Fug und Recht von einem Hack sprechen. Ich scheine diesbezüglich wohl doch noch nicht alles verlernt zu haben, auch wenn ich heute vom Pentagon die Finger lasse (vor knapp 20 Jahren verhielt sich das noch etwas anders).

OK, aber was für ein System? Auf jeden Fall ein CMS. Aber weder WP noch TYPO3 noch Joomla oder irgendwas Geläufiges. Stattdessen eine proprietäre Lösung, entstanden etwa zur Jahrtausendwende oder sehr wahrscheinlich sogar noch davor, mit der letzten technischen Aktualisierung vier Jahre später. Erstmal die Vorschau eines alten Beitrages von unserem Ortsverband aufgerufen (letzte Aktualisierung im Jahr 2010): Ah, so sieht das hinterher aus! Damit konnte ich das auch der letzten noch wirklich funktionierenden URL zuordnen. So weit, so gut. Nun war ich darum gebeten worden, Änderungen und Aktualisierungen vorzunehmen. Tutorial? Fehlanzeige! Dokumentation? Fehlanzeige! Ansprechpartner? Fehlanzeige! Hilfesystem? Fehlanzeige! Also learning by doing. Oder vielleicht doch besser durch try and error. Der Editor des Systems erwies sich als schwer gewöhnungsbedürftig, denn als das CMS programmiert wurde, da gab es noch keine WYSIWYG-Editoren und die Webseiten hatten gerade erst gelernt, Tabellen fehlerfrei zu beherrschen. Man erinnere sich: Es war erst 1994, als das Internet hier in Deutschland so langsam Einzug hielt und seinerzeit auch noch längst nicht für jedermann! Statt WYSIWYG ist bei den Beiträgen eine bestimmte Syntax einzuhalten, die frappierend an die alte EPSON-ESC/P2-Programmierung aus den 1980er-DOS-Jahren in Verbindung mit tief ineinander verschachtelten WENN-DANN-Formelabfragen in Excel erinnert. Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, ein gut präpariertes Fossil wie z. B. einen Dinosaurier zu neuem Leben erwecken zu müssen.

Es gibt da unendlich viele Fallstricke in diesem Uraltsystem: Das Prozentzeichen löscht einen vorausgegangenen Zeilenumbruch, Leerzeichen werden außer zwischen Wörtern überlesen, der Bindestrich kennzeichnet eine pointed list, das Eurozeichen gibt es noch nicht (z. Zt. der Programmierung hatten wir noch die D-Mark), in Tabellen kann Text nur vertikal zentriert dargestellt werden, die Möglichkeiten zur Textformatierung existieren nur rudimentär (rot-fett, fett, normal, blassgrün hinterlegt und das war’s dann auch schon) usw. Bilder können nur einzeln in einer ganz bestimmten Größe und als JPG hochgeladen werden und sind vor der Benutzung zwangsweise mit etlichen, manuell einzutippernden Attributen zu versehen etc. Da musste ich mir erstmal so ein kleines Tutorial für basteln. Erst danach habe ich aktiv mit der Fossilienreanimation beginnen können. Was ich dabei ziemlich ätzend finde: Alles muss immer erst mit dem Vereinsvorstand abgesprochen werden. Das verzögert die Sache, obgleich mir da ziemlich freie Hand gelassen wird. Immerhin habe ich die alte Startseite, mit der man keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken konnte, schonmal ersetzen dürfen: Der Dinosaurier macht die ersten, strauchelnden Schritte. Hoffentlich fällt er nicht auf die Schnauze! Mal sehen, was da noch draus wird.

Von einem Beherrschen des Systems bin ich allerdings noch weit – sehr weit! – entfernt. Da stecken noch zu löschende Uralt-Beiträge in den Tiefen, die lt. Übersichtsliste überhaupt nicht vorhanden sind. Da sind die automatischen Copyrightvermerke unter den Bildern, die ich um’s Verrecken nicht ausblenden kann. Das sind dann alles noch die Arbeiten, die so nebenbei laufen. Ich sehe aber bereits ein Licht am Ende des Tunnels (hoffentlich ist es kein Zug!). Allerdings werde ich mich da wahrscheinlich auch nicht mehr allzu weit einarbeiten bzw. nicht als Archäologe betätigen, denn der Verband hat schon anklingen lassen, dass ein neues CMS kommen wird. Bloß wann steht noch in den Sternen. Und die Moral von der Geschicht’: Etwas, was sich anfangs ganz einfach anhört, kann durchaus verdammt komplexe Züge annehmen und echt Arbeit machen! Wenn ihr irgendwelche Zugangsdaten habt, dann verwaltet die gut! Nicht, dass es euch so geht wie mir. Oder wie meiner Schwägerin vor gut einem Jahrzehnt, als ihr Ex-Gatte mit ‘nem Schlaganfall tot vom Fahrrad kippte und alle Zugänge mit ins Grab nahm. Allein mit der Telekom hat sie sich deswegen fast ein Jahr lang rumärgern müssen! BTW: Unter Windows ist m. E. die gute, alte Freeware “Alle meine Passworte (AmP)” geradezu perfekt für derartige Verwaltungsaufgaben. Und ein Produkt wie z. B. die Leistungen des VWE kann noch so interessant (und gut!) sein, aber wenn die PR dafür sträflichst vernachlässigt wird, dann kräht irgendwann kein Hahn mehr danach! Dann wird das Ding unverdienterweise zum Ladenhüter!

fossil2

2 Antworten auf Fossilienreanimation

  • Soeckchen sagt:

    Ich hätte erstmal die Inhalte und Grafiken soweit kopiert, das alte CMS vom Webspace runtergekracht und mit Joomla, Typo3, WordPress (kann man auch wie statische Website proggen) oder mit Data Becker neu aufgesetzt. Layout für genannte CMS hätte ich mit Artisteer gemacht und am Ende dem Verein Rechnung geschrieben

    Aber so wie es aussieht, hast Du das prima gemacht. Doch verdient hast Du bestimmt nix dabei. :-(

    Ich hab bei sowas immer eine 400er Pauschale plus Extras. Man muss ja auch die Zeit, Aufwand, Software, Energieverbrauch, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Umsatzsteuer usw usw mit einrechnen und am Ende will man ja selber vllt auch noch 2 Hunnis verdienen. Zahlbar innerhalb von 4 Wochen, bar wird auch akzeptiert. Ist jedenfalls bei mir so. Denn das Leben ist teuer und das Sterben ist auch nicht gerade billig. Das klingt alles erstmal teuer, aber rechnet man die Zeit und Aufwand, wo man teilweise auch nix anderes machen kann, dann hat man, wenn man da nicht aufpasst, mitunter einen Stundenlohn von 85 Cents und dann kommt trotzdem irgendwann ein Finanzamt angetrabt und unterstellt einem horrende Umsätze. Das geht überhaupt nicht sowas! Von daher kann ich auch diese Freiberufler nicht verstehen, die sich da bei Clickworker und Co selbst ausbeuten und mit ihren Entwürfen bei gegenseitiger Preisunterbietung um die Wette eifern. Wer sich die Ausgabe von Rabattscheinen leisten kann, hat auch Geld, Dienstleistungen entsprechend zu vergüten.

    Wer das nicht begreift und nicht bereit ist zu bezahlen, hätte sich ein anderes Wirtschaftssystem als den Kapitalismus raussuchen müssen.

    • Eine komplett neue Seite wäre zweifellos die sinnvollste Lösung gewesen, aber da bin ich an den Landesverband gebunden, der so einiges vorgibt. Da der Verein aufgrund von Überalterung nicht mehr sonderlich viele Mitglieder zählt (bei uns im Ort sind es aktuell bloß noch schlappe 217 Leute) und ergo kein Geld hat mache ich das freiwillig. Ja, kostet viel Zeit! Doch mit der alten Seite bin ich jetzt erstmal auf Reihe und auch alle Inhalte habe ich gesichert. Mir ist gestern aber eher durch Zufall aufgefallen, dass offensichtlich bereits drei Ortsvereine mit einem wesentlich aktuelleren System arbeiten (und ein neues System sollte ja kommen):
      http://deister-suenteltal.imvwe.de/
      http://pohle.imvwe.de/
      http://bakede.imvwe.de/
      Diesbezüglich werde ich mal meine Fühler ausstrecken, denn die aktuellen Inhalte habe ich jetzt ja.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*Das Captcha bitte eingeben!

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>