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Ein niedliches Mistvieh.

Was empfinden wir als niedlich? Niedlich ist, wenn etwas in das so genannte “Kindchenschema” fällt. Das Kindchenscham ist bei Wikipedia wie folgt definiert: “Das Kindchenschema bezeichnet die bei Menschenkindern und bei Jungtieren vorkommenden kindlichen Proportionen, vor allem auch bestimmte Gesichtszüge, die als Schlüsselreiz wirken und so das Brutpflegeverhalten auslösen.” Kindliche Proportionen bedeutet in erster Linie einen im Vergleich zum Körper relativ großen Kopf, am besten noch gepaart mit großen, runden und unschuldig blickenden Kulleraugen.

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Ungefähres Verbreitungsgebiet der Waschbären hierzulande, basierend auf den Abschüssen. Je roter, desto mehr Tiere pro Quadratkilometer.

Nehmen wir zunächst als Gegenbeispiel mal die Wanderratte. Die findet kaum einer niedlich. Weil bei ihr der Kopf gegenüber dem Körper vergleichsweise klein ausfällt. Gleiches gilt für die Augen. Die Wanderratte gilt als Krankheitsüberträger (völlig zu Recht, wenn ich mir so die massiv gehäuften Hanta-Fälle im Osnabrücker Raum und im Großraum Hannover angucke) und als Schädling, weil sie Löcher in Holz nagt, Brutgelege überfällt und Vorräte vernichet. Wanderratten haben zwar natürliche Feinde, aber da sie sich schneller als Karnickel vermehren, werden sie manchmal gejagt und getötet. Es sind Mistviecher.

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Fotofalle: Die Zaunlatten des in einen Handgranatenwurfstand verwandelten Komposters sind 90cm hoch. Der Waschbär misst bei diesem Tier im Sitzen auch 90cm, so dass die Betonung wohl eher auf “Bär” liegen muss.

Gleichfalls Mistviecher – aber eben aufgrund der eher kindlichen Proportionen als niedlich empfunden – sind Waschbären. Zuerst wurden hier in der Zeit des Dritten Reiches welche ausgesetzt (“Görings Günstlinge”: 1934 setzte das Forstamt Vöhl am Edersee auf Geheiß von Hermann Göring einige Exemplare aus); später kamen Tiere aus zerbombten Wildgehegen hinzu. In Niedersachsen sind die ersten freilebenden Waschbären 1952 nahe Hardegsen nachgewiesen worden; heute gilt das Weserbergland (inklusive seiner Fortsetzung, nämlich des Süntels) als Waschbärenhochburg – zur Verbreitung vgl. obige Grafik. Da der Waschbär hier keine natürlichen Feinde hat, vermehrt er sich über Gebühr und gilt als so genannte “invasive Art”, die (Bayern ausgenommen) ganzjährig abgeschossen werden darf. Ein Waschbär kommt nämlich selten allein! Die Waschbärenpopulation in Deutschland ist seit den 1990er Jahren exponentiell angestiegen, wie die jährlichen Abschüsse belegen: Beginnend mit ein paar Hundert geht das jetzt stramm auf die Hundertausend zu! Das betrifft nur rein die Abschüsse. Wie groß die hiesige Waschbärenpopulation tatsächlich ist, vermag niemand zu sagen: Görings Günstlinge sind jetzt, gut 80 Jahre später, zum echten biologischen Problem geworden und vorsichtige Schätzungen sprechen von minimal einer halben Million Tieren.

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Fotofalle: Anhand der Größe der Tiere lässt sich abschätzen, ob es sich um nur ein Tier oder um mehrere nächtliche Besucher handelt.

Dieses allesfressende Problem (was seinen Erfolg bedingt) räubert Nisthöhlen und Gelege aus, stiehlt Vorräte, plündert Obstbäume, reißt Hühner und Gänse, bewirkt bei Hafer und Mais Ernteschäden, frisst Schnecken, macht vor Fledermäusen nicht halt, bricht Abfallbehälter auf, verwüstet Blumenbeete und der Komposter im Garten wird als Haute cuisine betrachtet. Biotonnen werden geöffnet und Müllbeutel werden aufgerissen, so dass sie in Folge die eingangs erwähnten Ratten anlocken und wenn der Waschbär kräftig genug ist, dann bricht er (wie bei uns geschehen) auch schon mal eine Zaunlatte raus. Sein Nahrungsangebot in Ortschaften und Gärten ist geradezu paradisisch, selbst auf kurzgemähtem Rasen findet er massenhaft Regenwürmer. Zudem überträgt er Krankheiten (durch seinen Kot einen Spulwurm der beim Menschen das ZNS schädigt, dazu Tularämie, Leptospirose, die Chagas Krankheit uvm.). Hinzu kommen noch Gebäudeschäden, wenn er sich in Dachböden, Zwischendecken und Gartenschuppen einnisten sollte. Das alles bietet ihm nämlich hervorragende Schlafplätze und Orte für die Jungenaufzucht. Lose Dachziegel oder loses Mauerwerk räumt er aus dem Weg, um einen Einschlupf zu finden und selbst Bleiziegel vermag er aufzubiegen. Mit anderen Worten: Aller Niedlichkeit zum Trotz greift dieser Schädling mittlerweile ganz massiv in das hiesige Ökosystem ein, bewirkt eine Störung und ist nicht nur lästig, sondern vielmehr sogar gefährlich!

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Fotofalle: Wenn die Waschbären erst einmal herausbekommen haben, wo es was zu holen gibt, dann kommen sie auch beinahe täglich wieder!

Die Störung in einem Ökosystem pflanzt sich wie eine Laufmasche fort. Niemand kann im Vorfeld sagen, wohin sie führen wird. Die logische Folge “Waschbär frisst Eier bewirkt weniger Vögel bewirkt mehr Schadinsekten bewirkt mehr Krankheitsüberträger” ist nur eines von vielen möglichen Szenarien, weil die ökologischen Zusammenhänge nun einmal rückgekoppelt (rekursiv) und vielfältig verlaufen. Das ist das grundlegende Problem mit den “Biologischen Invasionen“: Aus falsch verstandenem Tierschutz befreite Pelztiere, fremde Pflanzen und andere, eingeschleppte Organismen werden nicht selten zur ökologischen Zeitbombe. Das geschieht nicht von heute auf morgen, aber doch nach Ablauf vieler Jahrzehnte irgendwann einmal. Anfangs tut sich für lange, lange Zeit nämlich gar nichts: Der fremde Organismus fristete sein Dasein und passte sich über Generationen hinweg an die neue Umgebung an. Irgendwann aber hat sich die neue Umgebung verändert, was besagtem Organismus (sowohl Tier wie auch Pflanze) einen ökologischen Vorteil verschafft und dann vermehrt der sich hemmungslos. Die Sicherung von Mutter Natur gegen überschießende Populationen besteht darin, dass irgendwann eine Seuche ausbricht und die Störung wieder auf ein erträgliches Maß zurechtstutzt. Allerdings kann das dauern und das betroffene Ökosystem ist dann i. d. R. bereits irreparabel verarmt.

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Die Tiere richten zwar nicht immer Schaden an, aber immer öfter!

Wie wird man die Viecher wieder los? Eigentlich gar nicht! Die Empfehlung, den Komposter verschlossen zu halten, ist ziemlich daneben, weil das Ding dann nur noch unter Schwierigkeiten benutzt werden kann und die Kompostierung gestört wird. Waschbären einfach abzuschießen ist verboten, da sie dem Jagdrecht unterliegen. Ebenso sind Lebenfallen verboten, zumal die nicht ungefährlich sind. Denn das panische Tier darin ist ziemlich wehrhaft; im Web sind mehrere Fälle beschrieben worden, bei denen in Panik geratene Waschbären sogar Jagdhunde getötet haben. Ultraschall könnte dauerhaft eingesetzt zwar vielleicht was bringen, ist für eigene Haustiere aber die reine Tierquälerei. Die Drahtgestelle an Dachrinnen-Fallrohren betrachtet der Waschbär bestenfalls als willkommene Kletterhilfe. Vergrämend wirken die nur, wenn man die Drahtenden nadelspitz anfeilt und mit Curare bestreicht. Das Beleuchten seines Versteckes oder des Komposters setzt eine Stromversorgung nebst IR-Falle voraus und ist daher ziemlich aufwändig. Batteriebetrieben wird das auf die Dauer zum teuren Stromfresser und mit Netzstrom betrieben ist es eine Einladung für Einbrecher. Der Bewegungssensor mit dem Einschalten von lauter Musik ruft bestenfalls nachts den Nachbarn auf den Plan und nach spätestens drei Tagen gibt’s deswegen böses Blut. Eklige Gerüche, um das Viehzeug zu vertreiben – also Mottenkugeln oder ammoniakalische Flüssigkeiten wie bspw. WC- und Rohrreiniger – wittern schnell aus und können im günstigsten Fall ein paar Tage lang wirken. Vielleicht versuche ich das mal mit scharfen, überlagerten und getrockneten Chilis, denn in die Löcher von Erdratten praktiziert hat das ja auch geklappt. Mal abwarten.

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Dieser Plagegeist ist nur so lange niedlich, wie man nichts mit ihm zu tun hat!

[Nachtrag 22.06.2017]
Es ist schon beeindruckend, wie schnell so ein Waschbär laufen kann, wenn er auf der Flucht ist! Immerhin: Solarbetriebener LED-Strahler mit Bewegungsmelder funktioniert ziemlich gut als Waschbärenscheuche!

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