urstaat

Weil es in der “metallzeitung Juni 2017″ auf S. 22 thematisiert wurde und ich denke, dass es von allgemeinem Interesse sein könnte: Darf hier in der BRD (Bananen Republik Deutschland) ein Arbeitgeber einen Bewerbercheck im Internet (im neudeutschen Managerjargon als “Pre-Employment Screening” oder als “Background Check” bezeichnet) durchführen? Jein. Was in den USA und in GB gang und gäbe ist, fällt hier in eine juristische Grauzone, für die §3 und §32 BDSG (Bundesdatenschutzgesetz) zuständig ist. Was er darf: Er darf reguläre Suchmaschinen sowie berufsorientierte Netzwerke wie “Xing” oder “LinkedIn” für derartige Recherchen heranziehen. Für Bewerber kann es daher von Vorteil sein, rechtzeitig entsprechend präparierte Internetseiten quasi zur Eigenwerbung zu schalten. Allerdings bedingt das selbstverständlich auch, dass der Betreffende tunlichst mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten hat. Was der potenzielle Arbeitgeber hingegen nicht darf: Er darf sich nicht in sozialen Medien wie bspw. bei Facebook als Freund ausgeben, um Kenntnisse über private Details zu erlangen, denn das verletzt die Persönlichkeitsrechte des Betroffenen. Das hindert den Spitzel selbstverständlich aber nicht daran, ausländische Firmen zu beauftragen, die exakt eben derartige Recherchen als Dienstleistung anbieten.

Die Frage ist, warum er es tun sollte. Warum werden Mitarbeiter bespitzelt? Warum gibt es in vielen Unternehmen eine lückenlose Videoüberwachung? Vielleicht einfach nur deswegen, weil der Arbeitgeber es kann. Vielleicht will er auch nur zeigen, wer der Herr im Hause ist oder vorsorglich Material sammeln, welches es ihm irgendwann einmal gestattet, einen auffällig gewordenen Mitarbeiter mit haarsträubender Begründung eiskalt abservieren zu können. Tja… – tut der Arbeitgeber das auch? Recherchiert er im Netz? Auch hier lautet die Antwort “Jein”. Einerseits besagen Umfragen, dass etwa die Hälfte der Arbeitgeber das tut. Andererseits, wenn man sich einmal in Personalerforen umhört (wobei es nicht sonderlich schwer ist, da reinzukommen, weil Datensicherheit hierzulande für die meisten Unternehmen immer noch ein Fremdwort ist), dann scheinen derartige Recherchen wohl doch eher die Ausnahme zu sein.

Im Regelfall wird seitens der Personaler nämlich gesagt, dass man für solche Recherchen gar keine Zeit habe und sie nur in Ausnahmefällen durchführen würde. Auf der anderen Seite aber finden sich in Bewerberforen mit schöner Regelmäßigkeit Aussagen dahingehend, dass man im Bewerbungsgespräch auf private Dinge, die man bspw. bei Facebook seinen Freunden mitgeteilt hat, angesprochen worden ist. Das wiederum spricht dann für derartige Recherchen und stützt die o. e. Umfragen. Nehmen wir nun einmal an, der Arbeitgeber in spé hätte solche ihm eigentlich verbotenen Recherchen (was im Grunde genommen ja nichs anderes als ein elektronisches Stalking ist) durchgeführt. Welche rechtlichen Möglichkeiten hat dann der Bewerber (oder auch Arbeitnehmer), um dagegen vorzugehen?

Im Grunde genommen gar keine, jedenfalls nichts, was auch nur ansatzweise praktikabel erscheint. Theoretisch sieht es so aus, dass der Betroffene (also das Opfer des elektronischen Stalkings) beweispflichtig ist. Er muss den gerichtstauglichen Beweis dafür erbringen, dass er durch die rechtswidrige Recherche einen Schaden erlitten hat und kann dann den Schnüffler wegen Schadenersatz verklagen sowie sich bei der zuständigen Datenschutzbehörde über den Arbeitgeber beschweren. Das heißt: Der Bewerber muss beweisen, dass er ohne das Stalking den Job bekommen hätte und ihm aufgrund des Stalkings somit ein Schaden entstanden ist. Einen derartigen Beweis zu führen ist aber ein Ding der Unmöglichkeit! Da das Stalkingopfer zudem i. d. R. nicht weiß, wer wann worauf zugegriffen hat und der Arbeitgeber über die größeren finanziellen Rücklagen für eine juristische Auseinandersetzung verfügt (womöglich sogar noch eine eigene Rechtsabteilung hat) ist das alles eben nur eine rein theoretische Möglichkeit. Was im Klartext bedeutet: Der Arbeitgeber kann machen was er will, und zwar ungestraft!

Ich selbst hatte einmal – das liegt jetzt rund 15 Jahre zurück – einen Arbeitgeber, der mit schöner Regelmäßigkeit allen Mitarbeitern (es handelte sich nur um ein kleines Unternehmen mit sechs Beschäftigten) im Internet hinterher spionierte, Dossiers anlegte und so Material für vorzeitige Kündigungen sammelte. Er kopierte alles was er finden konnte, um daraus Kündigungsgründe konstruieren zu können. Aus seiner Sicht rechnete sich das durchaus, denn nur einer (ich selbst) zerrte ihn deswegen vor den Khadi; alle anderen schluckten die Kündigung stillschweigend. Das alles diente dem Aushebeln des Kündigungsschutzes und zeugte von einem tief empfundenen Misstrauen des Chefs seinen Untergebenen gegenüber. Woher stammte dieses Misstrauen? Er kannte sich mit Zahlen aus. Aber nicht mit Menschenführung. Das erzeugte Unsicherheit und diese Unsicherheit äußerte sich in einem geradezu neurotischen Kontrollzwang. Überflüssig zu erwähnen, dass er gleiche Methoden auch gegenüber Geschäftspartnern anwandte, um die über den Tisch ziehen zu können: Business is war!

Zitat aus “Die Zeit“: “Was immer das Vertrauen bröckeln ließ, Tatsache ist, dass nach einer Untersuchung des Gallup-Instituts für Unternehmensberatung nur noch zwölf Prozent der Beschäftigten in Deutschland irgendeine Form von emotionaler Bindung zu ihrem Arbeitsplatz verspüren. Anders gesagt: Den Mitarbeitern liegt nichts mehr an ihren Chefs. Und wenn den Chefs auch nichts mehr an ihren Mitarbeitern liegt, gibt es für die Bespitzelung nur noch eine Grenze: das technisch Machbare. Diese Grenze aber verschiebt sich von Jahr zu Jahr weiter.” D. h., dass sich die im Grunde genommen illegale Internetbespitzelung durch Bosse nicht nur auf Bewerber beschränkt, sondern vielmehr auch bereits Arbeitnehmer betrifft. Die Chance dafür, dass es sich so verhält, liegt bei ungefähr Fifty-Fifty. Dagegen vorgehen kann der Betroffene aufgrund der Beweispflichtigkeit im Grunde genommen gar nicht. Und so zeigt sich hier nur wieder einmal auf’s Neue einer der bösesten Auswüchse des leidigen Neoliberalismus: Arbeitgeber werden auf Händen getragen, während Arbeitnehmer alles hinnehmen müssen, inklusive illegaler Aktivitäten ihrer Arbeitgeber. Das aber ist Zweiklassenrecht in Reinkultur! Höchste Zeit, dass wir der neoliberalen Sekte endlich das Handwerk legen!

Eine Antwort auf Recherchen

  • Soeckchen sagt:

    Ja aber was ich nicht verstehe ist, wieso die Leute auch alles überall und das noch teilweise unter Klarnamen im Internet breittreten müssen. Wenn man so blöd ist und im Internet alles unter seinem Namen veröffentlicht, dann muss man sich doch nicht wundern, wenn auch ein Arbeitgeber das liest und sich seinen Reim drauf macht. Ich hab noch nie verstanden, warum sich Leute Profile anlegen. Wozu soll das gut sein? Wenn ich ständig die Fenster sperrangelweit offen habe, muss ich mich nicht wundern, wenn mir andere in die Bude glotzen und meine Privatsphäre verletzen. Ich konnte noch nie irgendwelchen “Social Medias” etwas abgewinnen und mir will nicht in den Kopf, warum die Leute nach 25 Jahren Internet dieses Medium immer noch nicht verstanden haben.

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