nahtod

Die Neurobiologie behauptet, dass unser Bewusstsein das Ergebnis der Hirnströme ist. Das “Licht”, von dem Menschen mit Nahtoderfahrung immer wieder übereinstimmend berichten, wird z. Zt. wissenschaftlich (noch) mit einer überproportional großen Endorphinausschüttung erklärt. Mit anderen Worten: Da soll eine Art von Rauschzustand auftreten, der zu Halluzinationen führt. Ich für meinen Teil vermag das nicht so recht zu glauben (zur Begründung s. u.), aber wer das anzweifelt, wird gerne in die Esoterik-Ecke geschoben. Ich habe dieen Zustand erlebt – heute vor 29 Jahren. Damals war ich klinisch tot und musste reanimiert werden.

Manchmal – man höre und staune! – setzt sich die Wissenschaft mit dem Tod auseinander. Der Versuchsaufbau ist simpel: Man nehme eine Gruppe von Versuchspersonen, die unter kontrollierten Bedingungen verstorben sind und die dann reanimiert wurden. Nämlich Herzpatienten. Acht Sekunden nachdem das Herz aufgehört hat zu schlagen, gibt es auch keine Hirnströme mehr: Der Mensch ist tot. Er denkt nicht mehr. Und hat in eben diesem Zustand – ohne Hirnströme – die Nahtoderfahrung. Lt. Neurobiologie kann das aber gar nicht sein … Irgend etwas stimmt da folglich sind. Entweder lügen die Probanden allesamt in übereinstimmender Weise ohne sich vor ihrem unerwarteten Tod untereinander abgesprochen zu haben – was nicht möglich ist – oder aber die vorherrschende Lehrmeinung in der Neurobiologie ist schlichtweg falsch.

Ich selbst tendiere zur letztgenannten Variante. Seit damals. So ein Erlebnis verändert alles, und zwar einschneidend und grundlegend – das Denken, das Handeln, das Streben, die Sicht der Welt. Ich habe damals die ganz subjektive Erfahrung gemacht, das um unser Universum herum oder daneben oder wie auch immer noch mindestens eine Art von “zeitloser” Dimension existieren muss (vielleicht auch mehr), in die man überwechselt – eine Erfahrung, die sich nicht nur mit der anderer Betroffener deckt, sondern die mittlerweile auch seitens der Psychologie mit der so genannten “NDE Skala” erforscht wird. Aber auch eine Erfahrung, die der geltenden Quantenphysik respektive Hawking’schen Kosmologie entspricht. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass Bewusstsein unabhängig vom Gehirn existiert, dass es vielmehr überall mehr oder weniger vorhanden ist (in jedem Lebewesen und Gegenstand) und eine Art von “Anker” braucht, um sich hier im Einsteinraum zu manifestieren. Je komplexer eine Struktur ist, desto umfangreicher gelingt das Verankern – und unser Gehirn ist nun einmal die komplexeste Struktur, die wir kennen.

Wie dem auch sei – die Angst vor dem Tod existiert danach nicht mehr. Aber das Erlebnis bleibt unvergessen. Ich habe es vor Jahren zu Papier gebracht; die Geschichte ist ganz bewusst in meinen beiden Anthologien “Nicht von dieser Welt” und “Lebensfarben” zu finden. Außerdem veröffentlichte ich sie auch einmal in meinem alten Blog. Zusätzlich wurde sie zu einem der Grundpfeiler meines Fantasy-Romans “Norgast“. Ich will diese sehr persönliche Geschichte aber auch einmal einem größeren Publikum vorstellen. Hier ist sie …
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Nahtoderfahrung

Niemand kennt den Tod, es weiß auch keiner, ob er nicht das größte Geschenk für den Menschen ist. Dennoch wird er gefürchtet, als wäre es gewiss, dass er das Schlimmste aller Übel sei.
(Sokrates)

Wochenlang war ich schon krank. Ernsthaft krank. Deswegen gab’s auch schon Trouble mit dem Arbeitgeber. Dann schleppte ich mich zwischendurch mal wieder für einen Tag oder so hin. Jeder sah, wie beschissen es mir ging, aber die weltfremden Personaler interessierte das sowieso nicht. Behandelt wurde ich ja “nur” auf eine Halsentzündung hin. Das es Infektiöse Mononucleose war, die unbehandelt häufiger tödlich endet, erfuhr ich erst sehr viel später – nämlich im Krankenhaus. Genial, welche diagnostischen Fähigkeiten unsere “ausgebildeten Mediziner” an den Tag legten! Und wenn Leber und Milz aufgrund des Tätigkeit des Epstein-Barr-Virus ihre Größe gut verdoppeln und trotzdem nicht mehr richtig funktionieren, dann sieht man das ja von außen nicht.

Ergo ist man auch nicht krank und das hohe Fieber war sicherlich nur eingebildet. Soviel zur Vorgeschichte. Ich habe nie heraus bekommen, wo und wie ich mir das eingefangen habe. Es war am 18.06.1988, als die Sache ihrem Höhepunkt zustrebte. Seit ein oder zwei Wochen hatte ich nichts mehr essen können. Ging einfach nicht durch den Hals; die Schmerzen dabei waren zu groß. Alles zugeschwollen und das rohe Fleisch trat zutage. Und wenn tatsächlich was reinkam, dann war es aufgrund der geschädigten inneren Organe sofort wieder draußen. Und seit fast zwei Tagen passte da auch keine Flüssigkeit mehr durch. Der Durst war schier unerträglich. Wir – meine Frau und ich (Kinder hatten wir damals noch nicht) – waren an dem besagten Tag zu einer Hochzeit bei einem nahen Verwandten von mir eingeladen. Nachdem das Fieberthermometer 40,8°C anzeigte legte ich mich ins Bett und bat meine Frau, allein dorthin zu fahren. Sie fuhr. Was dann geschah, das habe ich bewusst nicht mehr alles mitbekommen. Einiges schon, wenngleich auch auf einer anderen Ebene. Anderes wurde mir später erzählt.

Aus einem heute nicht mehr nachvollziehbaren Grund verließ meine Frau die Feier schon kurz, nachdem sie begonnen hatte. Ein schlechtes Gefühl trieb sie dazu – Vorahnung, Telepathie? Fuhr nach Hause. Sie fand mich bewusstlos vor und alarmierte den Rettungswagen. Zwei Sanitäter schleppten mich in so einer Art von Sitz durch das Treppenhaus die zwei Etagen nach unten zum RTW, aber das nahm ich schon aus einer gänzlich anderen Perspektive wahr. Ich schwebte über der Szene, war auf unbestimmbare Weise noch immer irgendwie locker mit dem kranken Körper verbunden. Im Wagen dann hektische, unergründliche medizinische Anstrengungen an einem leblosen Stück Fleisch. Der Körper – mein Körper! – war mir in diesem Moment so etwas von absolut scheißegal wie nur irgendwas …

Er ging mich einfach nichts mehr an! Keine Schmerzen mehr, alle Unannehmlichkeiten schlagartig verschwunden. Wie weggewischt. Ich schwebte immer weiter von der Szene weg. Der RTW kurvte in halsbrecherischem Tempo in Richtung Krankenhaus; das zumindest konnte ich irgendwie (?) sehen. Es amüsierte mich. Warum machten die bloß so einen Aufstand? Bekamen die denn gar nicht mit, wie herrlich ich mich fühlte? Kein Grund zur Hektik! Arme Irre! Ein schönes, erhebendes, ja geradezu ekstatisches Glücksgefühl. Unvergesslich! Fliegen, Schweben! Dunkler Raum um mich herum, aber nicht schwarz. Zeitlos. Darin so beige-graufarbene, halbkugelige Punkte (andere Menschen?). Von links unten bis etwa zur Mitte hin bewegte sich eine helle, cremefarbene Scheibe (oder vielleicht auch eine Art von Tunnelöffnung) in mein Gesichtfeld. Ich wusste instinktiv, dass es so etwas wie ein Tor oder Durchgang ist. Ganz weit weg und kaum noch merklich waren immer noch die hektischen Sani’s mit meinem Körper zugange. Wiederbelebungsversuche nach Herz-Kreislauf- und Atemstillstand, wie mir später berichtet wurde. Flatliner: Ich war in dem Moment schon klinisch tot.

Doch zurück zu der Scheibe. Ihr Inneres war ätherisch-zart, nebelartig-durchlässig, gelblichweiß (aber nicht grell) und von einer unvergleichlichen, harmonischen, überirdischen Schönheit. Es leuchtete. Der Rand war gleichzeitig scharf umgrenzt und irgendwie auch wieder nicht. Fraktal würde es wohl noch am besten treffen. Dieser Durchgang übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus. Ich fühlte mich eins mit allen Wesen, mit der gesamten Schöpfung, war unendlich glücklich, gelöst und bewegte mich auf dieses Licht zu. Ohne Hast, den Augenblick genießend. Auch die halbkugeligen Punkte bewegten sich jeder für sich in diese Richtung. Ich wusste: Das da vorn ist der Übergang auf eine neue Ebene der Existenz. Sie endet nicht mit dem Tod und es gibt zahllose Ebenen. Grenzenlose Neugier erfüllte mich. Doch dann: Die Scheibe klappte oder faltete sich irgendwie seitlich weg, gerade so, als sollte mir die Passage verwehrt werden. Nahezu übergangslos fand ich mich in meinem alten Körper wieder, spürte erneut unerträglichen Durst und grässliche Schmerzen. Wie eine Welle schlug das über mir zusammen. Ätzend! Doch zwei Sachen waren von dem Ausflug hängen geblieben. Nämlich einerseits das sichere Wissen, dass unsere irdische Existenz nur einen Zwischenschritt darstellt und mit dem Tod absolut nicht alles zu Ende ist (sondern dass stattdessen etwas Neues beginnt) und andererseits das Wissen, noch etwas erledigen zu müssen. Nur was, dass war mir schleierhaft.

Später – ich blieb satte zwei Wochen im Krankenhaus – erzählte man mir auf meine Nachfragen hin, dass ich klinisch tot gewesen, stark dehydriert und mit 41°C Fieber eingeliefert worden sei. Das ein Epstein-Barr-Virus Krebs verursacht (der kam dann auch prompt später und den habe ich besiegt). Seltsame Dualität der Ereignisse: Etwa ein Jahr später passierte einem ehemaligen Arbeitskollegen von mir etwas Ähnliches. Er war Bienengift-Allergiker und wurde gestochen. Schockreaktion, auch Flatliner. Wir sprachen später mal über unsere Nahtod-Erlebnisse. Seines war mit meinem nicht gleich zu setzen, doch beide Erlebnisse ähnelten einander auf frappierende Weise. Die Ereignisse veränderten unser beider Leben unabhängig voneinander dahingehend, als dass wir praktisch schlagartig aufhörten, irdischen “Reichtümern” nachzujagen und uns stattdessen mit der eigenen Spiritualität beschäftigten – ja, versuchten, die möglichst auch auszuleben. Was einem “Otto Normalverbraucher” nicht gerade leicht macht – da erfährt man bestenfalls ein mitleidiges Lächeln oder Unverständnis.

Ein Wissenschaftler würde jetzt natürlich einwenden können, dass ein Gehirn im Moment des nahen Todes Endorphine und Endocannabinoide in sehr großen Mengen ausschüttet und dass die so etwas wie das o. a. Erlebnis verursachen können – quasi eine Art von Trip. Dem jedoch setze ich ganz unwissenschaftlich und subjektiv entgegen, dass solche Erlebnisse nach meinem ganz individuellen Empfinden absolut echt sind und damit die Existenz von Astralebenen (oder von unterschiedlichen Realitäten bzw. Existenzebenen?) belegen.

Der Tod ist für mich seit damals keine unmittelbare Bedrohung mehr – nichts, was man fürchten müsste. Alle negativen Erfahrungen enden an der Grenze. Die Existenz geht weiter. Ein Nahtoderlebnis verändert das Denken und Erfahren des Betroffenen dauerhaft und nachhaltig. Mitunter mag das etwas länger dauern, doch es geschieht unausweichlich. Man richtet im Laufe der Zeit den Blick nach Innen und wird gefestigter. Bei mir selbst erwirkte das Erlebnis den Entschluss, endlich so zu leben, wie ich wirklich bin. Meine schon seit jeher vorhandene Synästhesie nicht mehr länger zu verheimlichen. Ich selbst lebe sehr gut mit diesem offenen Umgang mit meiner subjektiven Wahrnehmung. Das bringt einem – natürlich, denn wie sollte es auch anders sein? – schon häufiger seltsame Blicke oder ablehnende Reaktionen seiner Mitmenschen ein. Na und?!?

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