rilernen

Wichtige Vorbemerkung: Alles das, was nun folgt, erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch, denn ich habe (vom Ausbilder nach AEVO mal abgesehen) nie eine pädagogische Ausbildung absolviert! Sehr wohl aber war ich vier Jahre lang betrieblicher Ausbilder, bin über viele Jahre hinweg als Vater für das Lernen meiner Kinder zuständig gewesen (weil die Schule diesbezüglich schlicht versagt hat) und war zudem über neun Jahre hinweg in verschiedenen Minijobs als Ersatzlehrkraft an einer IGS tätig. Insofern gründet sich all das, was jetzt kommt, auf meine ganz realen Erfahrungen. Und nun zum Thema, nämlich zum richtigen Lernen.

Kein Mensch kann oder weiß alles. Jeder Mensch lernt und das Lernen begleitet uns im Idealfall unser ganzes Leben lang. Einige sind vom Lernen begeistert, andere verabscheuen es. Woher kommt diese Diskrepanz? Sie hängt von der inneren Einstellung zum Lernen ab, davon, ob in der Vergangenheit richtig – d. h. mit Spaß und Erfolgserlebnisse vermittelnd – oder aber demotivierend-falsch gelernt worden ist. Die eine Methode macht neugierig; die andere stumpft ab. Was aber macht richtiges Lernen aus? Richtiges Lernen ist mehr als nur die bloße Fähigkeit, Fakten, die sich auch irgendwo nachschlagen lassen, korrekt wiedergeben zu können. Das können Papageien auch. Richtiges Lernen befähigt nämlich dazu, besagte Fakten auch in einen Zusammenhang bringen und Schlüsse daraus ziehen zu können. Das aber funkioniert nur dann, wenn das Lernen sich an den praktischen Erfordernissen orientiert und nicht zum abstrakten Selbstzweck wird. Dabei spielen nicht nur der Lehrende, sondern gerade auch die Lehrmittel eine wesentliche Rolle.

Dazu ein Beispiel: Als ich im Jahr 1976 in Braunschweig (damals Westdeutschland) mein Chemiestudium begann, da wurden uns dringend einige Fachbücher empfohlen, und zwar das “Organikum”, “Chimica” (das “Anorganikum”), das “Analytikum”, “Chemie – Nachschlagewerke für Grundlagenfächer” u. a. Die Bücher stammten von “VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften”, “VEB Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie”, “VEB Fachbuchverlag Leipzig” usw. – oder kurz: Es handelte sich durchweg um DDR-Fachbücher. Zwar gab es im Westen auch recht ordentliche Fachbücher, aber nichts, was sich gleichermaßen zum Lernen eignete. Warum war das so? Weil die genannten DDR-Bücher durchweg ausgesprochen praxisorientiert aufgebaut worden waren, so nach dem Schema “vom Praktiker für den Praktiker”. Das vereinfachte nicht nur das Lernen, sondern beinhaltete aufgrund des damit verbundenen Erfolgserlebnisses auch noch einen bemerkenswerten Spaßfaktor.

Heute sind derart qualitativ höchstwertige Lehrmittel rar; sie haben echten Seltenheitswert. Denn da ist es für die Verlage einfacher, ein Kapitel eines Buches als Auftragsarbeit auszuschreiben, dem preiswertesten Angebot den Zuschlag zu erteilen und die nicht aufeinander abgestimmten Kapitel anschließend seitens eines (fachfremden) Lektors zu einem Buch zusammen fassen zu lassen. Was dabei herauskommt ist ein Lehrbuch, mit dem niemand so recht etwas anfangen kann, weil darin der rote Faden in Form einer logischen Folge fehlt. Unterschiedliche Schreibstile von Kapitel zu Kapitel sowie gar nicht mal selten komplett fehlender Praxisbezug (weil ein vom Schreiben lebender Theoretiker das betreffende Kapitel verfasst hat) führen dazu, dass besagtes Lehrbuch zum “Leerbuch” wird. Mit dem dürfen sich dann die Schüler herumärgern. Lehrer und Ausbilder könnten nun versuchen, dem entgegen zu wirken, indem sie eigenes Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellen. Doch das ist wieder mit Zusatzkosten, unbezahlter Mehrarbeit und zu beachtenden Copyright-Vorschriften verbunden, so dass es nur im Ausnahmefall zur Alternative wird. Halten wir also fest: Es fehlt an wirklich guten Lehrmitteln im Sinne von Praxisbezug.

Doch die Digitalisierung wird’s schon richten, glaubt so mancher Verantwortliche und setzt sich für Tablets, Whiteboards, Computer u. ä. in den Schulen ein. Sicher, so etwas ist zeitgemäß. Doch auch das sind nur Werkzeuge zum Vermitteln von Lehrinhalten, obendrein sogar noch Werkzeuge, welche gar nicht mal selten von den genannten Inhalten ablenken. Wenn aber schon die Inhalte nichts taugen, dann kann auch die Digitalisierung nichts retten. Bleiben wir daher noch einen Augenblick lang bei den Inhalten. Die bestehen nämlich, grob eingeteilt und völlig unabhängig davon, ob es sich nun um ein althergebrachtes Lehrbuch oder um irgendwelchen digitalen High-Tech-Schnickschnack handelt, aus zwecklosen und aus wertvollen Informationen.

Es ist absolut nicht sinnvoll, zwecklose Information auswendig zu lernen und hinterher perfekt wiedergeben zu können. Hingegen ist es unendlich wichtig, die wertvollen Informationen aus dem Informationsangebot herausziehen zu können. Weil nur das der intellektuellen Weiterentwicklung dienlich ist. Erfolgt hier nämlich keine Differenzierung, dann entsteht bestenfalls ein wirres Durcheinander. Nur mangelt es an der Fähigkeit, wertvolle von zwecklosen Informationen trennen zu können. Oder, anders ausgedrückt: Wer belesen ist, der muss noch lange nicht gebildet sein. Halten wir also fest: Angelernte Informationen sind nicht zwangsläufig auch für die intellektuelle Weiterentwicklung wichtige Informationen.

Der erste Schritt des richtigen Lernens besteht folglich darin, wichtige von unwichtigen Informationen zu trennen. Das muss man üben. Funktioniert ganz einfach: Man nehme z. B. die Rede eines x-beliebigen Politikers und streiche alle überflüssigen Füllworte. Anschließend streiche man alle nebulösen, unkonkreten Aussagen sowie alles, was nicht zutrifft. Was danach noch übrig bleibt – normalerweise ein winziger Bruchteil des ursprünglichen Textes – beinhaltet die wichtigen Informationen (bleibt nichts mehr übrig, dann hat man es mit einem Heißluftproduzenten zu tun). Diese Methode funktioniert in allen Bereichen des täglichen Lebens hervorragend. Wichtige Informationen sollte man sich merken. Damit sind wir bei der Merkfähigkeit, die durch Verstehen und Kreativität positiv beeinflusst wird.

Was aber fördert jetzt die Merkfähigkeit? Unser Schulsystem ganz sicher nicht, denn das differenziert zwischen Haupt- und Nebenfächern, nimmt folglich bereits im Vorfeld eine subjektive Wertung vor. Dabei muss das gar nicht sein! Das Erlernen von Gedichten mag manch einer für sinnlos halten, doch es fördert die Merkfähigkeit ganz enorm. Sport (nicht nur Leichtatlethik, Fuß- und Völkerball, sondern auch auch Schießen, Schach u. ä.!), Kunst, Musik, Werken und Aktivitäten draußen (Wandertage!) fördern darüber hinaus das Verstehen und die Kreativität. Woraus folgt: Die Differenzierung zwischen Haupt- und Nebenfächern ist kontraproduktiv! Dagegen fördert ein fachübergreifender Unterricht das Assoziieren (das “um-die-Ecke-Denken”) und weckt Verständnis für den Lernstoff.

Werfen wir nun einen Blick auf den Lernstoff an sich, Beispiel Mathematik: “Ein roter und ein blauer Goldfisch wandern durch die Wüste. Wieviel wiegt die Palme, wenn es bei Dunkelheit regnet?” Ihr kennt sicherlich alle die total ätzenden Matheaufgaben dieser Art, die so weltfremd sind, dass kein Mensch damit etwas anzufangen vermag. Oder die gerade in der Mathematik weit verbreitete Ableitungsonanie. Sicher, das Umstellen von Formeln sollte schon sitzen; es ist eine reine Übungssache. Aber warum etwas komplizierter machen, als es eigentlich ist?

Vereinfachung ist angesagt! Vereinfachung bedeutet aber insbesondere auch, so genannte “Eselsbrücken” zu verwenden! Eselsbrücken gibt es reichlich und einige davon kennt jeder. Bleiben wir gleich bei der Mathematik: Das Volumen des Zylinders ist Pizza. Hä??? Ganz simpel: “V = Pi * z * z * a” mit z als Radius und a als Höhe des Gebildes. Derartige Merksätze gibt es aus so ziemlich allen Bereichen. Im Deutschunterricht: “Wer nämlich mit h schreibt ist dämlich.” Im Chemieuntericht: “Die sechste Hauptgruppe des PSE lautet ‘Opa sieht sehr teure Pornos’” (Sauerstoff O, Schwefel S, Selen Se, Tellur Te, Polonium Po). Und wer sich gewählt ausdrücken will, der redet dann eben nicht von Eselsbrücken, sondern neudeutsch von “Mnemotechniken”.

Ergänzend zu den Mnemotechniken empfiehlt es sich unbedingt auch, Alternativen anzubieten. Dazu sei auch wieder ein Beispiel aus der Mathematik angeführt, nämlich das “Vedische Rechnen“, getreu dem alten Sprichwort: “Alle Wege führen nach Rom.” D. h. wer sich die eine Methode zur Lösung einer Aufgabe nicht merken kann, der ist vielleicht mit einer anderen Methode wesentlich besser bedient. Dabei übt das Kopfrechnen die Anwendung derartiger Methoden und das händische Aufschreiben bewirkt eine wesentlich bessere Erinnerung an das Lösungsverfahren als das Eintippen über eine Tastatur! Richtiges Lernen setzt folglich eine fachübergreifende Zusammenarbeit von Fachlehrern voraus, wobei bspw. im Deutschunterricht über das Erlernen von Gedichten die Merkfähigkeit geschult wird, die im Mathematikunterricht zum Erlernen unterschiedlicher Rechenmethoden erforderlich ist.

Doch es geht ja noch weiter. Die seitens der Lehrkraft eigentlich nur noch moderierte Arbeit in Kleingruppen mit zwei bis vier Schülern (erfahrungsgemäß max. acht Schülern) ist deutlich effektiver als der überforderte Vortänzer und Streitschlichter vor 35 Schülern, die machen, was sie wollen. Auch ist unbedingt zu berücksichtigen, dass nicht jeder zu jeder Zeit gleich gut lernfähig ist; d. h. es sind sowohl das altersgemäße Lernvermögen wie auch chronobiologische Grundlagen zu berücksichtigen. Die ersten drei Stunden des Arbeitstages sind nämlich die, in denen der Biorhythmus hochgefahren wird und der Körper am wachsten ist. Das ist die beste Phase für kreative bzw. anspruchsvolle Lernleistungen. Nach dem morgendlichen Hoch fährt der Organismus dann wieder herunter, und zwar meist um die Mittagszeit herum. Viele Menschen stecken daher zwischen zwei und drei Uhr nachmittags in einem Leistungstief.

Das zeigt Auswirkungen auf zwei grundverschiedene Menschentypen, nämlich auf den Frühaufsteher und auf den Langschläfer. Der Frühaufsteher profitiert davon, wenn eine Lernzielkontrolle bereits in den frühen Vormittagsstunden erfolgt. Der Langschläfer, dessen natürlicher Biorhythmus durch das erzwungene, frühe Aufstehen ohnehin schon durcheinander gebracht worden ist, ist dann aber chancenlos, obgleich er vielleicht sehr viel kompetenter ist. Lernzielkontrollen (Klassenarbeiten) sollten sich an derartigen Fakten orientieren und in der Überlappungsphase beider Menschentypen – d. h. so ab etwa 10:00 Uhr – erfolgen, um wenigstens ein Minimum an Chancengleichheit gewährleisten zu können.

Auch die Dauer des Konzentrationsvermögens gilt es zu beücksichtigen. Ein Kind von 5-7 Jahren (1.-2. Klasse) kann sich 15 Minuten lang konzentrieren. Ein Kind von 7-10 Jahren (3.-5. Klasse) schafft 20 Minuten. Bei einem Kind von 10-12 Jahren (6.-7. Klasse) reicht das Konzentrationsvermögen für 25 Minuten aus und ein Kind von 12-16 Jahren (8.-11. Klasse) bringt es auf 30 Minuten. Woraus unzweifelhaft folgt: Lern- und Entspannungsphasen müssen altersgemäß aufeinander abgestimmt sein und Doppelstunden bringen absolut gar nichts! Mehr noch: Wer entwicklungsmäßig zurück hängt (Stichwort Spätentwickler), der wird aufgrund des nicht altersgemäßen Verteilens nach Klasse 4 von unserem Schulsystem unrettbar abgehängt. Dabei muss das gar nicht sein!

Und nun kommt der Clou meiner Ausführungen: All das, was ich oben zum richtigen Lernen gesagt habe, ist durchweg nur eine rein organisatorische Sache. D. h. eine Realisierung des richtigen Lernens würde Länder und Staat keinen müden Cent zusätzlich kosten! Man müsste eben nur ein überaltertes System modernisieren, um es an die heutige Zeit anpassen zu können. Genau das aber scheint unerwünscht zu sein, denn unser heutiges Bildungssystem fördert Blender. D. h. es werden diejenigen gefördert, die sich normieren und anpassen lassen und die zugleich über ein leidlich gutes Gedächtnis verfügen, aber nicht zwangsläufig auch denken können.

Wenn man das jetzt mit dem Homeschooling vergleicht, dann stellt man unzweifelhaft fest, dass das Homeschooling sich eher am richtigen Lernen orientiert. Könnte es nicht vielleicht sein, dass richtiges Lernen zu mitdenkenden, kritisch hinterfragenden Menschen führt und dass das Homeschooling eben genau deswegen hierzulande verboten ist bzw. dass eben auch deswegen unser Schulsystem kein richtiges Lernen unterstützt? Und welches Licht wirft das dann auf unsere Entscheidungen treffende, herrschende, selbsternannte “Elite”?

Eine Antwort auf Richtiges Lernen?

  • Vogtländerin sagt:

    Ich, von 1976-1988 das DDR Schulsystem durchlaufen, greife ständig auf meine alten Bücher zurück, um meine Kinder, 16 und 13 Jahre alt, im Gymnasium zu unterstützen. Die Kinder behaupteten, es stehe nix im Buch – was stimmt! Aber offenbar nehmen alle Eltern das hin! Bei jeder Schulaufgabe, die einigermaßen gut überstanden wurde, freue ich mich, aber ich weiß auch, dass meine Kinder eigentlich gar nichts wissen…

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