kehrseite1

“Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an, und der Arme sagte bleich: Wär ich nicht arm wärst du nicht reich.”
(Bertolt Brecht)

Unsere führenden Parteien hängen unisono der Doktrin des Neoliberalismus an. Der folgt der Trickle-down-Theorie und besagt, auf einen kurzen Nenner gebracht: Wenn man die Reichen nur reich genug macht, dann fällt irgendwann schon irgendwas für das Fußvolk ganz unten dabei ab. Klingt zwar gut, funktioniert aber schon seit über dreißig Jahren nicht und wird wahrscheinlich auch niemals funktionieren, weil die Trickle-down-Theorie einen Urinstinkt vollkommen unberücksichtigt lässt. Das ist die Gier. Die verhindert, dass irgendwann irgendwas für das Fußvolk da unten überhaupt abfallen kann. Wenn nun aber bei zwangsläufig begrenztem Rohstoffangebot – wozu auch die finanziellen Mittel zu zählen sind – einer immer reicher wird, dann werden automatisch viele immer ärmer. Das ist nämlich die Kehrseite des Neoliberalismus: Armut und Reichtum sind die beiden Seiten einer Münze. Der Reichtum einiger Weniger fußt zwangsläufig immer auf der Armut Vieler!

Schaut man sich nun einmal diese Kehrseite – nämlich die Armut – genauer an, dann finden sich da für das heutige Deutschland scheinbar widersprüchliche Angaben. Mal ist davon die Rede, dass jeder Sechste, mal jeder Fünfte und mal jeder Vierte arm ist. Woher kommen diese unterschiedlichen Angaben? Das ist eine reine Definitionsfrage. Die EU hat 2003 drei Armutskategorien festgelegt und das sind
- Einkommensarmut,
- von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht (d. h. armutsgefährdet) sowie
- erheblich materiell depriviert.

Die “Einkommensarmut” beschreibt noch den harmlosesten Fall, wenn nämlich am Ende des Geldes noch so verdammt viel Monat übrig ist. In der Kategorie “armutsgefährdet” ist es bereits nicht mehr möglich, den gewohnten Lebensstandard zu halten, so dass Verschuldung und sozialer Abstieg unausweichlich folgen. Bei “erheblich materiell depriviert” fehlt es u. U. schon am Dach über dem Kopf und an was zum Beißen auf dem Tisch. Ganz unabhängig von der Armutskategorie aber zeichnen alle drei Einstufungen ein geschöntes Bild, weil die Obdachlosigkeit dabei komplett unbrerücksichtigt bleibt. D. h. Obdachlose fallen völlig durch’s Raster. Das kommt Regierungen, welche geschönte (manipulierte) Armutsberichte herausgeben, schonmal seht entgegen. Selbstverständlich ist es auch nur logisch, dass eine Regierung, um selbst gut dastehen zu können, sich nur auf die letztgenannte Armutskategorie konzentrieren und die beiden anderen Kategorien bewusst außer Acht lassen wird.

Aber letztlich ist dieses ganze Differenzieren völlig unerheblich, denn es taugt lediglich für Zahlenspielereien. Arm ist eben arm und das ist der Fall, wenn man seinen Lebensstandard zugunsten anderer herunterfahren muss. Da ist es egal, ob das jeden Sechsten, Fünften oder Vierten betrifft! Es gibt nämlich eine Frage, die sehr viel wichtiger als die Frage nach dem Armutsumfang ist, und zwar: Welche Auswirkungen – welche Folgen – hat Armut für eine Gesellschaft? Die Antwort auf diese Frage ist insofern interessant, weil sie belegt, dass ein zu großer Armutsanteil auch auf die Profiteure – d. h. auf die Reichen – zurück fällt und für die selbst kontraproduktiv wird. Betrachten wir daher mal nur einige der Auswirkungen von Armut im Detail.

Bildung von Subkulturen mit eigenen Regeln:
Wer arm ist, der setzt nicht mehr auf den Staat, sondern auf andere in ähnlicher Situation. Auf diese Weise bilden sich Subkulturen mit eigenen Regeln heraus. Da diese Regeln auf die Existenz des Verarmten ausgerichtet sind und eben nicht darauf, die Reichen im Staat noch reicher zu machen, kollidieren sie über kurz oder lang zwangsläufig mit den geschriebenen Gesetzen u. d. h. solche Subkulturen werden zunächst diskriminiert und anschließend kriminalisiert.

Konflikte, Flucht und Vertreibung:
Die Kriminalisierung kann durchaus ihren Niederschlag in Gewaltexzessen finden, einerseits in Bandenbildung (Stichwort “Organisierte Kriminalität”) und andererseits in reiner, animalischer Zerstörungswut, wie es der G20-Gipfel in Hamburg demonstriert hat. Gegen solche Auswüchse vorzugehen ist allerdings immer nur der sinnlose Versuch, an den Symptomen einer sozialen Krankheit herum zu kurieren. Die wahren Ursachen trifft man damit nie. Die Vertreibung u. d. h. das “Entmieten” bestimmter Stadtteile, um die Unterschicht loszuwerden (inklusive der von den Jobcentern oft und gerne eingesetzten Deportation nebst Residenzpflicht) bewirkt lediglich, dass die Reichen unter sich bleiben und die Augen vor der Wirklichkeit verschließen können.

Mangel an Bildung und Ausbildung:
Jemand aus der Unterschicht kann noch so intelligent und befähigt sein, aber wenn ihm unbezahlbare Lehrer sowie Lehrmittel fehlen, dann ist er chancenlos. Und selbst dann, wenn er diese Hürde irgendwie nehmen sollte, fehlt es ihm hinterher zum sozialen Aufstieg in die Oberschicht an den notwendigen Beziehungen. Was bleibt, ist eine gewisse Art von “Karriere” in seiner eigenen Subkultur, die durchaus zum Kiezkönig o. ä. führen kann.

Umweltschäden:
Wer in der neoliberal erzeugten Unterschicht um sein Überleben kämpfen muss, der hat keinen Sinn dafür, die ihn umgebende Umwelt zu schützen. Ganz im Gegenteil sogar, denn wenn besagte Umwelt ihm irgendeinen Vorteil verschaffen kann, dann muss er den sogar nutzen, um selbst am Leben zu bleiben. Deswegen wird der Umweltschutz bei Verarmung automatisch erst ganz, ganz weit hinten angesiedelt werden – wenn überhaupt!

Hunger und Unterernährung:
Im Kampf um das Überleben in der seitens des Staates vorsätzlich verarmten Unterschicht ist der Hunger nicht fern. Es wird das gegessen, was finanzierbar ist und eben nicht das, was auch gesund ist bzw. vom Körper wirklich gebraucht wird. Fehl- oder Mangel- bzw. Unterernährunng sowie eine allgemein gesundheitlich geschwächte Bevölkerung sind die unausweichlichen Folgen. Um diesem Hunger zu entgehen, ist jede Arbeitsstelle recht – auch die ohne Arbeitnehmerrechte und die mit Dumpinglöhnen oder mit zum Leben nicht ausreichendem Mindestlohn. All das haben wir bereits. Den Profit davon fahren nur die Reichen ein.

Kindersterblichkeit und Lebenserwartung:
Aufgrund der so vorprogrammierten, gesundheitlichen Probleme ist das Gesundheitssystem überfordert, denn die Armut greift ja um sich. Bei konstanter Anzahl an Medizinern bzw. Pflegepersonal und beständig steigendem Anteil an Personen, die auf eine solche Versorgung angewiesen sind, ist zwangsläufig irgendwann der Punkt erreicht, an dem das System kollabieren muss. Zuerst zeigt sich das im Pflegenotstand (den wir bereits haben) und anschließend wahrscheinlich im Anstieg der Kindersterblichkeit. Selbstverständlich sinkt auch die Lebenserwartung in der schlecht versorgten Unterschicht; bereits heute klafft da eine Lücke von über einem Jahrzehnt. So gesehen sollte man den Neoliberalismus getrost als das betrachten, was er im Grunde genommen auch ist, nämlich nichts anderes als fahrlässige Tötung. BTW: Welches Licht wirft das auf die Politclowns, die dieser finanzfaschistischen Pseudoreligion anhängen?

Krankheiten:
In einer allgemein geschwächten Bevölkerung haben Krankheitserreger leichtes Spiel, das belegen nicht zuletzt – hier nur exemplarisch angeführt – die “Spanische Grippe” von 1918 bis 1920 oder die Ebola-Epidemie von 2014 bis 2016. D. h. Verarmung fördert Krankheitsausbreitung. Eine gewisse ausgleichende Gerechtigkeit ist lediglich darin zu sehen, dass auch Reiche nicht vor Krankheitserregern gefeit sind. Das Gegenbeispiel für gute medizinische Versorgung liefert die SARS-Pandemie von 2002 bis 2003. Ihr erlagen nämlich bei guter medizinischer Versorgung nur etwa 50 Menschen, während der Anteil an Toten bei schlechter Versorgung knapp zwanzigmal höher war.

Radikalisierung (und Terrorismus):
Wer nichts mehr zu verlieren hat – und in einer dank Verarmung um’s Überleben kämpfenden Unterschicht hat man außer dem Leben auch nichts mehr zu verlieren – der nimmt sich irgendwann, was ihm vorenthalten worden ist. Vielleicht verschafft der Betreffende seinem Unmut durch Terrorakte Luft. Vielleicht aber radikalisiert er sich auch und versucht zusammen mit Gleichgesinnten, sich gewaltsam das zu holen, was ihm zusteht. Je größer die sozialen Spannungen werden, desto mehr steigt auch diese Gefahr. Herrschende können dann nur noch versuchen, durch Bespitzelung, Überwachung und Gewalteinsatz im Innern die verarmte Bevölkerung zu unterdrücken. Jedewede Demokratie geht dabei allerdings zwangsläufig verloren. Was diese Zustände betrifft, da stecken wir mittendrin. Die Unterdrückung funktioniert aber immer nur für einen gewissen Zeitraum und wird schließlich in einer Revolution münden. Die Geschichte ist voll von derartigen Beispielen: Frankreich 1789, Russland 1917, Kuba 1953, Portugal 1974, Chile 1990 usw. Revolutionen können sowohl erfolgreich wie auch erfolglos sein, sind aber immer mit dem Tod vieler unschuldiger Menschen verbunden. Hingegen hat es in Staaten mit funktionierendem Sozialsystem und OHNE soziales Spannungsgefüge noch nie eine Revolution gegeben!

Daraus nun ist unschwer ersichtlich, dass Armut letztlich in Form von Gewalt und Krankheit auf ihre Verursacher zurückfallen muss. Bis das geschieht vergeht zwar einige Zeit, aber es ist offenbar unausweichlich – nämlich spätestens dann, wenn sich eine Demokratie zum totalitären Staat gewandelt hat. In heutiger Zeit ist das dann keine Monarchie mehr, wie es früher der Fall war, sondern an die Stelle der Monarchen sind Plutokraten und Oligarchen getreten. Der moderne, totalitäre Staat ist nach außen hin bzw. auf dem Papier zwar vielleicht pro forma noch eine Demokratie, basiert aber auf dem Prinzip des Finanzfaschismus – oder, wie Heiner Geißler es so treffend ausdrückte (Zitat): “Wir haben Geld wie Dreck. Es haben nur die falschen Leute.

Genau das ist der springende Punkt. Seit über dreißig Jahren läuft jetzt schon die von nackter Gier gespeiste Umverteilung von unten nach oben. Knapp die Hälfte dieses Zeitraumes ist durch massivste Vernichtung eines einst sehr gut funktionierenden Sozialstaates gekennzeichnet. Rund ein Drittel dieses Zeitraumes wurde dazu missbraucht, Arbeitnehmerrechte abzubauen, Dumpinglöhne weit unterhalb der Armutsgrenze zu zementieren und die Überwachung sowie Bespitzelung der Bevölkerung im ganz großen Stil auszubauen. Den o. e. Finanzfaschismus haben wir bereits. Doch er sitzt noch nicht fest genug im Sattel. Noch könnte man das Ruder herum reißen. Aber nicht, indem man so genannte “Volksparteien” (d. h. Sekten-ähnliche Gebilde mit einem Politguru an der Spitze), welche dem Neoliberalismus huldigen, unterstützt!

“Wer den Privatbesitz an Produktionsmitteln nicht preisgeben will, wird den Faschismus nicht loswerden, sondern ihn brauchen!”
(Bertold Brecht)

kehrseite2

3 Antworten auf Die Kehrseite

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*Das Captcha bitte eingeben!

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Wetterwarnungen

News per RSS

Counterize

Seitenaufrufe: 1154686
Seitenaufrufe heute: 109
Letzte 7 Tage: 5249
Besucher online: 0

Oktober 2017
M D M D F S S
« Sep    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031  

Social Media

free twitter buttons



Meine HP & Bücher

Uhrzeit