Mal so eine kleine Xavier-Nachlese, bedingt durch gestrige, regionale Vorfälle. Die Bahn verwendet keine Dieselloks mehr. Stattdessen ist alles elektrifiziert. Fällt nun ein Baum sturmbedingt auf eine Oberleitung, dann wird die gekappt. Dann bleibt der Zug stehen weil er keinen Fahrstrom mehr hat. Früher gab es für solche Fälle noch Dieselloks als Ersatz. Heute kaum noch. Das hängt mit Wartungskosten, Einsparungen usw. zusammen. Gestern nun sorgte Xavier dafür, dass verdammt viele Bäume auf verdammt viele Oberleitungen gefallen sind. In Folge blieben auch verdammt viele Züge stehen. Tausende von Reisenden strandeten irgendwo im Nirgendwo. Auf den großen Bahnhöfen wie bspw. in Hannover half die Bahn den Reisenden mehr schlecht als recht – nämlich so gut es eben möglich war.

Was aber passierte mit den armen Schweinen, die irgendwo in der Pampa rumstehen mussten? Beispiel Haste, der Bahnknotenpunkt vor Hannover (ein 2.700-Seelen-Dorf): Ab 13:00 Uhr ging da gar nichts mehr. Die Züge erreichten noch den Bahnhof und das war’s dann. Alles aussteigen … Draußen erwartete die Reisenden kübelweise Regen und der Orkan. Keine Möglichkeit zum Unterstellen, kein Schutz. Nichts. Auch kein Schienenersatzverkehr und keine Info. Wer nicht mehr besonders weit weg wollte und Glück hatte, der erwischte eines der ganz seltenen Taxis. Oder spontanes und selbstorganisiertes Car Sharing war angesagt.

Blieben noch 160 Menschen übrig, die sich (inklusive kleiner Kinder) draußen hungernd und frierend bei extremem Mistwetter den Ar… abfroren. Wie gesagt: Das geschah um 13:00 Uhr. Um 20:45 Uhr – d. h. nach Ablauf von beinahe 8 Stunden – wurde die DRK-Bereitschaft über die hungernden und frierenden Menschen informiert. DRK-Bereitschaft, das bedeutet Decken, Zelte, Gulaschkanone usw. Die könnte folglich zumindest ein Minimum an Schutz und Hilfe zur Verfügung stellen.

Allerdings muss die erst alle freiwilligen Helfer zusammentrommeln (dauert vielleicht eine Stunde, denn die verteilen sich auf den gesamten Landkreis). Die Helfer fahren dann einen zentralen Punkt an. Der befindet sich in Obernkirchen. Dort wird das benötigte Material übernommen. Obernkirchen-Haste über Land, weil die Bundesstraßen auch wegen umgestürzter Bäume unpassierbar geworden sind: Rund 50 Kilometer oder knapp eine Stunde an Fahrzeit. Anschließend der Materialaufbau. Veranschlagen wir dafür auch mal rund eine Stunde. Dann sind vom Beginn der Alarmierung bis hin zu den ersten, konkreten Hilfen für die Reisenden schonmal mindestens drei Stunden vergangen. Für die betroffenen Reisenden bedeutet das dann aber schon ein Ausharren von 11 Stunden ungeschützt in Sturm, Regen und Kälte.

All das hat mit Katastrophenschutz zu tun. Der ist in Deutschland landesrechtlich organisiert u. d. h. hier wäre der jeweilige Landrat der zuständige Ansprechpartner. Nun kann man von dem Reisenden aus NRW, der sich auf dem Weg nach Magdeburg befindet und in Haste gestrandet ist, wohl kaum erwarten, dass er die Telefonnummer des zuständigen Landrates parat hat geschweige denn, dass der im Falle eines Anrufs zu dem auch noch durchgestellt wird. Hier tut sich also eine große Lücke im Zivil- bzw. Katastrophenschutz auf, bei der echter Verbesserungsbedarf besteht.

Nur nur mal so als Vorschlag und zum drüber nachdenken: Wir haben bundesweit den Notruf 110 für die Polizei und 112 für die Rettungsdienste. Wäre es da nicht vielleicht sinnvoll, auch eine zentrale Notrufnummer für solche Fälle wie die o. e. gestrandeten Reisenden einzuführen? Das könnte dann ungefähr so ablaufen: Die Reisenden stranden. Seitens der Bahn kommt (wie üblich) keinerlei Info. Die Gestrandeten melden sich bei der Notrufnummer. Von dieser Zentrale aus wird der zuständige Landrat informiert, der dann seinerseits irgendwen (Polizei, Ordnungsamt – völlig egal) losschickt, damit die sich vor Ort ein Bild von der Lage machen können. Und anhand dieses Bildes können anschließend Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden. Das würde m. E. alles zwar auch etwas Zeit beanspruchen, aber man könnte damit vermeiden, dass die Menschen über zig Stunden hinweg im wahrsten Sinne des Wortes im Regen rumstehen!

BTW: Im Fernsehen habe ich die Berichte vom Hbf Hannover gesehen. Da standen tausende von Menschen über Nacht rum. Die Bahn verteilte zwar Hotelgutscheine, was allerdings ab einem gewissen Zeitpunkt nichts mehr brachte, weil alle erreichbaren Hotels belegt waren. Schön und gut, aber … – unmittelbar vor dem Bahnhof, unter dessen Vorplatz, befindet sich der so genannte Bunker. Der ist auch heute noch für aktuelle Notfälle vorgesehen, top gepflegt und bietet Platz zur Übernachtung für ein paar tausend Menschen. Warum hat man den gestern eigentlich nicht aufgemacht?

Eine Antwort auf Notruf?

  • Jokerman sagt:

    Manchmal wundert man sich über die Blödheit der Planer. In Berlin auf dem Hauptbahnhof (das ist der, wo kurz nach Fertigstellung ein paar Deckenplatten runter gekommen sind) standen etliche Hundert Menschen. Auf dem ganzen Bahnhof gibt es eine(!!!) Toilette! Die reicht schon im normalen Bahnhofsbetrieb nicht aus, dort stehst du _immer_ in einer Schlange. Und nun erst Hunderte gestresster, durchgefrorener Menschen. Da krieg ich schon von der Vorstellung allein ne Reizblase…

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