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Die nachfolgende Story – in der es um H4 nebst Mobbing und Bossing geht – ist eine Wiederöffentlichung, denn das publizierte ich bereits in meinem alten Blog am 03.10.2009 und vier Jahre später fand die Geschichte auch Eingang in eines meiner Bücher. Obwohl es sich bei dem besagten Buch um eine Sammlung von kleinen SF-Geschichten handelt, ist an der nun folgenden Sache lediglich eins fiktiv. Das sind die Namen. Alles andere hat sich ziemlich genau so abgespielt und vor allem die beleidigenden sowie hämischen Äußerungen des Chefs sind durchweg authentisch. Das liegt jetzt ungefähr ein Dutzend Jahre zurück. Da ich nicht glaube, dass sich zwischenzeitlich zumindest in gewissen Unternehmerkreisen viel verändert haben dürfte, halte ich die Kurzgeschichte für immer noch aktuell. Deswegen erscheint sie noch einmal, nämlich als Anregung zum Nachdenken. BTW: Das dargestellte Ingenieurbüro existiert noch heute. Geblieben sind seither nur der inzwischen zum mehrfachen Millionär avancierte mobbende Boss und sein heute den Betrieb leitender Schleimer. Allerdings ist die Firma heute nicht mehr eigenständig, sondern zum verlängerten Arm eines Großkonzerns degeneriert. Der hat jetzt das alleinige Sagen. Eins vielleicht noch: Es existieren ja im Web gewisse Portale zur Arbeitgeberbewertung. Nach meiner ureigenen Erfahrung findet man da KEINEN Klartext, so wie in dieser Geschichte, denn Kritisches wird, wie ich es selbst erlebt habe, umgehend gelöscht. Daher vertrete ich die Auffassung, dass besagte Portale lediglich der Selbstbeweihräucherung von Arbeitgebern dienen.
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Pariaproduktion

Eigentlich fing das alles ganz unmerklich und schleichend an. Leo Loser arbeitete als Mädchen für alles in einem kleinen, aber gut gehenden Ingenieurbüro. Offiziell war er hier als Sachbearbeiter tätig, der einen bestimmten Kundenstamm zu betreuen hatte. Tatsächlich aber bestimmte der Alte, dass jeder jeden im Notfall müsse ersetzen können, damit die Arbeit auch bei Krankheit, Außendienst – von dem es viel und reichlich gab – oder Urlaub reibungslos weiterlaufen konnte. Leo verstand und akzeptierte die dahinter stehende Logik. Das war sinnvoll und nachvollziehbar. So kam es, dass sein Tätigkeitsbereich von der Messtechnik über die Kundenschulung und allgemeine Büroarbeiten bis hin zum technischen Einkauf, der Angebotsbearbeitung und der Büroorganisation reichte. Sie – er und die paar Männecken, die hier sonst noch tätig waren – bildeten ein eingeschworenes Team in der Firma, die der Alte selbst aufgebaut hatte.

Leo entwickelte neue Messverfahren und das Unternehmen profitierte davon. Ihm gelangen traumhafte Vertragsabschlüsse und das Unternehmen profitierte davon. Er wählte geeignete Software für die Firma aus und das Unternehmen profitierte davon. Es gelang ihm, auch wankelmütige Kunden auf die Firma einzuschwören und das Unternehmen profitierte davon. Er machte seine Arbeit verdammt gut! Allerdings konnte er – genau wie seine Kollegen – keinen Titel vorweisen, sondern stattdessen nur mehrere Berufsausbildungen und eine gehörige Portion an praktischer Erfahrung. Sein Chef ging auf die Siebzig zu. Der beabsichtigte, aus Altersgründen das Unternehmen in die Hände eines Jüngeren zu legen. Aber da es sich um ein Ingenieurbüro handelte, musste der künftige Juniorchef über den betreffenden Titel verfügen.

Damit schieden alle Personen des bisherigen Teams automatisch aus und der Alte stellte jemanden von draußen ein. Dem ersparte der Alte nichts. Der künftige Vorgesetzte musste alle Abteilungen durchlaufen, musste alles von der Pike auf erlernen. Wie sehr dem das schmeckte – oder besser gesagt nicht schmeckte – war für jeden offensichtlich. Der Neue schien ein “Herr von was Besseres” zu sein. Nach zwei Jahren war es dann soweit: Der Alte übergab das Unternehmen an den Jüngeren und zog sich zurück. Praktisch taggleich veränderte sich das Arbeitsklima gravierend. Am Anfang stand eine Umfirmierung – der Name des bisherigen Geschäftsführers entfiel von Heute auf Morgen komplett. Aber das sollte nur der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Veränderungen werden. Der Juniorchef trommelte die Belegschaft zusammen und hielt eine kurze Ansprache: “Ihr seid elf Leute. Das sind zwei zuviel. Der Schlendrian, der hier eingerissen ist, hat jetzt endgültig ein Ende. Witze machen und sowas gibt es nicht mehr. Ihr seid zum Arbeiten hier! Die vorhandene Arbeit muss nur anders verteilt werden und dann ist sie auch mit weniger Personal noch gut zu schaffen. Das geschieht alles im Sinne des Unternehmens. Ich brauche junge, dynamische und engagierte Mitarbeiter – kein altes Eisen!” Das war’s also.

Leo und seine beiden älteren Kollegen blickten sich vielsagend an. Leo zählte 46 Jahre. Einer der beiden anderen war 51, der Älteste 57. Wen von ihnen würde es wohl zuerst treffen? Doch die befürchteten Kündigungen blieben aus. Es kam ganz anders. Anfangs jedenfalls. Es traf einen jüngeren Kollegen. Der leistete sich eine unentschuldbare Verfehlung, indem er im Außendienst nach Feierabend mit der firmeneigenen Digitalkamera ein einziges privates Foto vom Sonnenuntergang über dem Rhein machte. Ein Kündigungsgrund, gar keine Frage! Zu dessen bisherigen Tätigkeiten zählte die Administration des EDV-Netzwerkes. Die wurde Leo Loser mit den Worten “Sehen Sie zu, dass Sie damit zurecht kommen, sonst sind Sie der Nächste” aufgedrückt. Doch umgehend erfolgte eine Neueinstellung als Ersatz für den ausgeschiedenen Kollegen. Ein junger Mann ohne berufliche Erfahrung, aber mit der vorzüglich ausgebildeten Eigenschaft, immer und ständig “Ja Chef – gerne Chef – darf ich Ihnen die Tür aufmachen Chef” zu sagen.

Der Juniorchef stand auf solche Typen. Der Neue – ein Schleimer und Speichellecker – erhielt umgehend externe Weiterbildungen bei einem Unternehmensberater. Erst viel später sickerte durch, dass besagte Weiterbildungen einzig den Begriff Mobbing zum Thema hatten. “Kreatives Personalmanagement” nannte sich das und war steuerlich absetzbar. Gleichzeitig wurde einem der bisherigen Mitarbeiter Prokura verliehen, nämlich der früheren rechten Hand des Alten – weil der Juniorchef auf dessen Fachwissen nicht verzichten konnte. Aber nur Prokura auf Zeit, verbunden mit einer Lohnerhöhung auf Zeit. Das konnte beliebig verlängert werden – oder auch nicht. Geld und Macht stellten schon im Mittelalter beliebte Verfahren dar, um Untergebene an sich zu binden.

Der Neue hingegen gefiel sich darin, die Kollegen zu bespitzeln und alles brühwarm seinem Vorgesetzten aufzutischen. Das blieb für das Betriebsklima natürlich nicht ohne Folgen: Jeder gegen Jeden und der Einzelne nur noch für sich selbst. Das Team zerbrach. Nun war der Zeitpunkt gekommen, an dem der Boss sich sein erstes, wirkliches Opfer auswählte. Es handelte sich um den Ältesten der Kollegen. Nur allzu oft wurden dem unmöglich zu erfüllende Arbeitsaufträge mit noch viel unmöglicherem Zeitplan erteilt. Der Chef stellte sich wie ein Oberlehrer täglich hinter ihn und beobachtete gehässig kommentierend dessen Arbeit. Da wurde auch schon mal die Brille des Kollegen für ein paar Stunden versteckt und zugleich die Beschriftung auf dessen Monitor verkleinert, so dass der sich mächtig abmühen musste. Was aufgrund dieser Verhältnisse in der regulären Arbeitszeit nicht geschafft werden konnte, das durfte gezwungenermaßen nach Feierabend unentgeldlich nachgearbeitet werden – kommentiert von den höhnischen Bemerkungen des Chefs hinsichtlich der mangelnden Leistungsfähigkeit angehender Rentner.

Stress pur – was nicht ohne Auswirkungen blieb. Der Kollege zog sich ein Magengeschwür zu, fiel immer häufiger krankheitsbedingt aus und hatte dennoch Glück im Unglück: Er wurde in den vorgezogenen Altersruhestand abgeschoben. “Bossing macht krank. Passen Sie bloß auf, dass der neue Chef Sie nicht zu seinem Mülleimer macht. Denn wenn ich weg bin, dann sucht der sich garantiert ein neues Opfer.” Das waren die Worte des Kollegen an seinem letzten Arbeitstag. Einen Tag später hörte Leo zufällig mit, wie der Boss mit seinem Speichellecker sprach: “Für die Lebensarbeitszeit gibt es enge Grenzen. Ein Programmierer beispielsweise ist mit ungefähr 30 gut ausgebildet und erfahren genug. Aber mit 33 kann er den Code schon nicht mehr schnell genug schreiben und muss weg. Bei Bürokräften liegt die Grenze zwischen 40 und 43, je nachdem, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Ein Techniker darf auf gar keinen Fall älter als 50 sein. Und um die schnell und billig loszuwerden, ist das Rausmobben am einfachsten. Weil die Beweislast beim Betroffenen liegt.”

Seit diesem Tag wusste Leo genau, woran er war und begann, Bewerbungen zu schreiben. Leider vergeblich. Chef und Speichellecker machten jetzt gemeinsame Sache. Sie konzentrierten sich auf den 51jährigen und auf ihn. Wer würde länger durchhalten? Leo Loser klotzte richtig ran. Offiziell in einer 37,5-Stunden-Woche arbeitend, wurden daraus schnell 45 bis 50 Wochenstunden. Ständig! Bezahlt wurde diese Mehrarbeit aber niemals, denn offiziell waren Überstunden verboten. Der 51jährige Kollege gab zuerst auf und unterschrieb einen Aufhebungsvertrag. Er hatte mitbekommen, wo das alles hier noch hinführen würde. Seine Worte am letzten Arbeitstag lauteten: “Wie lange willst Du hier eigentlich noch den Fußabtreter für den Chef spielen?”

Leo aber biss die Zähne zusammen, ließ sich nichts anmerken und schuftete weiter. Er bezahlte sogar die nach Feierabend erfolgenden EDV-Weiterbildungen, die er für seinen Job als Systemadministrator so dringend brauchte, aus eigener Tasche. Mit diesem ausgeschiedenen Kollegen bestand daraufhin für rund drei Jahre noch ein lockerer, privater Kontakt. Auf diese Weise erfuhr Leo so manches über das seltsame Gebaren einer gewissen Bundesagentur für Arbeit – vor allem denen gegenüber, die aus dem ALG-I heraus unfreiwillig auf die Hartz-IV-Abqualifizierungsrutsche geraten waren.

Die angeblich die Früchte ihrer bisherigen Lebensarbeit nach und nach zu Geld machen mussten, um überhaupt noch irgend etwas zu bekommen. Die dadurch unter dem Strich über Jahrzehnte hinweg für nichts und wieder nichts malocht hatten. Was der Mensch da so erzählte, das war einfach unglaublich! Und das stand im krassen Gegensatz zu den Meldungen in den Medien! Ganz sicher übertrieb der nur schamlos! Irgendwann hörte Leo nichts mehr von ihm und erfuhr seitens Dritter, dass man seinen früheren Kollegen irgendwo im Wald gefunden hatte. Tot – mit aufgeschnittenen Pulsadern.

Das machte ihn dann doch wieder sehr nachdenklich. So labil hatte er den gar nicht eingeschätzt. Vielleicht war an dessen Schilderungen über das JobCenter als reine Verfolgungsbehörde doch was dran gewesen? Doch in diesen drei Jahren wurde es im Unternehmen für Leo auch nicht gerade einfacher. Nach dem Ausscheiden des 51jährigen begab sich der Chef zu einem der anderen Kollegen – einem, der sich bislang für sie alle eingesetzt hatte – und maßregelte den: “Wir haben hier jetzt nur noch 9 Leute. Laut Gesetzgeber entfällt damit die Pflicht, einen Betriebsrat zu stellen. Ich fordere Sie daher auf, jegliche derartige und unnütze Tätigkeit ab sofort einzustellen und Ihre Arbeitskraft ganz und gar in meinem Unternehmen einzubringen! Erwische ich Sie auch nur noch ein einziges Mal bei sowas, dann sind Sie sofort draußen!”

Alle blickten sich daraufhin nur noch bezeichnend an. Eigentlich hätte jetzt alles ganz normal weiterlaufen können, sofern überhaupt noch von Normalität zu sprechen war. Eigentlich. Aber Mobbing – und Mobbing von oben, also Bossing – ist ein Selbstläufer. Beginnt es erst ein einziges Mal, dann ist es kaum noch zu beenden. Es ist ein Spiel, das von Psychopathen geradezu geliebt wird. Chef und Speichellecker brauchten ein neues Opfer. Das Opfer hieß Leo Loser, denn nun war er selbst der Älteste.

Zuerst handelte es sich nur um Kleinigkeiten und Leo wollte das Mobbing und Bossing nicht sehen, schob es in seinem Glauben an das Gute im Menschen auf kleine, unbeabsichtigte Versehen. Da war am Ende des Arbeitstages der Postausgang. Die Post für Leos Kunden wurde nicht mitgenommen. Sie blieb liegen. Immer. Er musste sie selbst nach Feierabend wegbringen und erhielt so manchen Rüffel wegen seiner vermeintlichen Versäumnisse. Software-Updates von dritter Seite wurden bei den Kollegen korrekt installiert. Nur bei ihm nicht, so dass er jedes Mal gezwungen war, selbst Hand anzulegen, was ihm eine ganze Reihe von bissigen Bemerkungen einbrachte.

Darunter litt das Tagesgeschäft und es war kostenfrei nachzuarbeiten. Aus der 45- bis 50- Stunden-Woche wurde eine 55- bis 60-Stunden-Woche. Gleichzeitig erhielt er eine Abmahnung wegen unberechtigten Aufenthalts in der Firma mit dem Hinweis, dass seine Wochenarbeitszeit bei 37,5 Stunden läge. Die Abmahnung diente einzig dazu, den Kündigungsschutz auszuhebeln. Die Verwendung bestimmter Programme – die jeder von ihnen zur Bewältigung seiner täglichen Aufgaben benötigte und deren Verwendung seit Jahren üblich war – wurde Leo schriftlich verboten. Gleichzeitig erhielt er Arbeitsaufträge, die eben exakt diese eine Software und nichts anderes voraus setzten. Natürlich kam es zu einer Rüge nach der anderen, wenn etwas dadurch nicht fertig wurde.

Bei mehrtägigen Dienstreisen, welche sich mitunter bis spät abends hinzogen, wurde den Kollegen gestattet, freitags früher zu gehen. Leo hingegen erhielt niemals einen derartigen Zeitausgleich, denn er bearbeitete ja nur einen “Kleinkunden”. Genau wie schon bei dem ausgeschiedenen Frührentner verging kein Tag, an dem nicht der Chef selbst oder sein Speichellecker hinter Leo stand, ihm bei der Arbeit zuschaute und das laut und abfällig beurteilte, gerade so, als sei er selbst gar nicht anwesend.

Leo kochte innerlich. Hätte er zuhause nicht Frau und Kind zu versorgen gehabt, dann … Aber dieses “Dann” kam aus naheliegenden Gründen nicht infrage. Es blieb Leo nichts anderes übrig, als weiterhin gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und einen Betriebsrat, an den er sich hätte wenden können, den gab es nicht mehr. Dafür hatten die vorausgegangenen Entlassungen gesorgt. Die Korrektheit seiner Arbeit wurde mit den Worten “ob die Zahlen stimmen weiß ich nicht” grundlos in Zweifel gezogen. Nicht nur vor seinen Kollegen – nein, gerade auch im Beisein der Kunden.

Bissige Späße auf seine Kosten gehörten zur Tagesordnung; ihm selbst hingegen erlegte man ein Redeverbot auf. Bei Geschäftsbesprechungen würgte man ihn mit “halten Sie gefälligst den Mund, wenn sich Fachleute miteinander unterhalten” grob ab. Zur Aufgabenbewältigung notwendige Sachinformationen enthielt man ihm vor und seine Aufträge erhielt er nur noch schwammig formuliert zwischen Tür und Angel über Dritte, vornehmlich über den Schleimer. Auf diese Weise bestand für den Chef die Möglichkeit, mangels konkreter Aufgabenstellung immer irgend etwas kritisieren zu können und die Kommunikation auf ein Minimum zu beschränken. Rücksprache war nicht möglich, so dass Leo zur Bewältigung einer Arbeitsaufgabe immer gleich mehrere Varianten erarbeiten musste – eine durchaus vermeidbare, sinnlose Mehrarbeit.

Leo wurde gezwungen, Haushaltsabfälle wie bspw. das Butterbrotpapier vom Pausenbrot wieder mit nach Hause zu nehmen, während die Kollegen es wie selbstverständlich in die firmeneigenen Papierkörbe gaben. Als eine Magen-Darm-Grippe grassierte und es ihn als Letzten traf, da stellte der Chef sich hin, hielt zwei Rollen Toilettenpapier in die Höhe und sagte: “Sie sind zum Arbeiten hier und nicht zum Schei… Deswegen bleibt die Toilette ab sofort für Sie verschlossen. Das spart auch Wasser.” Kritik wurde permanent nicht konstruktiv geübt, sondern schikanös nur um der reinen Kritik willen und in Form von leeren Worthülsen: “Das ist Schei…” – auch wenn der Chef es vorher so haben wollte. Ständige, beleidigende Äußerungen gerieten zum Normalzustand: “Muss ich denn hier alles selbst machen!” oder “Halten Sie Mund, wenn sich kompetente Menschen miteinander unterhalten!” oder “Sie können gar nicht mitreden!”

Doch es wurde noch schlimmer: “Am Telefon ist Ihre Stimme für unsere Kunden eine Zumutung. Gehen Sie gefälligst endlich zum Arzt und lassen Sie sich eine Stimmbandoperation verschreiben. Aber während Ihres Jahresurlaubs, damit Sie hier nicht ausfallen. Blaumacher bezahle ich nicht!” Für Leo wurde der Job zu einer Art von Vorhölle. Eine Vorhölle, gestaltet von einem Unternehmer, der sich selbst für sehr liberal hielt – und zwar für neoliberal. Von einem angesehenen Mitbürger, einem Gönner der Stadt, einem Mitglied des Kirchenvorstandes. Eine Vorhölle, gestaltet von dem Mann mit den zwei Gesichtern.

Das blieb nicht folgenlos. Leo entwickelte gesundheitliche Probleme. Nichts wirklich Gravierendes, aber viel Kleinvieh macht auch eine ganze Menge Mist. Deswegen unterstellte der Chef ihm “Muffeligkeit”. Und immer dann, wenn er dachte, schlimmer geht es nicht mehr, dann setzte der neoliberale Gönner der Stadt noch einen oben drauf. So z. B. an dem Tag, an dem er Leos TFT-Bildschirm, durch einen uralten, lichtschwachen Zwölf-Zoll-Schwarz-Weiß-Monitor ersetzte. Das geschah mit den Worten: “Durch die Computerarbeit brauchen Sie früher oder später sowieso eine Brille. Früher ist besser, weil’s dann billiger ist. Deshalb gibt es auch ab sofort keine Bildschirmpausen mehr. Da können Sie mal sehen, wie ich um Ihr Wohlergehen bedacht bin!”

An Entscheidungen, die seinen Arbeitsbereich betrafen, wurde Leo nicht beteiligt. Er musste nur alles widerspruchslos hinnehmen. Mehrfach wurde seine Aktenablage gründlich durcheinander gebracht, was langwierige Sortiererei nach sich zog. Daten auf seinem Rechner wurden gelöscht oder verfälscht. Er baute ein geheimes Überwachungsprogramm ein und hätte später genau sagen können, wann wer (es handelte sich durchweg immer um seinen Boss!) welche Manipulationen vornahm – doch was nützte ihm das schon?

Als Leo seinen Chef deswegen um ein Gespräch bat, drehte der sich nur um und ließ den Arbeitnehmer einfach stehen. In Folge ließ der Boss eine Klimaanlage installieren, welche bewirkte, dass Leo beständig eiskalte Zugluft in den Nacken geblasen wurde. Laut seinem Vorgesetzten handelte es sich bei dem Installationsort um “den einzigen Platz, an dem das Gerät keinen Schaden an wichtigen Teilen der Firma verursachen konnte”. Leos Telefonate wurden abgehört, sein Schreibtisch durchwühlt. Seine Mails landeten immer in Kopie auf dem Rechner des Chefs. Was ausgedruckt wurde, das lief per Druckumleitung über den Tisch des Vorgesetzten. Jeder Brief musste vom Chef abgesegnet werden. Schreibtisch- und Taschenkontrollen erfolgten ständig – und nur in seinem Fall.

Die Kollegen schnitten Leo auf Anweisung von oben her schon lange. Der Speichellecker machte sich einen Spaß daraus, über Leo verleumderische Gerüchte, die jeglicher Grundlage entbehrten, in Umlauf zu setzen – immer getreu dem Motto: “Wenn man nur lange genug mit viel Dreck wirft, dann bleibt irgendwann schon was hängen.” Leos neoliberaler Gönner erhob Mobbing und Bossing zur Kunst, beherrschte die Klaviatur des Schreckens wie kein Zweiter. Der Arbeitnehmer hingegen wollte nur noch irgendwie überleben. Dem Boss dauerte das alles viel zu lange – Arbeitnehmer zählten nach neoliberaler Auffassung ja schließlich zum beliebig austauschbaren Fußvolk. Und endlich kam es zur ordentlichen Kündigung mit der Begründung, dass Leos Schlechtarbeit die Züge von Geschäftsschädigung angenommen habe. Sein Chef sagte seinerzeit zu ihm: “Akzeptieren Sie und verzichten Sie auf eine Abfindung – dann ist die Sache für mich erledigt. Oder gehen Sie vor Gericht. Dann erteile ich ihnen Hausverbot, so dass Sie im Falle eines gewonnenen Prozesses ohne Arbeit noch ein paar Monate Lohn bekommen und danach die ordentliche Kündigung. Aber auch in dem Fall wird keine Abfindung für Sie rausspringen. Ich weiß, wie die Gerichte sowas handhaben.”

Leo blieb keine Wahl. Um keine Sperre vom Arbeitsamt zu bekommen, musste er vor Gericht ziehen. Ihm blieb gar nichts anderes übrig! Es kam, wie der neoliberale Gönner es voraus sah: Leo gewann den Prozess, hatte zwischenzeitlich Hausverbot erhalten und die Monate, in denen er ohne Arbeit noch Lohn erhalten musste, wurden vom Gericht als eine Form von Abfindung betrachtet. Prima: Prozess gewonnen und zum Ausgleich dafür arbeitslos. Was für eine seltsame Rechtspraxis es in diesem Lande doch gab! Leo begab sich zur Bundesagentur für Arbeit, nur um dort zu erfahren, dass man für Tattergreise – er zählte jetzt 49 Jahre – nun wirklich keine Arbeit mehr hätte. Er bemühte sich selbst nach Kräften um Arbeit, doch nichts klappte. Schließlich rief er mit verstellter Stimme bei seinem letzten Chef – dem Supermobber – an und stellte sich als Personaler eines großen Konzerns vor, der Auskünfte über einen Bewerber namens Leo Loser erbat. Und was kam da nicht alles: Trinker, unzuverlässig, psychisch gestört, Lügner, arbeitsscheu, Betrüger, Simulant, unfähig, geschäftsschädigend. Es handelte sich um Bossing, das auch nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen noch mit Elan fortgesetzt wurde.

Leo wunderte sich daraufhin nicht mehr über die Absagen. Eine Vermittlung seitens des Arbeitsamtes wurde nicht einmal versucht und so schnell es ging, schob man ihn nach Hartz-IV ab. Und jetzt endlich begann Leo Loser, seinen verstorbenen, früheren Kollegen zu verstehen. Nein, übertrieben hatte der ganz gewiss nicht! Eher noch untertrieben! Leo lernte, dass man im JobCenter “nur” die Gesetze befolgte. Vor allem eins und dabei handelte es sich um die Neufassung des Sozialgesetzbuchs. Ein Sozialgesetzbuch, umgeschrieben von der NLEPD, der “Neo Liberalen Einheits Partei Deutschlands”, die aus Gründen der Tarnung unter verschiedenen Parteinamen auftrat. Ein Sozialgesetzbuch, das auf der Grundlage nachgeschalteter Erlasse, Verordnungen, Verwaltungsvorschriften und was es sonst noch so gab ein für gültig gehaltenes Grundgesetz in großen Teilen außer Kraft setzte: Legalisierter Amtsmissbrauch. Das die im Grundgesetz garantierten Menschenrechte mit Füßen trat!

“Eigentlich …” dachte Leo “… eigentlich müsste ein Aufschrei ob solcher Ungerechtigkeiten durch’s Land gehen. Eigentlich müssten die Leute in Scharen auf die Straßen rennen und den Reichstag stürmen. Eigentlich …” Aber dem war nicht so. Leo begriff auch, warum. Die Medien erzählten Lügen. Durchweg. Weil es sich um gleichgeschaltete Medien handelte. Weil die Medien zu Konzernen zählten – da regierten Werbeverträge und Einnahmen. Geld bestimmt die Welt. Und weil die Konzerne ihnen genehme Politiker unterstützten oder solche Leute überhaupt erst salonfähig machten. Besagte Politiker sahen ihre Aufgabe in der Kontrolle öffentlich-rechtlicher Medien über die Parteibücher. Natürlich ganz im Sinne der ihren Wahlk(r)ampf unterstützenden Konzerne. Freie Meinungsäußerung? Unabhängige Berichterstattung? Ja, Mensch, wo leben wir denn! In einer anderen Galaxie vielleicht …

Ein früherer Reichspropagandaminister namens Joseph Goebbels hätte daran seine helle Freude gehabt. Was der begonnen hatte, das war zwischenzeitlich perfektioniert worden – nur mit anderen, perfideren und schwerer durchschaubaren Mitteln. Mit Schrecken erkannte Leo, dass er das alles schon zuvor hätte wissen können. Nur wollte er es bisher nicht wahrnehmen. Irgendwie hatte er es “ausgeblendet”, weil ihm soviel Lüge und soviel Missachtung von Menschlichkeit unglaublich vorgekommen war. Deswegen hatte er auch Zeitungsberichte wie den taz-Artikel “Wer über 50 ist, wird rausgemobbt” für maßlos überzogen gehalten. So etwas zu akzeptieren hätte sein Weltbild zerstört. Jetzt – wo es zu spät war – da erkannte er seinen Irrtum!

Dabei funktionierte der Neoliberalismus nach einem urprimitiven Prinzip: Einige Wenige verdienten mehr, viel mehr. Wenn das bei begrenzter Geldmenge geschah, dann war das nur praktizierbar, indem man anderen etwas wegnahm. So simpel! Aber jetzt, als er das endlich erkannte, da konnte er nichts mehr machen, denn als Hartz-IV-Empfänger galt Leo per Definition als “ungelernter Sozialschmarotzer, der sich ein schönes Leben auf Kosten der Allgemeinheit macht”. So jedenfalls stellten manipulierende Medien Leute seines Standes dar. Und die Mehrheit glaubte den Quatsch – noch …

Doch sie – die rausgemobbten, qualifizierten und amtlicherseits denunzierten Arbeitskräfte – wurden mehr. Zuerst war es nur jeder Zwanzigste. Dann jeder Zehnte. Mittlerweile schon jeder Fünfte. In nicht allzu ferner Zukunft würden sie die Mehrheit stellen. Die Lunte des sozialen Sprengstoffes brannte bereits. Und die Anzahl von Leo’s Leidensgenossen nahm weiter zu – von einem kaputten System, in dem das Rausmobben zum Standard geworden war, wissentlich produzierte Parias in Massen … Systematisch aus ihren Jobs verdrängte Menschen … Absichtlich um die Früchte seiner Lebensarbeit betrogenes Stimmvieh …

Eine Antwort auf Eine Wiederveröffentlichung

  • Giraldus sagt:

    Eine sehr gute Geschichte, wie Sie auf viele Bereiche in der Arbeitswelt zutrifft. Nur sollten die vielen kleinen “Firmenchefs” bedenken, dass sie mit der Entlassung älterer Mitarbeiter auch Berufserfahrung mit hinaus werfen.
    Die Gesetze des Systems sind erbarmungslos. Und manche Firmeninhaber sind schon gewaltig auf die Schnauze gefallen.

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