weihnachtslieder

(Hab’ mir da mal wieder was aus den Fingern gesaugt, nämlich eine kleine und ziemlich schräge Geschichte für alle diejenigen, die Weihnachten absolut bierernst nehmen: Leute, bleibt mal locker! Nicht dass es euch so wie meinem bedauernswerten Protagonisten Jupp ergeht!)
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Scheiß-Weihnachtslieder!

Eine Frage, Herr Professor!” “Ja bitte!” “Dieser Patient in der geschlossenen Psychiatrie … also der mit der Weihnachts-Psychose – kommt so etwas häufiger vor?” “Ach Sie meinen Jupp. Nun, ich muss gestehen, dass dies der einzige mir bekannte und äußerst tragische Fall ist. Jupp ist extrem schwer traumatisiert und wenn er irgend etwas auch nur entfernt Weihnachtliches mitbekommt, dann verliert er völlig die Beherrschung.” “Wie kam es dazu?” “Das hängt mit einer Verkettung unglücklicher Zufälle und insbesondere auch mit den Weihnachtliedern zusammen. Das war nämlich so …

Jupp hatte sich ein kleines, aber feines Nebengeschäft aufgebaut. Er lieferte bei Feiern die Musik. Die Anlage dazu war teils gekauft und teils selbstgebaut. Die Musik kam vom Datenträger. Hier mal zwei Stunden und da mal zwei Stunden und immer passend zum jeweiligen Anlass. Man schrieb Ende Oktober, als er gerade von so einer Feier zurück kehrte, bei der er um 150€ reicher geworden war. Doch mit dem recht frühen Wintereinbruch hatte niemand gerechnet. Jupp war mit Sommerreifen unterwegs und fluchte, denn sein Auto schlingerte und schleuderte mehr schlecht als recht durch den Schneematsch. Der Radiosender, den er eingeschaltet hatte, schien es für ganz besonders lustig zu halten, passend zum Wetter “Schneeflöckchen, Weißröckchen” zu spielen. Der Moment der Unaufmerksamkeit, als Jupp das Radio leiser drehen wollte, reichte schon aus. “RUMMS!” und sein Auto knutschte die Leitplanke. Zwar nur ein Blechschaden, aber teuer …

Ein paar Wochen danach und draußen tobte ein Orkan. Jupp stellte für eine erste Weihnachtsveranstaltung gerade ein paar Lieder zusammen. Probehöhren: “Auf dem Berge da gehet der Wind”. Das Lied war noch nicht ganz zu Ende, als sich mit einem lauten Krachen ein Teil seiner Dachziegel unwiderruflich verabschiedete. “Scheiße!“, dachte er und meldete den Schaden am nächsten Tag umgehend seiner Versicherung. Es würde allerdings noch eine ganze Weile dauern, bis der Dachdecker Zeit für ihn hatte. Seine erste Weihnachtsveranstaltung war eine frühe Weihnachtsfeier im Kindergarten “Bergwiese”. Das lief eigentlich auch alles ganz ordentlich, bis … – ja, bis er Michael Jacksons Interpretation von “Ihr Kinderlein kommet” spielte. Gott, was regte die Erzieherin sich darüber auf! Am Ende konnte er froh sein, dass er überhaupt sein Geld bekam!

Seinen nächsten Nebenjob stellte die Adventsfeier im Seniorenheim “Lebensabend” dar. Anfangs gab es dabei keinerlei Probleme. Doch als er “Last Christmas” spielte, da dauerte es nicht lange und es kam zu tumultartigen Szenen: Die Senioren hatten wohl etwas völlig falsch verstanden! Im Grunde genommen konnte er froh sein, lebend aus dem Altenheim rausgekommen zu sein und seiner Gage musste er auch hinterher gucken. Schnell ins Auto und bloß weg! Er kam nicht weit, denn Eisregen setzte ein. Schließlich stand er stundenlang in einem Stau herum, der 25km lang war – und das am Wochenende! Im Autoradio lief derweil “Driving Home For Christmas” und Jupp dämmerte so langsam, dass offensichtlich doch nicht jedes Weihnachtslied zur Weihnachtszeit für jeden Anlass geignet sein konnte. So nach und nach staute sich da etwas in ihm auf und eine zwar kleine, aber gemeine Aversion gegen Weihnachtslieder begann sich langam aber sicher breit zu machen.

Der Eisregen ging unerbittlich in einen massiven Starkschneefall über. Erst zehn, dann zwanzig, schließlich sogar dreißig Zentimeter Neuschnee. Immer dann, wenn zehn Zentimeter runtergekommen waren, machte Jupp es seinen Nachbarn nach und beteiligte sich am kollektiven Schneeschaufeln. “He Jupp, willst du nicht mal ein bisschen Musik anmachen? Ein paar Weihnachtslieder?” So fragte ihn einer der Nachbarn und da Jupp ein zuvorkommender Mensch war, erfüllte er diesen Wunsch auch umgehend. Mit seiner Anlage an geschützter Stelle aufgestellt und etwas musikalischer Untermalung ging das schweißtreibende Schneeschippen von dem nassen, matschigen, schweren Zeug dann auch – obgleich so mancher bereits wie ein Kesselflicker fluchte – viel besser von der Hand. Bis “It’s The Most Wonderful Time Of The Year” erklang. Bei dem Song fielen alle über Jupp her. Glücklicherweise aber verlief der Krankenhausaufenthalt nur sehr kurz, denn man behielt ihn nur für eine Nacht zur Beobachtung da.

Ein paar Tage später – Weihnachten rückte unerbittlich näher – hatte sich die weiße Pracht in Wasser verwandelt und inzwischen wurde es auch allerhöchste Zeit, um sich einen Weihnachtsbaum zu besorgen. Jupp’s Gattin bestand traditionell darauf, dass er selbst einen schlug. Folglich begab Jupp sich zum Besitzer einer kleinen Schonung. Der residierte in seiner Hütte und beschallte das ganze Areal mit Weihnachtsliedern. “Ja, suchen Sie sich man in aller Ruhe einen Baum aus!” Jupp marschierte los. Allerdings erinnerte ihn das Gelände angesichts der gerade aktuellen Großwetterlage dann doch eher an eine neu entstandene Seenplatte, in der “Oh Tannenbaum” wuchs.

In Folge sichtete er, durch den Matsch patschend und kalte Füße bekommend sowie bewaffnet mit Axt und Säge, das Angebot. Ein Baum war zu klein, ein anderer oben rum nicht voll genug und der, der ihm gefiel, wies einen Stamm wie eine ausgewachsene Fichte auf! Schließlich aber fand er einen Kompromiss und wollte sich gerade daran machen, eigenhändig das Bäumchen zu fällen, als der Besitzer “Winter Wonderland” spielte. “Arschloch!“, dachte Jupp bei sich, denn der Schlamm war ihm bereits oben in die Schuhe hinein gelaufen und die ganze Angelegenheit geriet – wie nicht anders zu erwarten war – zur Schlammschlacht a la Wacken. Als er bei seinen Bemühungen auch noch ausrutschte und der Länge lang in den Dreck fiel, da stand ihm Weihnachten bis zur Oberkante der Unterlippe.

Wieder zuhause angekommen gefiel seiner Gattin der Baum nun so ganz und gar nicht. Es fielen deswegen – und auch ob des Aussehens von Jupp, denn er hatte etwas von jemandem, der gerade frisch der Kanalisation entstiegen war – harte, lautstarke Worte und Jupp dachte mit mittlerweile vibrierenden Nerven nur: “Scheißweihnachten!” Aber es waren ja noch zwei Wochen hin. Zwei Wochen, in denen sich oberflächlich gesehen wieder alles einrenkte. Am Morgen des 24. Dezember schmückte er den Baum. Seine Gattin bestand traditionell auf echten Kerzen. Es sah abends sogar wunderschön aus und Jupp dachte, dass der Stress nun wohl wirklich ein Ende hätte. Er dinierte ganz gepflegt zusammen mit seiner Gattin, während im Hintergrund leise Weihnachtslieder gespielt wurden.

Als “Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen” erklang, da fing der Baum dann Feuer. Bei einem ausgetrockneten Baum breiten sich die Flammen rasend schnell aus. Daher geriet das alles auch zu einem 1A-Zimmerbrand, doch die Feuerwehr war schnell zur Stelle. Lediglich die Musikanlage hatte, welch’ Wunder, nichts von alldem abbekommen und dudelte fröhlich nach Ende von Brand und Löscharbeiten “Lasst uns froh und munter sein”. Das war der Augenblick, in dem es in Jupp’s Gehirn “Klick!” machte. Mit einem animalischen Schrei und Schaum vor dem Maul ergriff er eine Axt und zertrümmerte die Grundlage seines kleinen Nebengeschäftes. Seine Frau flüchtete auf Nimmerwiedersehen zu ihrer Mutter, nicht ohne vorher die Leute mit den weißen Kitteln zu verständigen.

Tja“, sagte der Professor, “und heute ist es so, dass Jupp auf alles, was auch nur entfernt an Weihnachten erinnert, mit einem Anfall schwerster Zerstörungswut reagiert. Unkritisch sind eigentlich nur zwei Monate, nämlich Mai und Juni, wenn die Oserhasen in den Geschäften stehen und die Weihnachtsmänner verschwunden sind. Da aber die Weihnachtssaison immer früher beginnt und schon im Juli die ersten Schokoladenweihnachtsmänner wieder in den Geschäften stehen, ist Jupp’s Ruhephase viel zu kurz, um ihn frei rumlaufn lassen zu können. Wie ich schon sagte: Ein äußerst tragischer Fall. Weitere Fragen? Nein? Gut, dann wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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