khyg
Dieses Foto entstand kürzlich beim Besuch meiner Jüngsten im Isolierzimmer eines Großklinikums. Nur auf den hier sichtbaren Teil bezogen: Welche zwei Fehler leiste ich mir in hygienischer Hinsicht?

Von Krankenhaushygiene habe ich keine Ahnung. Dennoch möchte ich mal ein paar Worte dazu loswerden. Weil mir einiges aufgefallen ist und weil ich quasi in einem “früheren Leben” auch mal mikrobiologisch gearbeitet habe und mir von der Seite her so ein paar übliche Hygienemaßnahmen durchaus noch geläufig sind. Wobei mir vollkommen klar ist, dass sich die Schutzmaßnahmen im mikrobiologischen Labor und im Krankenhaus nicht miteinander vergleichen lassen.

Fangen wir mal mit dem Krankenhaus (KH) an. Dort befinden sich Menschen, denen es gesundheitlich mehr oder weniger dreckig geht. D. h. die sind bereits angezählt und mit deren Immunsystem steht es häufig genug nicht zum Besten. Sie sind in gesundheitlicher Hinsicht geschwächt. Erreger, welche man sonst “wegsteckt”, können bei diesen Personen durchaus Probleme bereiten. All diese Menschen sind an einem Ort konzentriert. Zusätzlich wirft jeder von ihnen seine ganz eigenen Erreger mit in den großen Topf. Für die Verteilung sorgen anschließend die Luft sowie kontaminierte Flächen. Und besagte Erreger machen das, was sie am besten können: Sie vermehren sich munter! Auf diese Weise geraten Krankenhäuser im Falle von infektiösen Erkrankungen ganz schnell zu Muliplikatoren.

Doch es sind nicht die Patienten allein, die mit dem munteren Mikroorganismenwachstum “beglückt” werden. Da gibt es nämlich noch das Pflegepersonal, die Ärzte und selbstverständlich die Besucher. Alle die tragen zum Verbreiten von Mikroorganismen und damit im Ernstfall auch zum Verteilen einer Infektion mit bei. Damit das dadurch verursachte Risiko minimiert wird, gibt es die Krankenhaushygiene, die sich aus dem Infektionsschutzgesetz ableitet. Dort heißt es (Zitat): “Zweck des Gesetzes ist es, übertragbaren Krankheiten beim Menschen vorzubeugen, Infektionen frühzeitig zu erkennen und ihre Weiterverbreitung zu verhindern. Die hierfür notwendige Mitwirkung und Zusammenarbeit von Behörden des Bundes, der Länder und der Kommunen, Ärzten, Tierärzten, Krankenhäusern, wissenschaftlichen Einrichtungen sowie sonstigen Beteiligten soll entsprechend dem jeweiligen Stand der medizinischen und epidemiologischen Wissenschaft und Technik gestaltet und unterstützt werden. Die Eigenverantwortung der Träger und Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen, Lebensmittelbetrieben, Gesundheitseinrichtungen sowie des Einzelnen bei der Prävention übertragbarer Krankheiten soll verdeutlicht und gefördert werden.” Das ist eine lobenswerte Zielsetzung.

Aber wie sieht die in der Praxis aus? Ein Rettungswagen (RTW) wird zu einem Kranken gerufen. Die Rettungs- (RS) bzw. Notfallsanitäter (NS) und manchmal auch ein u. U. zusätzlich anwesender Notarzt stellen eine allererste Verdachtsdiagnose anhand der Symptomatik. RS und NS transportieren den Kranken daraufhin unter Beachtung des vorgeschriebenen Selbstschutzes mit dem RTW ins KH und liefern ihn in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) ab. Danach wird der Innenraum des RTWs für den nächsten Transport geputzt und vorbereitet. Das mit der Notfallrettung betraute Personal weiß nicht, ob der Patient infektiös gewesen ist. Vielleicht spezifiert das KH nun die Verdachtsdiagnose und vielleicht teilt es die den RS und NS sogar mit, denn dazu verpflichtet ist es nicht. Besteht der Verdacht auf eine ansteckende Krankheit, dann fällt der RTW vorerst aus, weil er desinfiziert werden muss.

Weiter mit der ZNA. Der potenziell infektiöse Patient kommt, sofern überhaupt vorhanden, in ein Iso-Zimmer. Noch weiß niemand, was er wirklich mit sich rumschleppt. Ergo besteht auch noch keine Notwendigkeit für weitergehende Maßnahmen des Infektionsschutzes. D. h. Schwestern und Ärzte tragen außer Handschuhen und vielleicht Mundschutz im Regelfall keine weitergehende Schutzkleidung. Man verlegt den Patienten irgendwann auf die infrage kommende Station, auch dort u. U. in ein Iso-Zimmer. Das wiederum darf nur über eine Schleuse betreten werden. In der Schleuse legen Ärzte, Pflegepersonal und Besucher zusätzliche Schutzkleidung an u. d. h. Kittel, Handschuhe, Mundschutz, eine Kopfbedeckung etc. Erst dann dürfen sie zum Erkrankten. Soweit die Theorie.

Die Praxis habe ich leider mehrfach gänzlich anders erlebt. Als meine Große vor nunmehr knapp vier Jahren mit einem hämorrhagischen Fieber in ein bundesweit bekanntes KH eingeliefert wurde, da lief in der ZNA noch alles fast perfekt. Anschließend jedoch kam sie auf ein Vierbettzimmer und die Blutabnahme erfolgte in meinem Beisein seitens einer Schwester ohne Handschuhe. Zudem kam – bis ich schließlich die vorgesetzte Behörde einschaltete – besagtes KH (vermutlich aus Kostengründen) seiner gesetzlich vorgeschriebenen Meldepflicht nicht nach, so dass bei mir der Eindruck entstand, dass man versuchte, das Ganze still und heimlich unter den Teppich zu kehren (nachzulesen u. a. HIER und HIER). Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn es sich um einen hochinfektiösen Erreger gehandelt hätte! Ein Einzelfall hinsichtlich der Vorgehensweise?

Eher wohl nicht, denn letzte Woche erwischte es meine Jüngste, ihres Zeichens RS. Ob es sich um eine Ansteckung bei der Arbeit handelte ist ungeklärt geblieben. Jedenfalls war sie mit Magen-Darm-Kolik auf der Arbeit (u. d. h. im RTW) zusammengeklappt. Kann passieren. Sie wurde per RTW ins KH gebracht. Auch gut, dann spielte sie dort mal nicht den Lieferanten, sondern lernte das KH von innen her kennen: Eine vielleicht beruflich wichtige Erfahrung! Möglicherweise war sie infektiös und an der Stelle wird es interessant. In der Notaufnahme steckte man sie in ein Iso-Zimmer, legte aber keinerlei Schutzausrüstung an. Zu den Untersuchungen schickte man sie allein durch das Klinikum; von Isolation keine Spur. Als sie auf Station verlegt werden sollte begleiteten meine Frau und ich sie ungeschützt und allein, Körperkontakt (Berührung durch Stützen) mit eingeschlossen, und latschten quer durch’s ganze Klinikum. Auf Station kam sie wieder in ein Iso-Zimmer. Das aber durften meine Gattin und ich dann wieder nur in Schutzausrüstung und nach Durchschreiten einer Schleuse betreten, während die Schwester ungeschützt und nicht mal Handschuhe tragend einfach so zur Zimmertür reinplatzte. Die Ärzte handhabten das übrigens genauso. Bei meiner Frau und mir als Besuchern kontrollierte niemand den korrekten Sitz der Schutzkleidung; auch ließ man es an einer vernünftigen Einweisung mangeln. Überschuhe und Schutzbrille gab’s gar nicht erst. Mir erschien das Ganze aufgrund zurückliegender, beruflicher Erfahrungen irgendwie sehr halbherzig. Aber vielleicht bin ich auch nur viel zu pingelig.

Stellen wir uns jetzt mal ein durchaus übliches Szenario vor. Dabei muss es gar nicht mal um eine gefährliche Erkrankung gehen. Ein Virus mit bis zu zwei Tagen Inkubationszeit reicht schon aus. Es muss sich auch gar nicht mal über die Luft übertragen. Die Infektion durch kontaminierte Flächen, d. h. Türklinken o. ä., genügt schon. Das Virus zieht den Wirt für zwei bis drei Tage schwer in Mitleidenschaft und sorgt dafür, dass der Erkrankte sich sein Essen nochmal durch den Kopf gehen lässt, ausgeprägte Flitzkacke kommt hinzu. Zwar voll ätzend, aber im Grunde genommen harmlos. Dann landen wir bei einem alten Bekannten, der uns in den Wintermonaten regelmäßig heimsucht, nämlich beim Noro-Virus. Zehn Partikel davon reichen für eine Ansteckung aus und das Scheißteil (im wahrsten Sinne des Wortes!) kann knapp zwei Wochen auf einer kontaminierten Fläche aktiv bleiben. Nehmen wir jetzt mal die beiden oben dargestellten, sehr realen Beispiele: Wie viele Menschen wären dabei, wenn es sich um ein Noro-Virus gehandelt hätte, wohl infiziert worden? Und wie viele Menschen würden sterben, wenn es um ein wirklich gefährliches Virus ginge? Kann nicht passieren, denkt ihr? Ist schon passiert! Und zwar am 15. Januar 1970 in Meschede. War der letzte Pockenausbruch in Deutschland. War es wirklich der letzte Ausbruch?

Das, was ich selbst an Krankenhaushygiene erlebt habe, ist dazu angetan, Kliniken als Seuchenmultiplikatoren und eben nicht als Behandlungszentren zu betrachten! Warum ist das so? Früher – d. h. bis vor ungefähr vierzig Jahren – hatte jede größere Stadt ihr eigenes, kleines KH und der Staat fühlte sich noch für die Gesundheitsversorgung seiner Bevölkerung zuständig. Heute ist die Bevölkerung nur noch Mittel zum Zweck, und zwar zu dem Zweck, den oberen Zehntausend die Taschen zu füllen. Ergo wurden alle kleinen Krankenhäuser mit der Einführung des Neoliberalismus als unrentabel angesehen und mussten großen Klinik-Komplexen weichen. Schön und gut – vor allem hinsichtlich der technischen Ausstattung in Summe gesehen unter Garantie auch billiger – aber mit Blick auf den Infektionsschutz ließen sich kleine Krankenhäuser sehr viel besser isolieren, als das heute in einem Großklinikum jemals möglich wäre.

Die Kliniken werden heute als Wirtschaftsbetriebe geführt. Sie müssen an den kranken Patienten verdienen. Das ist, wenn sie bei jedermann zur Hilfe verpflichtet sind, de facto praktisch nicht möglich. Es wäre dann möglich, wenn man arme Schlucker unbehandelt gleich wieder nach Hause schickt und da krepieren lässt. Da unsere Gesetze so etwas ausschließen muss das Geld für den Klinik-Konzern von anderer Seite kommen. Kommt es auch. Man spart nämlich einfach am Personal. Wie viele Patienten kommen auf eine Krankenschwester (Quelle)?
USA: 5
Schweiz: 8
Schweden: 8
Deutschland (ohne Krankenstand o. ä. beim Pflegepersonal): 13
Deutschland (mit Krankenstand o. ä. beim Pflegepersonal): 26-30

Anders ausgedrückt: Die Krankenschwester in Deutschland hat, wenn Kollegen durch Krankheit ausgefallen sind (was sie stressbedingt zwangsläufig tun, denn das ist ein sich selbst verstärkendes System geworden), sechsmal soviel zu tun wie ihre Kollegin in den USA! Da bleibt ganz einfach keine Zeit mehr, um auf tausend Vorschriften zu achten. Man kann dem Personal daher keinerlei Vorwurf machen! Von der Nichtbeachtung der Vorschriften sind selbstverständlich auch die Hygienevorschriften betroffen. Vielleicht sogar gerade die Hygienevorschriften – denn deren Einhaltung kostet nur Geld und bringt kurzfristig betrachtet keinerlei Gewinn. Außerdem wird dadurch die tägliche Arbeit massiv behindert. Was langfristig geschieht interessiert den Klinik-Konzern ja sowieso nicht, denn das betrifft immer andere. Nun stellt sich natürlich die Frage, warum es überhaupt zu derartigen, finanziell bedingten Sachzwängen kommen konnte. Die Antwort ist denkbar einfach: Sie lautet Neoliberalismus! Nicht mehr und nicht weniger. Der Staat – dem wir Steuern für die Gesundheitsversorgung zahlen – zieht sich vornehm zurück. Abkassieren und andere die Arbeit machen lassen – was anderes ist das nicht!

Zurück zum Infektionsszenario, jetzt aber unter den Vorzeichen des Neoliberalismus: Angenommen, man hat einen Erreger, von dem zwei bis vier Viruspartikel bereits für eine Infektion ausreichen. Angenommen, der Erreger ist hochansteckend, so R0=20 oder sowas. Angenommen, das Scheißteil verbreitet sich durch die Luft. Angenommen, die Lüftung im Krankenhaus verteilt das in alle Räume. Angenommen, die Inkubationszeit liegt bei zwei Wochen. Angenommen, der Erreger ist tödlich – und damit sind wir wieder beim o. e. Meschede-Zwischenfall. Nur hat es sich seinerzeit um ein kleines und vergleichsweise leicht zu isolierendes KH gehandelt. Angenommen, so etwas würde mit dem Beispiel, wie ich es von letzter Woche und den Vorgängen um meine Jüngste erlebt habe, zusammenfallen. Ist ein schlimmeres Horrorszenario eigentlich vorstellbar?

Worauf ich hinaus will: Unsere Politclowns, die den oberen Zehntausend nur in die Taschen wirtschaften, verstecken sich hinter Gesetzen, Vorschriften und Verordnungen. Die sind ihr Feigenblatt! Ob die in der Praxis tatsächlich umgesetzt werden können, interessiert die besagten Politclowns nicht die Bohne. Die haben für die Vorschriftten gesorgt und nach ihnen die Sintflut; sie waschen ihre Hände in Unschuld. Ich komme beruflich aus dem Bereich der Technik. In der Technik leiert man nicht nur irgendwas an, sondern kontrolliert auch das Ergebnis. Mit Hinblick auf die Krankenhaushygiene mangelt es m. E. an eben dieser Kontrolle.

Es gibt Hoteltester. Es gibt Restauranttester. Politiker, die es mit den ihrerseits erlassenen Vorschriften ernst meinen, würden m. E. auch problemlos Krankenhaustester einsetzen können, ähnlich wie bei der Gewerbeaufsicht oder vielleicht sogar als Unterabteilung davon: Den Arzt, der sich inkognito mit einem klar definierten Bild von scheinbaren Symptomen in eine ZNA und Klink begibt und der ein oder zwei Tage lang penibel registriert und dokumentiert, wo welcher Verbesserungsbedarf besteht. So lange das aber nicht praktiziert wird, ist es meiner Meinung nach allemal sicherer, ein Klinikum als potenziellen Seuchenherd zu betrachten! Deswegen kann ich auch beim besten Willen die Leute nicht verstehen, die – um Wartezeit in einer Arztpraxis zu sparen – wegen akutem Mimimi eine ZNA aufsuchen. In meinen Augen sind das gemeingefährliche Anwärter auf den Darwin-Award!

(PS: Um nochmal auf das eingangs angeführte Bild und die zwei Fehler zurück zu kommen – es fehlt die Schutzbrille. Die gab’s nämlich nicht und die Augen sind ein 1A-Einfallstor für Krankheitserreger. Und meine Oberbekleidung wurde nicht vollständig vom Kittel bedeckt, wie am Kragen zu sehen ist. Woraus sich eine kontaminierbare Fläche ergibt. Bei einer Kontrolle der Isovorschriften wäre das aufgefallen. Doch eine derartige Kontrolle fand nicht statt. Hätte meine Tochter beim Besuch das o. e. Norovirus gehabt – der Verdacht bestand ja – dann hätte ich auf diese Weise Gott und die Welt angesteckt. Wie weit her ist aber mit der Krankenhaushygiene, wenn sogar mir als medizinischem Laien schon so etwas auffällt?)

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