unselbst

Hand auf’s Herz: Könntest du selbst für deine eigene Nahrung sorgen?
Ich für meinen Teil weiß zwar, wie ich etwas anbauen und ernten, konservieren sowie zubereiten muss. Auch verschiedene Jagdtechniken, der Umgang mit einigen Waffen, das Schlachten, Auswaiden und Zubereiten von Tieren sind mir geläufig. Und doch wäre das alles ein Full-Time-Job und ich habe da so meine Zweifel, ob es mir gelingen würde, hinreichend viel Nahrung für das eigene Überleben zu produzieren.

Hand auf’s Herz: Könntest du dich im Falle einer Erkrankung selbst behandeln?
Ich persönlich brächte das nur in Grenzen fertig. Klar, da ist einiges an volksmedizinischem Wissen und auch noch so einiges aus der fortgeschrittenen Ersthelfer-Ecke, also vom früheren Beriebssani, hängen geblieben. Aber ‘ne simple Blinddarmentzündung oder eine von einem kaputten Zahn verursachte Sepsis hätten durchaus das Zeug dazu mich umzubringen.

Hand auf’s Herz: Könntest du noch einen althergebrachten Holz-Kohle-Herd richtig befeuern und dir dazu das Heizmaterial beschaffen?
Das wäre ehrlich gesagt eine meiner leichtesten Übungen, weil ich diese Art des Heizens von kleinauf gewohnt bin. Aber ich kenne sehr viele Leute, die – selbst wenn sie das Heizmaterial hätten – bereits am Anzünden des Holzes scheitern würden.

Hand auf’s Herz: Könntest du in einer dir gänzlich unbekannten Gegend den Weg zur nächsten menschlichen Ansiedlung finden?
Ich weiß, dass ich das könnte, weil ich schon ein paarmal in so einer Situation gewesen bin. Man braucht dazu nur fließendes Wasser, dem man folgt. Menschliche Ansiedlungen finden sich immer in der Nähe von Wasser. Das ist vielleicht nicht gerade der kürzeste Weg, aber allemal der sicherste.

Hand auf’s Herz: Könntest du diverse Reparaturen im Haushalt selbst durchführen?
Ich glaube, innerhalb bestimmter Grenzen kann das jeder, der des logischen Denkens befähigt ist. Nur sind die Fähigkeiten eines jeden irgendwo auch begrenzt.

Was ich damit sagen will ist folgendes: Niemand kann alles wissen. Die menschliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Abhängigkeiten voneinander. Erst alle vereinzelten “Wissensinseln” ergänzen sich zum großen Ganzen. Das allerdings nur, wenn man zusammenarbeitet, wenn man auch die Erfahrungen desjenigen berücksichtigt, der in sozialer Hinsicht auf einer sehr viel niedrigeren Stufe steht. Dann erst kann nämlich jeder seine ganz spezifischen Kenntnisse und Fähigkeiten in die Gemeinschaft mit einbringen. Durch so ein Miteinander ergeben sich Erfolgserlebnisse und die steigern das Selbstbewusstsein. Letzteres ist ein Schritt mehr in Richtung auf Selbständigkeit, in Richtung auf Unabhängigkeit.

In einer neoliberal geprägten Gesellschaft ist sich allerdings jeder selbst der Nächste. Das Miteinander ist einem Gegeneinander gewichen. Die praktisch unausweichliche Folge davon ist eine sich immer mehr verstärkende (erwünschte?) Unselbständigkeit, die zur Abhängigkeit von anderen führt. Denn wenn jeder gegen jeden arbeitet, dann regiert der Neid. Neid auf denjenigen, der es besser getroffen hat. Verachtung gegenüber denen, die es schlechter getroffen haben. Das eigene Selbstwertgefühl leidet darunter. Das eigene Selbstbewusstsein auch. Dann hört man nur allzu gerne auf Betrüger – auf vermeintliche Autoritäten – die einem zwar das Blaue vom Himmel runter versprechen, die letztlich aber doch nur darauf aus sind, einen zu deren Wohl auszubeuten und zu benutzen. Je mehr man besagten Betrügern hinterher läuft, desto unselbständiger wird man. Und je unselbständiger man wird, desto mehr gerät man in die Abhängigkeit. Je abhängiger aber jemand wird, desto leichter und bereitwilliger lässt er sich führen, weil er Anweisungen, Vorschriften und Befehle nicht mehr hinterfragt. Er versteht sich als verlängerter Arm der Autorität. Es liegt folglich logischerweise im Interesse einer selbsternannten, skrupellosen, machtgeilen und herrschsüchtigen “Elite”, eben solche Zustände zu schaffen und zu zementieren.

Das ist nur durch einen permanenten Konkurrenzkampf möglich. Der entsteht schon, wenn zwei Leute zwar die gleiche Arbeit machen, dafür aber unterschiedlich entlohnt werden. Entsprechende Beispiele finden sich in dieser, unserer Bananenrepublik zuhauf: Festangestellte und Leiharbeiter, westliche und östliche Bundesländer, Männer und Frauen, Menschen mit Arbeitsvertrag und vom Jobcenter abkommandierte Zwangsarbeiter etc. Das ist aber auch durch Bildungsunterschiede möglich. Auch dafür finden sich hier und heute etliche Beispiele: Herkunftspädagogik, Ausschluss von armen Schluckern, Finanzierung weitergehender Bildung etc. Letzteres bedeutet nun aber nicht, dass diejenigen, die irgendwann vermeintlich gebildeter sind, auch intelligenter als diejenigen ohne weitergehende Bildung sind. Ganz im Gegenteil sogar: Sie können sich auf dem finanziellen Polster ihrer Erzeuger ausruhen, zugleich blöd wie hundert Meter Feldweg sein und gelangen aufgrund ihrer sozialen Herkunft automatisch in die Position der o. e. “Elite”. Es ist folglich einzig ihr Finanzpolster, welches sie unabhängiger und damit selbständiger als andere macht. Ein Finanzpolster, dessen Erhalt unser neoliberales System garantiert, indem die Reichen immer reicher werden. Besagte andere dumm zu halten kann folglich auch nur in deren ureigenem Interesse liegen.

Heute leben wir in einem Deutschland, in dem die soziale Ungleichheit so groß ist wie zu Beginn des Industriezeitalters, wie vor gut hundert Jahren. Damals allerdings waren die Menschen noch selbständig genug, um gegen die soziale Ungleichheit vorzugehen – als Beispiele seien nur die Bildung eines gewerkschaftlichen Dachverbandes im Jahr 1892 oder die Abwehr des Kapp-Putsches im Jahr 1920 genannt. Heute sind die Gewerkschaften zahnlos geworden, denn ihre Führungsspitzen zählen ja selbst zur o. e. “Elite”. Heute ist sich jeder selbst der Nächste – unselbständig und abhängig von irgendeiner Autorität. Autoritäten aber verändern die Wahrnehmung. Derjenige, der einer Autorität hinterher rennt, fühlt sich selbst moralisch weniger verantwortlich, weil er ja “nur” Anweisungen befolgt. Durch dieses blinde Befolgen von Anweisungen tut er Dinge, die er normalerweise – d. h. ohne Anweisung von oben – niemals täte. Damit aber sind wir schon mittendrin im Milgram-Experiment.

Das fand im Jahr 1961 statt und wurde von Prof. Stanley Milgram durchgeführt. Er wollte damit feststellen, ob die Gräuel in der Nazizeit auf eine spezifisch deutsche Obrigkeitshörigkeit zurückzuführen waren. Das waren sie nicht, denn Milgram entdeckte wahre Abgründe in der Seele von rund zwei Dritteln aller Menschen: Ihre Wahrnehmung veränderte sich unter dem von Autoritäten ausgeübten Druck und veranlasste sie zu unmenschlichen Handlungen durch das Ausblenden von Konsequenzen. Die Voraussetzung dafür war allerdings eben der von oben ausgeübte Druck, der wiederum nur dann umso mehr zum Tragen kommen kann, wenn jemand unselbständig bzw. von einer Autorität abhängig ist.

Unsere heutige Gesellschaft funktioniert nach exakt den gleichen Regeln. Durch ein verkorkstes Bildungssystem werden die Grundlagen für die Unselbständigkeit gelegt. Bei dem, der nicht bereits der “elitären” Kaste entstammt, führt die Unselbständigkeit zur Abhängigkeit. Autoritäten nutzen diese Abhängigkeit, um ihre eigene soziale Position zu sichern und an ihre Nachkommen weiter zu vererben. Dazu üben sie Druck auf die unselbständig-abhängigen Menschen aus. Der Druck besteht aus Ungleichbehandlung, aus Ausbeutung, aus sozialer Spaltung und aus dem Schaffen von Konkurrenzsituationen. Mit verdummenden Medien wird dafür gesorgt, dass immer hinreichend viel Ablenkung besteht, so dass niemand dieses perfide System mehr hinterfragt. Wer es hinterfragt, der wird weggeworfen und diffamiert, Stichworte H4 und Rentner. Willfährige Diener dazu finden sich immer – wie schon damals, beim Milgram-Experiment. Die neoliberale Gesellschaft: Das Milgram-Experiment im ganz großen Stil? Wirklich nur Zufall oder vielleicht doch Absicht?

Eine Antwort auf Unselbständigkeit

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