meschede

“Scientists are pack rats.”

Ja, stimmt auffallend und ich selbst habe zu der Zeit, als ich noch im Labor tätig war, dabei keine Ausnahme gemacht! Ob Chrom-VI-Verbindungen, Osmium-VIII-Oxid o. ä. – bei mir im Labor fand sich verdammt viel! Von Kennzeichnungen wie “Radioactive”, “Biohazard”, “T+” usw. habe ich mich eigentlich niemals irritieren lassen. Mit der gebotenen Vorsicht lässt sich alles handhaben. Das könnte auch als Leitsatz für das nun folgende Thema gelten. Aber eines, was mir sehr wichtig erscheint, doch noch vorweg: Ich will mit dem nun folgenden Beitrag wirklich keine Panik verbreiten! Aber ich will meine Leserschaft dazu animieren, sich selbst einmal Gedanken zu machen – nämlich Gedanken über offizielle Verlautbarungen. Kurz nach Weihnachten brachte ich den Beitrag über die Krankenhaushygiene. Im Verlauf des Beitrages erwähnte ich den Meschede-Zwischenfall aus dem Jahr 1970. In Folge erreichten mich zwei E-Mails, in denen ich gefragt wurde, ob ich glaube, dass
a) die Pocken [1, 2] auch heute noch ein Thema sind bzw. wieder werden können und
b) wirklich die letzten Erregerbestände nur noch in zwei Laboratorien (USA und Russland) vorhanden sind.
Ja im erstgenannten Fall und nein im letztgenannten Fall. Warum?

“What if I or someone else needs this again someday?”

Der Erreger Variola major – ist er wirklich weg, ausradiert, erledigt? Offiziell ja. Aber inoffiziell dagegen … – wurde im Jahr 2014 ein Abstellraum auf dem NIH-Campus in Maryland ausgemistet [3, 4, 5]. In dem Abstellraum befand sich ein altes Tiefkühlgerät. In dem Tiefkühlgerät fand sich ein Pappkarton. Und im Pappkarton waren … sechs versiegelte Reagenzgläser mit Variola major! Inwieweit die Viren noch aktiv u. d. h. infektiös waren, wurde nicht berichtet. Berichtet worden ist lediglich, dass besagte Reagenzgläser zwecks Untersuchung an das CDC gegangen sind. Dort wollte man herausfinden, ob von diesem Fund noch Infektionsgefahr ausgegangen wäre [6]. Nur: Eine Entwarnung ist nirgendwo publiziert worden. Darauf darf sich jetzt jeder selbst seinen Reim machen.

“No one knows how long the virus can survive in a human corpse.”

Die Frage, die mich daraufhin nicht mehr losließ, war: “Ist das ein Einzelfall oder gab’s das auch schon an anderer Stelle?” Woraufhin das Internet bemüht wurde und Interessantes zu erfahren war. So wird von zwei weiteren Zufallsfunden im Jahr 1990 berichtet – einem an einem nicht näher bezeichneten Ort in Osteuropa und auch in einer Tiefkühltruhe [7, 8] sowie einem in einem Institut in Bern kurze Zeit später [9]. Darüber hinaus kann niemand beurteilen, wie lange das Virus in Leichen (insbesondere dann, wenn die im Permafrostboden bestattet worden sind) aktiv bleibt [10]. Und von derartigen Leichen existieren etliche. Untersuchungen haben ergeben, dass die Virusaktivität mindestens 13 Jahre lang ungebrochen vorliegt. Danach stand kein Untersuchungsmaterial mehr zur Verfügung, so dass die Frage offen bleiben muss.

“As far as I know, there was never a confirmation they had checked in with all groups who could have had the virus.”

Der eingangs erwähnte Meschede-Zwischenfall, von dem sich eine recht detaillierte Beschreibung in dem Buch “The Demon in the Freezer” [11] (deutsche Ausgabe “Superpox: Tödliche Viren aus den Geheimlabors”) findet, welche durch Medienberichte ergänzt wird [12, 13], gilt als einer der letzten Pockenausbrüche weltweit. Nach dem letzten Ausbruch in Somalia im Jahr 1977 und einer Laborinfektion in England im Jahr 1978 endete das “Global Smallpox Eradication Program” mit der Aufforderung an alle Laboratorien weltweit, etwaig gelagerte Bestände und Proben des Virus zu vernichten oder zwecks Vernichtung an die WHO zu überstellen. Allerdings: Es ist niemals kontrolliert worden, ob wirklich alle dieser Aufforderung auch nachgekommen sind [14], ganz einfach schon aus dem Grunde, weil es nicht kontrolliert werden konnte. Denn eine Kontrolle wie bspw. bei spaltbarem Material existierte bei Mikroorganismen nicht [15] und das, was wir diesbezüglich heute haben, ist von Land zu Land und von Institution zu Institution höchst unterschiedlich. Die späteren Zufallsfunde beweisen eindringlich, dass sich nicht alle Laboratorien an die Aufforderung gehalten haben können.

“This points out the concern that folks have articulated all over the world, that there is the possibility of undisclosed stocks.”

Zusätzlich ist das Genom von Varola major seit 1995 öffentlich verfügbar. Damit ist es mit vergleichsweise geringem u. d. h. bezahlbarem Aufwand möglich geworden, selbst dann, wenn wirklich in keinem vergessenen Labor, in keiner nicht entrümpelten Abstellkammer, in keiner tiefgefrorenen Leiche und in keinem Brief im Archiv irgendeiner Bibliothek die Pockenviren mehr existieren würden, sie dennoch in einem definierten (kurzen!) Zeitrahmen synthetisch neu herzustellen [16]. Dann aber könnte die Pseudo-Doku “Pocken 2002″ [17, 18, 19, 20] durchaus zur traurigen Realität werden.

“Although the risk of such a virus causing a pandemic is low it’s a very real concern.”

Nützt eine Impfung? Jein. Die Impfung ist je nach Impfstoff gefährlich; der westdeutsche Impfstoff in den 1960er Jahren bspw. hatte eine Todesrate von 8% zur Folge (einer meiner früheren Klassenkameraden ist daran gestorben) und war damit nicht besser als ein milder Krankheitsverlauf. Andere Impfstoffe haben sich als merklich harmloser erwiesen (ein Toter auf eine Million Impfungen). Und auch die Impfung bietet keinen 100%igen Schutz, denn Erkrankungen sind vereinzelt dennoch möglich, auch wenn die Infektion dadurch milder verläuft. Aber: Es ist bereits seit den 1990er Jahren möglich (und auch das sind öffentlich zugängliche Verfahren), Pockenviren durch den Einbau des körpereigenen Interleukin4-Gens (IL4-Gen) “heiß” zu machen [21], so dass sie jeden Impfschutz dadurch unterlaufen, dass der Körper sie für körpereigenes Material hält. Sie sind dann trotz etwaiger Impfung zu hundert Prozent letal. Braucht man aber gar nicht. Stellt euch nur mal vor, dass irgendwann irgendwo ein Altbau abgerissen wird. In besagtem Altbau war mal ein Labor und in dem Labor hat es einen in Vergessenheit geratenen Pappkarton mit versiegelten Reagenzgläsern gegeben. Letztere gehen beim Abriss zu Bruch … Im Prinzip müssen wir Pockenviren wie Altlasten betrachten: Die werden auch immer mal wieder irgendwo aufgefunden! Über den breiten Daumen gerechnet muss man von mindestens einem Fund pro Jahrzehnt ausgehen. Der “alte Bekannte” Variola major ist daher m. E. keineswegs weg. Er liegt nur sozusagen im Koma. Vielleicht erwacht er irgendwann daraus. Damit sollten wir rechnen.

Quellen:
[1] https://en.wikipedia.org/wiki/Smallpox
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Pocken
[3] https://www.popsci.com/article/science/smallpox-discovered-old-lab-freezer
[4] https://www.popsci.com/article/science/five-questions-about-smallpox-vials-found-maryland
[5] http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/pocken-viren-in-abstellkammer-der-fda-per-zufall-gefunden-a-979981.html
[6] https://www.cdc.gov/media/releases/2014/s0708-nih.html
[7] https://medicalxpress.com/news/2014-07-forgotten-vials-smallpox-storage-room.html
[8] http://www.bbc.com/news/world-us-canada-28221185
[9] http://www.nature.com/news/nih-finds-forgotten-smallpox-store-1.15526
[10] https://www.nature.com/news/infectious-diseases-smallpox-watch-1.15115
[11] https://en.wikipedia.org/wiki/The_Demon_in_the_Freezer
[12] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45202649.html
[13] http://www.gapinfo.de/gesundheitsamt/alle/seuche/infekt/viru/pocken/pid.htm
[14] https://www.theguardian.com/science/2014/jul/08/smallpox-vials-found-cardboard-box-maryland-laboratory
[15] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-26329228.html
[16] https://www.aerzteblatt.de/archiv/195402/Synthetische-Pockenviren-Die-Katze-ist-aus-dem-Sack
[17] https://www.youtube.com/watch?v=atKsxJfI8HY
[18] https://www.youtube.com/watch?v=odLU1ehBzsc
[19] https://www.youtube.com/watch?v=zBS9CmQf4Dk
[20] https://www.youtube.com/watch?v=ZGlh0zr55I0
[21] http://www.bbc.co.uk/worldservice/sci_tech/highlights/010117_mousepox.shtml

2 Antworten auf Ist er wirklich weg?

  • Die Liste zum Schluss wäre besser ohne [Nummern]. Habs so gemacht : Liste kopieren, Nummern rausmachen und als TXT-file bei Directlinks eingelesen. Dann kann man direkt mit
    .Internetseite öffnen- die Sachen anschauen.
    Grüsse Heinz

    • Ich hatte zuerst überlegt, alles direkt zu verlinken, habe mich dann aber angesichts der doch etwas zahlreicheren Quellen dafür entschieden, das so wie früher in meinen wissenschaftlichen Papers zu machen. Abgesehen davon besteht ja auch immer noch die Möglichkeit, die gelisteten Links mit der linken Maustaste zu markieren und mit der rechten Maustaste “Link öffnen” zu wählen.

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