pneumo

Menschenversuche in Deutschland? Ja, das kennt man aus der Zeit des Dritten Reiches, Stichwort Josef Mengele. Doch danach, in der Bundesrepublik Deutschland? Sicherlich nicht … Leider aber doch! Der NDR hat dazu kürzlich einen Bericht, basierend auf den Recherchen der Doktorandin Sylvia Wagner, gebracht. Neben Medikamententests kommt dabei auch eine Untersuchungsmethode mit der Bezeichnung Pneumoenzephalographie, volkstümlich früher auch als “Luftkopf” bezeichnet, zur Sprache. Um besagte Untersuchungsmethode soll es in diesem Beitrag gehen, weil ich sie am eigenen Leibe erleiden musste: Die Berichterstattung hat da bei mir einige Erinnerungen geweckt. Das ist zwar schon verdammt lange her – ich war damals, 1970, gerade mal 12 Jahre alt – aber ich werde das niemals vergessen!

Die Untersuchungsmethode gilt heute zwar als überflüssig, doch worum handelt es sich bei der Pneumoenzephalographie eigentlich? Im Prinzip geht es darum, zwecks Röntgenuntersuchung des Gehirns etwas Hirnflüssigkeit (Liquor) zu entfernen und durch Luft zu ersetzen. Die Luft dient dabei als Röntgenkontrastmittel. Aus der Dissertation von Gergely Klinda an der FU Berlin ist zu erfahren, dass die Untersuchungsmethode aus einer Zeit stammt, als es noch keine Röntgenkontrastmittel gab. Das war im Jahre 1918 und die Methode lässt sich auf Edward Dandy zurückführen. Er veröffentlichte zwar im Juli 1918 seine erste Arbeit über die direkte Lufteinblasung in die Hirnventrikel, blieb der eigenen Methode gegenüber aber immer skeptisch, weil er auch die Nebenwirkungen sah.

Andere wie bspw. Adolf Bingel (1879–1953, seines Zeichens Internist) aus Deutschland hatten solche Hemmungen nicht, weshalb auch Bingels Name heute untrennbar mit der Anwendung der Pneumoenzephalographie in Deutschland verbunden ist. Insbesondere die Nazis interessierten sich für das Verfahren. Aus welchen Gründen? Der Titel einer Dissertation aus dem Jahre 1939 sagt alles: “Die differentialdiagnostische Bedeutung der Encephalographie für den epileptischen Anfall in Hinblick auf das Gesetz  zur Verhütung erbkranken Nachwuchses”. Man findet im Netz zwar Angaben zur Untersuchungsmethode selbst, aber keine Erfahrungsberichte von Betroffenen. Diese Lücke gilt es schließen und da kann ich eben aus Erfahrung sprechen.

Ich habe über Jahrzehnte hinweg extrem mit Migräne zu kämpfen gehabt. Deswegen wurde ich im Jahr 1970 in die Uniklinik in Göttingen zwecks Hirnuntersuchung eingewiesen. Ich glaube nicht, dass man meine Eltern damals über die Risiken dieses Eingriffs vernünftig informiert hat. Wenn man es getan hat, dann müssen sie das nicht begriffen haben oder aber es war ihnen egal. Die Todesrate durch die Untersuchung liegt Gergely Klinda zufolge bei knapp 5% u. d. h. von hundert untersuchten Patienten sterben knapp zwanzig aufgrund der Untersuchung. Die Ursachen dafür sind in den Nebenwirkungen zu finden, nämlich in subarachnoidalen Blutungen (was einem künstlich hervorgerufenen Schlaganfall entspricht) sowie in Infektionen durch Meningoenzephalitis (Hirnhautentzündung) und im Schmerztod.

Weitere Nebenwirkungen sind Krampfanfälle, so genannte Übelkeit, Schwindel und so genannte vernichtende Kopfschmerzen. Als ich seinerzeit aus der Narkose erwachte, da kotzte ich mir einen Tag lang, bis nur noch Galle übrig blieb, die Seele aus dem Leib. Soviel zum Thema Übelkeit. Der Schwindel flaut mit dem Ende des zweiten Tages ab. Er ist so stark, dass man auch still im Bett liegend keinerlei Gleichgewicht finden kann. Das war einer der Gründe, warum ich hinterher am Bett festgeschnallt worden war: Ich sollte nicht rausfallen; auch hatte ich (wie mir später berichtet wurde) im Untersuchungsverlauf wohl Krampfanfälle erlitten.

Bleibt noch das, was bei Wikipedia als vernichtender Kopfschmerz bezeichnet wird und das ist die großem Abstand wohl übelste Nebenwirkung von allen. Wer einen extrem heftigen Migräneanfall erleidet, der weiß, was Kopfschmerz ist – Zitat Dr. Anne Christine Poole (selbst betroffene Mutter und Ärztin, Gründerin des ‘Sjolyst Medical Centre Oslo’, auf einer Migränekonferenz in Rom im Jahre 2005): “Der Migräne-Schmerz ist vergleichbar mit dem Schmerz bei einer Entbindung.” Gegenüber der Pneumoenzephalographie hat der Migräneanfall aber noch einen unübersehbaren Vorteil, denn er mündet irgendwann in einer gnädigen Bewusstlosigkeit. Bei der Pneumoenzephalographie existiert diese Gnade nicht. Da muss man durch, und zwar gut drei Tage lang. Drei Tage, in denen jeder Lidschlag einen D-Zug durch den Kopf rasen lässt. Drei Tage, in denen jeder Atemzug eine Schmerzlawine auslöst. Drei Tage, in denen man vor Schmerzen nicht mehr klar denken und sich auch nicht mehr artikulieren kann.

Das sind drei Tage, in denen vor Schmerz auch kein Schlaf möglich ist. Eigentlich will man nur noch eins, das aber aus tiefstem Herzen: Sterben! Damit das nicht passiert und auch damit der Patient nicht selbst dafür sorgt, wird er im Bett angeschnallt. Die Schmerzstärke kann man getrost bei einem Wert irgendwo zwischen elf und zwölf Dol (auf einer Skala von 1 bis 12, wobei 12 bereits dem Tod durch Schmerzen entsprechen kann) einordnen. Zum Vergleich: Zahnschmerzen werden auf zwei und Migräne auf fünf Dol geschätzt. Wer das einmal erlitten hat, der vergisst es nie wieder. Ich habe mich damals schon nicht des Gefühls erwehren können, dass es Mediziner gibt, denen der Patient ziemlich egal ist. Ob sich daran inzwischen etwas geändert hat?

Bereits im Jahr 1970 wäre die Pneumoenzephalographie nämlich eigentlich schon gar nicht mehr notwendig gewesen, weil brauchbare (im Sinne von Nebenwirkungs-armen) Kontrastmittel existierten. Überflüssig wurde die unmenschliche Untersuchungsmethode dann letztlich durch die Einführung der Magnetresonanztomographie und der Computertomographie. So gesehen mag es durchaus sein, dass ich mit zu den letzten Menschen zähle, denen man die Pneumoenzephalographie “angedeihen” ließ. Was lernen wir daraus? Da es ganz offensichtlich solche und solche Ärzte gibt, gilt aufpassen und nicht blind vertrauen ganz besonders auch für manche Mediziner!

4 Antworten auf Pneumoenzephalographie

  • Leonie sagt:

    “Die Todesrate durch die Untersuchung liegt Gergely Klinda zufolge bei knapp 5% u. d. h. von hundert untersuchten Patienten sterben knapp zwanzig aufgrund der Untersuchung.”

    Nein, wenn es 5% (= “5 von Hundert”) sind, dann sterben 5 von hundert an der Untersuchung.

    Ist aber schlimm genug, absolut unverantwortlich!

  • Andre sagt:

    Guten Tag Asmodis,

    du bist nicht der letzte Patient, der diese Pneumencephalographie noch erleben durfte.
    Ich habe am 03.12.1974 in der ehemaligen DDR noch selbst die lumbale Pneumencephalographie als Patient miterlebt.Ich war damals 8 Jahre alt.Ich litt ebenfalls Jahrzehntelang an starken Kopfschmerzen.An andere Nebenwirkungen kann ich mich allerdings heute nicht mehr erinnern, weil das schon ewig her liegt.

    Machs gut, sagt André.

  • Brigid sagt:

    Hallo, bin jetzt 52 Jahre. Hatte mit 12 Jahren , also 1977, noch diese grauenvolle Untersuchung. Mit Nebenwirkungen bis heute. Gibt es weitere die noch nach 1977 der Untersuchung ausgesetzt wurde?

Wetterwarnungen

News per RSS

Counterize

Seitenaufrufe: 1413964
Seitenaufrufe heute: 60
Letzte 7 Tage: 5398
Besucher online: 1

August 2018
M D M D F S S
« Jul    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031  

Social Media

free twitter buttons



Meine HP & Bücher

Uhrzeit