brilliant

Vorab erst einmal ein paar Zitate und Formulierungen …

Früher hießen die Parteien anders, aber alle haben ihren Namen geändert … Und dabei sind sie praktischerweise gleich ein paar störende Adjektive losgeworden, wie sozial, christlich, grün oder demokratisch.

Im Prinzip wollen die großen Parteien ohnehin dasselbe … und deshalb gehe ich davon aus … dass sie beabsichtigen, nach der Wahl eine große Koalition zu bilden.

‘Krieg’ ist nicht das politisch korrekte Wort. Es heißt Sicherheitseinsatz zum Schutz der Handelswege und der Rohstoffzufuhr.

Auf dem Ankündigungsdisplay steht: ‘Hitler – Das Musical’ und der Untertitel lautet: ‘Die Geschichte von Ado & Eva’.

Seit vier Jahren arbeitet sie nun schon für WeltWeiteWerbung (WWW).

Dumm klickt gut.

Können wir dieses unnütze Gerede über Inhalte bitte beenden? Kommen wir zum entscheidenden Punkt zurück: Wie gewinnen wir die Wahl?

Die anerkannte Glaubensrichtung der Neoliberalisten …

Nein, das sind keine Ausschnitte aus irgendwelchen Interviews oder Talkshows. Das alles entstammt einem Buch, welches ich euch als ganz heißen Tipp ans Herz legen möchte und welches m. E. das Zeug dazu hat, Kultcharakter zu erwerben. Den Namen des Autors habt ihr sicherlich schonmal igendwo gehört. Das ist Marc-Uwe Kling, seines Zeichens Liedermacher, Kabarettist und Schreiberling, geboren in Ironien (das liegt am Sarkastischen Meer) ;) . Das Buch, um das es hier geht, nennt sich “QualityLand“, ein Mix aus Roman, SF der allernächsten Zukunft und – vor allem aber – schwarz-böser, intelligent-lustiger Gesellschaftssatire.

Worum dreht sich’s dabei? Um ein künftiges Land, in dem zwei Parteien, nämlich die ‘Qualitätsallianz’ und die ‘Fortschrittspartei’ schon seit jeher eine ‘Große Koalition (GroKo)’ bilden. Früher nannten die sich mal anders und auch besagtes Land hatte einen anderen Namen, aber da das antiquiert erschien, bat die mit vielen Firmen verbandelte Regierung die Unternehmensberater von ‘Big Business Consulting (BBC)’ um Hilfe und die erschufen zusammen mit den Kreativen von WWW (vgl. oben) eine neue Country Identity. Sie benannten das Land bei der Gelegenheit auch gleich fortschrittlich in ‘QualityLand’ um, nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt des Marketingwertes von Produkten, auf denen danach das Qualitätssiegel “Made In QualityLand” prangen würde.

Im neuen Land ist alles fortschrittlich: Die Menschen optimieren sich selbst (um nicht in der Krankenversicherung höhergestuft zu werden), persönliche digitale Assistenten erinnern alle jederzeit an wahrzunehmende Aufgaben (auch an die, die man eigentlich gar nicht wahrnehmen will), selbstfahrende Autos stehen als Transportmittel fast uneingeschränkt zur Verfügung (außer in gewissen Stadtvierteln oder wenn die Autos die Orientierung verloren haben), Drohnen liefern in Abhängigkeit vom Kundenprofil und von der jeweiligen Tagesform umgehend die benötigten Waren ohne dass man die extra noch bestellen muss (wenn man sich bspw. nach einem grottenschlechten Tag besaufen will und dazu Hochprozentigen bekommt) usw. Alles in allem: Das (fast) perfekte Utopia!

Als Snack steht der FeSaZu ganz hoch im Kurs (FeSaZu = 1/3 Fett, 1/3 Salz, 1/3 Zucker), der zwar einen langsamen und schmerzhaften Tod verspricht, aber sooooo lecker ist, in den sozialen Netzwerken verdienen sich die Menschen ihren Lebensunterhalt damit, blödige Kommentare abzugeben (wovon man zwar nicht reich wird, aufgrund der Entlohnung aber wohl doch einigermaßen leben kann) usw. Dort u. U. aufflammende, kritische Diskussionen werden von den staatseigenen Trollen immer zuverlässig im Keim erstickt. Eigentlich bekommen alle ihr Fett ab: Ob politische Parteien, Amazon, McDonalds, Facebook, Parship, abgehobene Politclowns und-und-und. Ach ja, und die Nachnamen orientieren sich immer am Beruf des Vaters zum Zeitpunkt der Zeugung. Offiziell spielen sie beim sozialen Aufstieg zwar keinerlei Rolle, aber wer auf den Nachnamen “Arbeitsloser” hört, der braucht sich gar nicht erst auf qualifizierte Jobs zu bewerben.

Das alles bildet den Rahmen um die Protagonisten, als da insbesondere wären: Peter Arbeitsloser (ein erfolgloser Maschinenverschrotter, der das Verschrotten nicht immer über’s Herz bringt), Martyn Vorstand (ein Politiker, dem gewisse Pornovorlieben zum Schaden gereichen), Aisha Ärztin (geb. Flüchtling und nach langem Namensänderungsprozess zur erfolgreichen PR-Fachfrau geworden) usw. Eigentlich gibt es in dem Buch keine wirklich durchgehende Handlung; insofern sind Ähnlichkeiten mit Kling’s Känguru-Chroniken unausweichlich oder vielleicht sogar beabsichtigt. Das macht aber gar nichts, denn die einzelnen Episoden, die allesamt auf ein doch irgendwie furioses Finale hinstreben, sind inhaltlich durchgehend hinreichend miteinander zu einer in sich schlüssigen Gesamtgeschichte verknüft worden.

Das von Kling geschilderte, schöne neue Land hat, sobald man auch nur geringfügig an der Hochglanzoberfläche kratzt, mehr Macken als ein Hund Flöhe. Das wird im Verlauf von Peter’s eigentlich unfreiwilligem Kampf gegen das System immer deutlicher. Unfreiwillig deswegen, weil er etwas geliefert bekommt, was er weder bestellt hat noch gebrauchen kann, was aufgrund von “unfehlbaren” Algorithmen und falschem Rofil aber zugestellt worden ist. Bloß ist die Rückgabe in der perfekten Welt nicht mehr vorgesehen … Peter steht bei seinen Bemühungen (eigentlich will er am Ende nur noch sein Profil korrigieren) aber nicht allein da, denn er bekommt Hilfe von dem Schrott, dessen Verschrottung er nicht über’s Herz gebracht hat. Von der Drohne mit Flugangst, dem Sexandroiden mit Erektionsstörungen, dem Kampfroboter mit der psychischen Störung usw. Und am Ende … geht alles ganz anders aus, als man es eigentlich erwartet hätte!

Der Autor geht eigentlich (und das ist im Grunde genommen sogar furchterregend) gar nicht mal sonderlich weit in die Zukunft, bestenfalls ein paar Jahrzehnte. Er perfektioniert im Grunde genommen nur das, was man heute schon allenthalben sehen kann, zeigt dessen Schwachstellen auf und treibt den Wahnsinn von durchgeknallten Werbefuzzies, Pseudomanagern aus besserem Hause, weltfremden Politclowns und Denglish-Verbreitern auf die Spitze. Das Ergebnis ist … in Grenzen durchaus glaubwürdig, und das ist vielleicht sogar das Schlimmste an dem ganzen Buch, so dass sich Gänsehaut und Lachen (wobei einem das Lachen mitunter im Halse stecken bleibt) abwechseln! OK, lest “QualityLand” einfach mal! Es gibt zwei Ausgaben davon, eine Black Edition und eine White Edition. Beide unterscheiden sich zwar nicht durch die Handlung, sehr wohl aber durch die eingestreute “Werbung”. Ich persönlich stelle dieses Werk durchaus qualitativ auf die gleiche Stufe wie Douglas Adams‘ fünfbändige Anhalter-Trilogie und die ist Kult geworden!

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