machbar

Ich bin da im Web über einen Beitrag zum Thema Waffen- bzw. Militärtechnik gestolpert. Besagter Beitrag war mit “Russlands Atom-Torpedo für den Weltuntergang” übertitelt. Er hat mich schockiert. Nun verfüge ich, obgleich mich das Jobcenter ja schon vor zig Jahren zum “Unqualifizierten und Ungelernten” gemacht hat, aus so einer Art von früherem Leben noch über gewisse Kenntnisse der Kernphysik, zumal ich über viele Jahre hinweg mit radiochemischen Arbeiten (u. a. Tracertechniken) betraut war sowie als Strahlenschutzbeauftragter gearbeitet habe. Solche Tätigkeiten setzen nun einmal die betreffenden Schulungen, Ausbildungen und Erfahrungen (sprich das Fachwissen) voraus. Daher halte ich mich für durchaus dazu befähigt, beurteilen zu können, ob so etwas wie im eingangs angeführten Beitrag und vollkommen ungeachtet des Wahrheitsgehaltes dieser Meldung (es könnte sich ja auch um Fake News handeln) technisch überhaupt machbar ist. Ist es das? Leider ja … – und zwar gar nicht mal sonderlich schwierig und zwar schon seit Jahrzehnten. Eigentlich müssen dazu nur längst schon bekannte Technologien miteinander kombiniert werden.

OK, jetzt mal der Reihe nach. Im besagten Beitrag wird ein russischer “Atomtorpedo mit einer Kobalt-Fusionsbombe von allergrößter Sprengkraft” (nämlich 100MT) beschrieben. Der soll im Falle eines Atomkrieges autonom von unter Wasser aus die USA angreifen. Jegliches Raketenabwehrsystem wäre damit obsolet, denn die Bombe käme ohne Rakete aus. Sie käme wie ein U-Boot aus den Tiefen des Ozeans. Jegliches Frühwarnsystem wäre gleichfalls überflüssig, denn eine Frühwarnung gäbe es nicht mehr. Anders ausgedrückt: Gegen eine Nulkearbombe aus den Tiefen des Ozeans sind weder Schutz noch Warnung möglich. Soviel zum eigentlichen Konzept.

Nehmen wir jetzt zunächst mal den “Torpedo” an sich. Der wäre im Grunde genommen ein autonomes, KI-gesteuertes Tauchboot, also ein kleines U-Boot. Solche Gerätschaften gibt es schon lange. Sie sind zwar unverschämt teuer, werden aber zu Forschungszwecken von Wissenschaftlern im Rahmen der Meeresforschung und von Großkonzernen im Rahmen der Tiefsee-Rohstoffsuche eingesetzt. Und wann hat beim Militär das Geld schon einmal eine Rolle gespielt? Der Punkt “Torpedo” ist damit als machbar abgehakt, auch wenn der vermeintliche Torpedo wohl doch eher ein autonom agierendes Mini-U-Boot sein dürfte.

Kommen wir nun zur Kobaltbombe. Bei einer Kobaltbombe werden Nuklearbomben (egal ob Spaltung oder Fusion) mit dem nicht radioaktiven Kobaltisotop 59, abgekürzt Co59 (das ist der völlig harmlose Kobalt, der bspw. auch bei der Stahlveredelung oder bei der Herstellung blauer Dispersionsfarben zum Einsatz kommt), ummantelt. Im Zuge der Kernreaktion entstehen dann schnelle Neutronen. Die wandeln das Co59 in das höchst radioaktive Co60 um. Kobalt 60 kennt ihr wahrscheinlich auch; das wird oft und gerne in aller-aller-allerwinzigsten Mengen zur Bestrahlung von Tumoren eingesetzt, um die quasi mit Radioaktivität auszubrennen. Findet aber auch Anwendung beim Sterilisieren von Nahrungsmitteln u. ä. – die Strahlung allein vernichtet ausnahmslos alles!

Bei einer Kobaltbombe wären die Mengen ungleich größer. Man schätzt – so steht es zumindest in meinen alten Schulungsunterlagen zum Thema Atomphysik – dass ein bis zehn Kobaltbomben den Planeten Erde, unabhängig vom Ort der Exlosion, gründlich und dauerhaft sterilisieren würden. Nicht mal mehr Bakterien kämen davon, denn mit Blick auf die radioaktive Verseuchung ist die Kobaltbombe die schmutzigste nur vorstellbare Bombe. Bei der Explosion wird das gewöhnliche Kobalt in hochradioaktiv strahlendes Kobalt umgewandelt, pulverisiert und legt sich nach und nach wie ein absolut tödlicher Schleier um die ganze Erde. Bestenfalls in irgendwelchen Tiefseegräben könnte vielleicht irgendwelches Leben überdauern. Das kommt einem Totalreset für die Evolution gleich. Und dazu bedarf es bloß eines Mantels von gewöhnlichem Kobalt um eine Atom- oder Wasserstoffbombe: Simpel! Der Punkt “Kobaltbombe” ist damit ebenfalls als schon seit Urzeiten machbar abgehakt.

Bleibt noch die allergrößte Sprengkraft. Als die Amis im Jahr 1954 anlässlich der “Operation Castle” ihre Wasserstoffbomben im Pazifik auf dem Bikini-Atoll testeten, da kam es bei der Explosion der “Bravo” genannten Bombe zu einigen unerwarteten Nebeneffekten. Einige Schiffe der US-amerikanischen Flotte erlitten heftige Schäden. Die Bewohner der vermeintlich in sicherer Entfernung befindlichen Insel Rongelap wurden verstrahlt, ebenso die Besatzung eines außerhalb der Sicherheitszone tätigen, japanischen Fischerbootes. Auch der Meeresgrund hatte sich gravierend verändert, wies er doch urplötzlich einen 2km durchmessenden Krater auf. Was war geschehen? Man hatte die Sprengkraft der Bombe schlicht unterschätzt. Und zwar gewaltig unterschätzt! Sie erwies sich als 2,5 mal so stark wie zuvor berechnet worden war und entsprechend hatte man seinerzeit die Sicherheitszone um Größenordnungen zu gering angesetzt.

Woher kam nun diese unerwartete Sprengkraft? Man wollte Wasserstoff mit Deuterium und Tritium verschmelzen. Die drei Wasserstoffisotope werden in Form von Lithiumhydrid gebunden. Beim Lithium gibt es zwei Isotope, nämlich Li6 und Li7. Die Fusion wird durch eine kleine Kernspaltungsbombe (auf Uran- oder Plutoniumbasis) eingeleitet. Dadurch entstehen schnelle Neutronen, die das Li7 spalten, und zwar in Tritium und Helium. Letzteres ist uninteressant, aber das Tritium bildet zusätzliche Fusionsmasse. Das sollte es dann eigentlich gewesen sein: Ein Irrtum! Tatsächlich nämlich entstand zusätzlich noch ein weiteres schnelles Neutron, welches das Li6 in Li7 umwandelte, dass dann seinerseits wie bereits dargestellt zur Fusionsmasse wurde. Anstatt von prognostizierten 6MT belief sich die tatsächliche Explosionsstärke plötzlich auf unerwartete 15MT TNT-Äquivalent! Der Versuch zeigte aber noch etwas, was zuvor niemand geahnt hatte: Auf diese Weise war es möglich geworden, die Sprengkraft von Wasserstoffbomben bis zum Geht-nicht-mehr zu steigern.

Eben das versuchten die Russen nach dem genannten Schema im Jahr 1961 mit ihrer Zar-Bombe. Konzipiert worden war die von dem Physiker (und späteren Friedensnobelpreisträger) Andrei Sacharow. Die Zar-Bombe war ursprünglich auf 100MT Sprengkraft ausgelegt worden. Sacharow hatte ein mulmiges Gefühl dabei – denn eine derartige Sprengkraft gleicht einem Asteroideneinschlag und keiner kann sagen, wie der Planet darauf reagiert – und veränderte eigenmächtig sowie insgeheim die Konstruktion dahingehend, dass “nur” noch gut die Hälfte der projektierten Sprengkraft (nämlich 57MT) erreicht wurde, wofür er sich später Repressionen ausgesetzt sah und nach Gorki verbannt wurde.

Dennoch war die Zar-Bombe die stärkste, jemals von Menschen konstruierte Wasserstoffbombe. Die durch die Explosion ausgelöste Druckwelle umrundete etwa zweieinhalb mal den Globus. Die Zar-Bombe war aber auch, gemessen an der ursprünglich geplanten Konstruktion, ein besser “Knallfrosch”. Ihre Größe war gar nicht mal sonderlich beeindruckend, denn sie passte auf einen Hubwagen-Anhänger. Das liegt jetzt 57 Jahre zurück. Ein U-Boot mit so einer Bombe wäre damals schon möglich gewesen und seither hat die Entwicklung garantiert nicht stillgestanden. Der Punkt “allergrößte Sprengkraft” kann damit getrost auch als längst schon machbarer Schnee von gestern abgehakt werden.

Und an der Stelle wird’s echt gruselig, ganz unabhängig davon, ob sich der eingangs angeführte Bericht auf Tatsachen bezieht oder ob es sich um Fake News handelt. Denn eine KI-gesteuerte Weltuntergangsbombe, gegen die es keinerlei Schutz gibt, ist längst technisch machbar und das schon seit Jahrzehnten, aber praktisch und eben nicht nur theoretisch. Wobei gar nicht mal so sonderlich viel an Fachwissen vonnöten ist. Wenn so etwas bislang noch nicht realisiert worden sein sollte, dann liegt das einfach nur daran, dass bisher noch keiner verrückt genug gewesen ist, um so etwa Irres auch zu bauen. Aber vielleicht kommt ja irgendwann einmal ein noch viel Verrückterer, denn das wäre nur allzu menschlich … :(

2 Antworten auf Machbar? Ja, leider!

  • Prot sagt:

    Wie nett sich mit machbaren zu befassen. Und nicht mit dem was den Russen längst zu Verfügung steht und einsatzbereit ist!
    Da wäre die Zirkon eine Abwehrrakete gegen alle verfügbaren Flugzeugträger, die wären schon weit vor ihrem Einsatzgebiet versenkt.
    Atomraketen die mehrere Sprengköpfe abliefern und im Überschall vor dem Abwurf nicht abschließbar sind. Und mehrere europäische Staaten in einen Anflug ausschalten.
    Da mache ich mir wenig Gedanken über KI in den Waffen.
    Es Bedarf nur das verfolgen von Waffenmessen um zu erkennen das wir technisch dem nichts entgegen zu setzten haben.Nicht nur das Krieg eine dumme Idee ist und bleibt. Reizen wir ein Land das uns bei weitem überlegen ist, nur unseren “Medien” quatschen” etwas anderes.
    Und noch heute beleben unsere Medien die Idee alles was er habe ist veraltet.
    Wir lassen es besser nie zum Krieg kommen sonst merken wir den Irrtum den die Medien verbreiten in späteste 15 Minuten.

  • thom sagt:

    Nur mal als Anmerkung,
    da die Sowjetunion mal sehr negative Erfahrungen mit Krieg gemacht hat,
    gab es dort die Einstellung, so etwas mit aller Macht zu verhindern (zumindest auf dem eigenen Territorium). Das führte zum Einsatz von Waffen im Weltraum (Projekt Salut 3) wo auch ein Sattellit zwecks Test vernichtet wurde und war auch die treibende Kraft bei der Entwicklung der kalten Hand (autonomes System zum starten ausgewählter Interkontinentalraketen nach einem “Enthauptungsschlag”). Ob das kalte Händchen noch existiert, ist nicht bekannt, daß es Sie gab hingegen ist belegt. Ich würde unken, dieses oben genannte Gerät existiert bereits.
    Zumal sich Russland als Nachfolger der Sowjetunion sieht. Leicht optimistisch lassen mich die bisher immer souveränen Reaktionen der russischen Kollegen sein, wenn es mal wieder brenzlig wurde.

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