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Vorab und um nicht falsch verstanden zu werden: Den Mitarbeitern der Tafeln gilt meine Hochachtung, denn die setzen sich geradezu vorbildlich für andere Menschen ein! Man sollte dabei allerdings niemals vergessen, dass das Tafel-(Un-)Wesen in Deutschland ein absolutes Armutszeugnis und ein Beweis dafür ist, dass der Sozialstaat nicht mehr existiert. Denn die Tafeln in ihrer derzeitigen Form sind einerseits ein unverzichtbares Begleitinstrument des H4-Menschenrechtsverbrechens und andererseits mit ziemlicher Sicherheit ein die Wirtschaft stärkendes McKinsey-Projekt. Das allerdings verschweigt bspw. der kürzlich in der Süddeutschen erschienene Artikel ganz vornehm – Honi soit qui mal y pense … – und die jetzt zum 25jährigen Jubiläum der Tafeln erscheinende Sondermarke lenkt auch nur vom eigentlichen Problem ab.

Wo liegt das eigentliche Problem? Um das herauszuarbeiten, muss man sich einmal mit der Geschichte der Tafeln in Deutschland befassen. Die erste deutsche Tafel wurde 1993 in Berlin gegründet. In den Folgejahren entstanden weitere Tafeln – Armenspeisungen wäre der wesentlich korrektere Ausdruck dafür – in verschiedenen deutschen Städten. Von 2001 bis 2009 verdreifachte sich die Zahl der deutschen Tafeln in Folge der seitens Schröder, Fischer, Clement und Hartz vorgenommenen, gründlichen Zerstörung des Sozialstaates in Form der Einführung von H4. D. h. es stand von vornherein fest, dass das so genannte “Existenzminimum” zum Sterben zuviel und zum Leben zuwenig ist und somit nicht ausreichte: Verarmung mit Vorsatz! Das allerdings interessierte gewisse, so genannte “Volksvertreter” herzlich wenig. Wie gesagt, die Tafeln gab es zur H4-Einführung schon. Sie mussten nur anders – nämlich effektiver – organisiert werden. Diese Aufgabe übernahm offensichtlich ein gewisser Unternehmensberater, der in den verlinkten Beiträgen namentlich McKinsey genannt wird.

Wie lief es voher mit den zu entsorgenden Altlebensmitteln? Ich war von 1990 bis 2001 selbst im Bereich der Entsorgung tätig. Entsorgung ist (das vorgeschiebene Andienungsverfahren mit eingeschlossen) eine ziemlich teure Angelegenheit. Etwas, das mit richtig saftigen Kosten zubuche schlägt. Vor H4 u. d. h. dem Jahr 2005 hatten die Unternehmen diese Kosten selbst zu tragen. Überlagerte, verfaulte und verschimmelte Lebensmittel wurden entsorgt, indem man Biogas zwecks Verstromung daraus herstellte. Danach aber … – wurde der Müll zum Wirtschaftsfaktor, denn plötzlich existierten mit den H4-Abhängigen ja menschliche Komposter! Wie ist das zu verstehen? Man nehme überlagerte Lebensmittel. Das ist Müll. Müll, der teuer entsorgt werden muss. Müsste, wenn nicht … – wenn nicht menschliche Komposter da wären. Menschen, die nicht genug zum Essen haben. Denen kann man den Müll ja “spenden”. Die nehmen, was sie kriegen können. Sie sollten nur einwandfreie Nahrung erhalten, doch die Realität sieht leider nur allzu oft gänzlich anders aus (eigene Erfahrung!). Die Tafel-Mitarbeiter können nichts dafür; sie sind nur letztes, ausführendes Glied in einer Kette der Unmenschlichkeit und geben ihr Bestes, um dem durch und durch inhumanen System wenigstens noch etwas Humanität abzugewinnen. Sie kennen die menschlichen Schicksale, weil sie immer und immer wieder mit ihnen konfrontiert werden.

Der Unternehmensberater berät also die Unternehmen, die künftig keinen Müll mehr teuer entsorgen wollen, sondern stattdessen (steuerlich absetzbare) “Spenden” an Bedürftige leisten. So wird auf höchst wundersame Weise aus Biomüll ein steuerlich absetzbarer (da einem gemeinnützigen Verein zur Verfügung gestellter) Wertgegenstand. Eine Win-Win-Situation für alle. Der Müll wird nicht beseitigt, sondern stattdessen nur umverteilt. Die Resultate davon: Politclowns und Unternehmen sonnen sich im Glanz der Tafeln. Das lenkt medienwirksam vom Versagen des Sozialstaates ab. Die Lebenserwartung der Bedürftigen sinkt kontinuierlich; im Gegenzug steigt die Krankenrate. Davon profitiert die Pharmaindustrie, die bei der Politik Lobbyarbeit leistet. Die Politik ist über die gesunkene Lebenserwartung entzückt, entlastet sie doch die Sozial- und Rentenkassen, was bei – aufgrund von Dumpinglöhnen – fehlenden Steuereinnahmen auch bitter nötig ist. Nutznießer sind die Unternehmen. Unternehmen, die mitunter Lohnerhöhungen verweigern oder gar zu Entlassungen greifen, während den Aktionären zeitgleich dicke Dividenden gezahlt werden. Unternehmen, die sich ganz legal und publicityträchtig als “edle Spender” feiern lassen können.

Was bringt das? Rechnen wir es mal anhand eines fiktiven Beispiels durch. Der mittelständische Betrieb um die Ecke (z. B. Bäcker oder Schlachter) muss seinen gewerblich anfallenden Lebensmittel-Müll teuer bezahlen. Mag sein, dass das “nur” hundert Euro im Monat sind. Anders sieht es bei der großen Discounterkette aus. Da kommen schnell ein paar tausend Euro monatlich an Entsorgungskosten zusammen. Aber veranschlagen wir für den Discounter auch mal nur bewusst tiefgestapelte, schlappe hundert Euro monatlich. Angenommen – ich beziehe mich da auf sehr reale Zahlen und nenne lediglich den Namen der Kette nicht – die Discounterkette verfügt deutschlandweit über 12.000 Filialen. Dann bringt die Abgabe der nicht mehr verkaufbaren Lebensmittel an die Tafeln monatlich Einsparungen i. H. v. 1,2 Millionen Euro. Jährlich sind das dann 14,4 Millionen Euro und das ist schon ‘ne ganz andere Hausnummer, von den steuerlich absetzbaren “Spenden” mal ganz zu schweigen. Die realen Beträge werden wahrscheinlich noch deutlich darüber liegen.

Die menschlichen Komposter, welche gezwungenermaßen die Tafeln aufsuchen (müssen), verkonsumieren den Biomüll und der ist aus der Welt. Damit schließt sich ein Wirtschaftskreislauf. Die “edlen” Spender unterstützen die Politik durch Parteispenden und die Politiker lassen sich selbst von McKinsey beraten. Damit schließt sich ein weiterer Kreis. Gleichzeitig – und auch in Folge der “qualifizierten” Beratung durch einen gewissen Unternehmensberater – drücken die “edler Spender” die Löhne und bringen die Menschen auf diese Weise dazu, sich bei den Tafeln anstellen zu müssen. Wenn ein Arzt jemandem eins vor die Rübe haut, das behandelt und dem Opfer dann eine Rechnung ausstellt – wäre so etwas nicht ein vergleichbarer Fall?

Sollte an dieser Stelle der falsche Eindruck entstanden sein, dass man bei den Tafeln nur ungenießbaren Krähenfraß erhält, so gilt es unbedingt, den zu korrigieren. Man kann Dosenfutter, Joghurt o. ä. auch dann noch essen, wenn es ein paar Tage lang überlagert ist. Mit Fleischprodukten wäre ich da schon sehr viel vorsichtiger, denn ehe die als überlagert gelten, haben sie häufig schon einen gewissen Metamorphoseprozess durchlaufen (was nicht mehr als frisch verkauft werden kann und grau geworden ist, das mariniert man mit Paprikatunke um die Farbe zu überdecken und wenn selbst das anfängt zu müffeln, dann kann man es immer noch in Knoblauchöl einlegen und den Geruch übertünchen bis das restlos vergammelte Zeug letztlich im Wurstdarm landet – und selbstverständlich ist das alles immer “frisch”). Zwei Jahre überlagerte Kekse sind zwar steinhart, aber die lassen sich einstippen. Bei angeschimmelten Kiwis oder angefaulten Bananen schneidet man eben das weg, was stört. Das Zeug ist nicht unmittelbar tödlich. Man kann es durchaus noch als Nahrung verwenden, wenn man seine Ansprüche bis zum absoluten Nullpunkt runter schraubt.

Das geht und ich spreche da aus Erfahrung, denn vor gut zehn Jahren musste ich mich selbst bei den Tafeln anstellen. Aber es gibt eben Unterschiede. Tafel ist nicht gleich Tafel und die Unterschiede ergeben sich u. a. aus den Transportwegen; insofern unterscheiden sich Stadt und Land. Kürzere Transportwege bedeuten frischeres und eben vielleicht doch noch nicht überlagertes Material. Längere Transportwege bedeuten Sammeln, Lagern und seltenere Ausgabetermine und was vielleicht seitens des “edlen Spenders” einen Tag vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums abgegeben worden ist, das bekommt der Tafelgänger mit einer Woche Verzögerung. Auf diese Weise – auch eigene Erfahrung – werden aus zwölf Portionen im Endeffekt nur noch höchstens drei genießbare Mahlzeiten und der Rest ist dann wirklich ein Fall für den Müll – wobei der Tafelkunde letztlich den gewerblichen Müll in seine Hausmülltonne wirft: Es lebe die kostensparende Umverteilung! All das kann man den Tafelmitarbeitern keinesfalls anlasten – aber dem dahinter stehenden System!

Bei den Tafeln stellt sich keiner gerne an. Nicht, wenn irgendwelche Vollpfosten mit ihrer Nobelkarosse vorfahren, das Fenster elektrisch runtergleiten lassen und losbölken: “Geht arbeiten ihr faulen Schweine! Unter Adolf hätte es das nicht gegeben! Ab ins Lager mit euch!” Anschließend wird Gas gegeben und der Vollhonk verschwindet. Das ist selbst erlebt und es zeigt, welches Gedankengut in dieser, unserer neoliberalen Bananenrepublik längst schon wieder regiert. Außerdem muss auch unbedingt mal richtig gestellt werden, dass gerade die Ärmsten der Armen bei den Tafeln eben leer ausgehen. Warum? Ganz einfach: Was wäre das denn für ein Unternehmensberater, wenn er nicht auf die Notwendigkeit des Nachweises der Bedürftigkeit hingewiesen hätte? Besagter Nachweis ist der gültige H4-Bescheid. Wer den nicht hat, der darf getrost verhungern. Also alle diejenigen, die vom Jobcenter obdachlos gemacht worden sind, die unter die Sippenhaft-Regelung fallen (pardon, das nennt sich offiziell ja “Bedarfsgemeinschaft”), die man auf null runter sanktioniert hat oder die sich einen letzten Rest von Menschenwürde bewahrt haben und die deswegen um die H4-Enteignungsmafia einen Bogen machen. Simples Schema dabei: Wer nicht widerspruchslos mitläuft und konsumiert den brauchen wir nicht mehr!

Die Tafeln in ihrer heutigen Form mildern die schlimmsten Auswirkungen einer durch und durch verfehlten – um nicht zu sagen “real nicht existierenden” – Sozialpolitik ab, ohne gegen besagte Politik vorzugehen. Mehr noch: Im Grunde genommen sind zum unterstützenden Teil einer derartigen, menschenverachtenden Politik mutiert. Das ist Neoliberalismus pur: Man nutzt die Hilfsbereitschaft von Menschen aus, um selbst aus denen noch Profit schlagen zu können, die nichts mehr haben, indem man die Hilfsbereitschaft institutionalisiert und die Bedürfnisse mit Müll befriedigt. Ob das wirklich ein Grund ist, um ein 25jähriges Jubiläum zu feiern, wage ich ernsthaft zu bezweifeln! :( Denn die Tafeln sind zum unverzichtbaren Begleitinstrument der H4-Menschenrechtsverletzung geworden. Ohne H4 bräuchten wir sie wahrscheinlich gar nicht!

Und was den o. e. Unternehmensberater betrifft: McKinsey war beteiligt am Konzept von Hartz-IV, an der Arbeitsweise der ARGEn und an der so genannten “Reform” der Sozialversicherung, mit der die Armut erst gemacht worden ist. McKinsey hat zusammen mit der Axel Springer AG eine Partnerschaft bei der European Business School (EBS) und somit Medieneinfluss. McKinsey war zunächst Hausberater bei Bertelsmann. Bertelsmann ist ein Medienkonzern. Bertelsmann und McKinsey beraten unsere Politiker – und nicht etwa Otto Normalverbraucher, nicht etwa das “gemeine Stimmvieh”! Die Bevölkerung – das “Stimmvieh”! – darf nur aus den manipulierten Medien seine Meinung entnehmen. Wer regiert diesen Staat eigentlich? Sollte man wirklich Leuten Vertrauen schenken, die auf McKinsey & Co anstatt auf den Wähler hören?

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Eine Antwort auf Das Begleitinstrument

  • elfina sagt:

    leider kann ich deinem beitrag nur zustimmen.

    mir ist 1993 und die erste erwähnung einer tafel in berlin in guter erinnerung geblieben.
    doch nicht schröder und seine hartzreformen haben die tafel ins leben gerufen sondern helmut kohl mit seiner unsozialen regierung. schröder hat dies nur formvollendet mit hartz 4 und dem umbau des sozialgesetzbuches.

    in meinem städtchen gibt es ebenfalls eine tafel.
    letztes jahr wurde das 10-jährige bestehen in der örtlichen presse beschrieben.
    die tafelleute sagten, sie hätten ca. 1200 arme menschen zu versorgen wobei 75 prozent migraten seien.
    ein schelm wer an merkels politik dabei denkt.

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