(Der nun folgende Beitrag ist auch unter “Quergedacht! v4.0” erschienen.)

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Man kommt viel rum. Jedenfalls geht es mir so. Man trifft auf auf andere Menschen; mit dem einen oder anderen kommt man hin und wieder auch mal ins Gespräch. Da sind Leute, die Hilfe benötigen. Es gibt welche, die helfen – nicht selten selbst hilfebedürftig und nicht selten selbstlos. Irgendwie aber läuft es dann doch wieder, wenngleich auch oftmals mehr schlecht als recht. Man schlägt sich eben so durch – irgendwie, von heute auf morgen, mit viel zuwenig Geld und ohne Perspektive, jahrelang. Schlaglochpisten kennzeichnen das, was einst gute Straßen waren. Die jahrelang frequentierte Brücke ist jetzt wegen Baufälligkeit gesperrt; sie wird nicht mehr repariert. Wo sich bis vor ein paar Jahren noch Mittelständler an Mittelständler reihte, da gähnen heute leere Räumlichkeiten, an deren Fenstern Schilder mit der Aufschrift “Ladenfläche zu vermieten” hängen. Der Pfandflaschen-sammelnde Rentner ist zum gewohnten Anblick geworden, der Obdachlose und der Bettler ebenso.

Manche Gegenden gelten als unsicher und als besser zu meiden, was kein Wunder ist, denn da, wo Mittellosigkeit vorherrscht, verwischen sich die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität zwangsläufig. Das geschieht praktisch automatisch, wenn der Überlebenstrieb zur treibenden Kraft geworden ist. An die Stelle von Nachbarschaftshilfe ist die Schwarzarbeit getreten. Professionelle Handwerker werden nur noch im Notfall gerufen, denn das Geld, um deren Dienstleistungen zu finanzieren, ist einfach nicht mehr da. Manch einer baut, werkelt und repariert selbst, wohl wissend, dass das, was er da gerade macht, nicht funktionieren wird. Er handelt voller falscher Hoffnung in einem Akt schierer Verzweiflung, will es wenigstens versucht haben und guten Willen zeigen. Viele sind verbittert, wollen nur noch in Ruhe gelassen werden und suchen nach Sündenböcken.

Dann sind da noch diejenigen, die unbedingt zeigen müssen, was sie haben – oder vorgeben zu haben. Diejenigen, welche das Menschsein über den Besitz definieren und die glauben, mit Geld alles kaufen zu können. Auch andere Menschen, deren Meinungen und vor allem aber besondere Rechte. Bei denen fragt man lieber nicht danach, wie sie zu ihrem Reichtum gekommen sind, denn die Antwort auf so eine Frage könnte ziemlich ungesund werden. Diese Menschen haben das Sagen – glauben sie und hängen dabei selbst doch nur am Tropf von noch Mächtigeren. Solche Menschen halten sich für den Nabel der Welt, jedenfalls für eine Zeit lang. Bis sie abstürzen. Dann reihen sie sich ins Heer der Habenichtse ein. Der Absturz kommt früher oder später, aber er kommt, sofern man nicht zu den obersten Zehntausend gehört, unausweichlich. Der Verlust von allem, was man sich im Verlauf des Lebens erarbeitet hat, ist in einer neoliberal geprägten Gesellschaft unweigerlich vorprogrammiert und geschieht altersbedingt. Das ist das, was einem unterwegs mitunter so auffällt.

Irgendwann ist Feierabend. Vielleicht möchte man die Füße hochlegen, vielleicht die Glotze einschalten. In der Glotze präsentieren sich dann mit schöner Regelmäßigkeit die oberen Zehntausend. Sie erörtern dort die wirklich wichtigen Themen, also bspw. dass man mit H4 nicht arm ist, ob der Islam zu Deutschland gehört, ob das Renteneintrittsalter nicht mindestens auf 70 Jahre hochgesetzt werden soll (was de facto einer biologischen Endlösung entspricht), dass wir ein Europa mit zahllosen Reglementierungen bis hinein in den privatesten Bereich dringend brauchen, wie die Wirtschaft profitieren kann, wie man mehr Pflegeleistungen kostensparend von den Pflegekassen in die Familien verlagern kann, dass ein Aufweichen des Arbeitszeitgesetzes zugunsten der Digitalisierung 4.0 unverzichtbar sein soll usw. Und irgendwann, wenn durch die beständige Glotzenberieselung nicht schon die allerletzten Gehirnzellen abgestorben sind, fragt man sich dann vielleicht, ob diejenigen, die da gerade öffentlich und populistisch heiße Luft bar jeglicher Sach- und Realitätskenntnis absondern, nicht dringend therapiebedürftig sind. Ob denen vielleicht eine intensive Konfrontationstherapie, so die mehrjährige Pflege in der Praxis oder H4 nicht unter vier Jahren helfen würde?

Es gab mal eine Zeit – ist noch gar nicht so lange her und ich habe sie noch miterlebt – da war das alles nicht so. Damals gab es auch Arme und Reiche, jedoch waren die Reichen noch nicht ganz so unverschämt reich und abgehoben wie heute. Da hatten wir allerdings auch weder H4 noch Neoliberalismus. Stattdessen aber einen real funktionierenden Sozialstaat, Perspektiven und Auskommen!

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