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Wenn man der Nachwelt etwas mitzuteilen hat, dann verwendet man dazu eine so genannte Zeitkapsel. Die Zeitkapsel vermag Jahrzehnte oder Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende zu überdauern. Sie ist auch nicht das Problem. Das Problem ist ihr Inhalt, der im weitesten Sinne als Speichermedium verstanden werden kann. Bei magnetisierten Datenträgern wie bspw. Magnetband ist spätestens nach zwei bis vier Jahrzehnten Feierabend; außerdem erfordern die zur “Entschlüsselung” auch immer ein ganz bestimmtes Equipment. Normales Papier hält ein paar Jahrzehnte lang, bevor es dem Säurefraß zum Opfer fällt. Mit Hanfpapier lassen sich, da säurefrei, mehrere Jahrhunderte überbrücken. Und dann? Glas wäre ein extrem haltbares Material, geeignet für Jahrtausende und von extrem hoher Speicherdichte. Aber auch das setzt wieder eine geeignete Lesetechnik voraus und wird die später überhaupt noch verfügbar sein? Eher doch wohl nicht – man versuche, um sich das zu verdeutlichen, heute doch einfach nur mal, eine 5,25-Zoll-Diskette in einen Computer zu packen oder eine uralte 78UpM-Schallplatte irgendwo abzuspielen.

Um den Aufwand der “Entschlüsselung” in ferner Zukunft in Grenzen zu halten kommt eigentlich nur eine Methode ohne großen technischen Aufwand beim Auslesen infrage. Damit sind wir wieder bei der guten alten Analogtechnik angekommen. Beispiel Schallplatte: Es reicht aus, den Plattenkörper mechanisch zum Rotieren zu bewegen und eine Postkarte in die Rille zu halten, um die Tonaufzeichnung zu hören. Das ist KISS-Technik: “Keep It Super Simple” oder “Keep It Simple & Stupid”. Bleibt noch das Material des Datenträgers. Kunststoffe wie bspw. bei der Schallplatte halten sehr lange. Aber sie halten nicht ewig. Sie verändern sich und gehen kaputt. Welches Material ist haltbarer? Das, was die Archäologen immer wieder irgendwo als Zeugnisse uralter menschlicher Kulturen ausgraben, sind Scherben. Scherben bestehen aus Keramik. Keramik überdauert hunderttausende von Jahren, vielleicht sogar mehr als eine Million Jahre. Halten wir also fest, was für den Inhalt einer extrem langfristig angelegten Zeitkapsel für die Nachwelt gebraucht wird: Ein analoges Aufzeichnungsverfahren auf Keramik.

Das gibt es. Die Zeitkapsel auch. Das spendenfinanzierte Projekt nennt sich “Memory Of Mankind (MOM)” und wird seit einigen Jahren von dem österreichischen Keramiker Martin Kunze realisiert. Als Zeitkapsel dient der älteste Salzstock der Menschheit in Hallstatt. Und, ganz ehrlich: Ich halte dieses Projekt für eine Arbeit, deren Stellenwert mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms durchaus vergleichbar, wenn nicht sogar noch höher einzuschätzen ist! Denn MOM wird die Gattung, die nach uns kommt, auch dann noch an die Menschheit erinnern, wenn es sie längst nicht mehr gibt. Wie das funktioniert, lässt sich anhand von Videos HIER oder HIER nachvollziehen.

Jeder kann bei MOM mitmachen. Kostenlos, eine Art von Wikipedia für die Zukunft. Jeder aktive Teilnehmer erhält einen so genannten “Token”, eine kleine Keramikscheibe, die den Fundort dieses Schatzes an Wissen beschreibt. Der Token ist daher eine Art von “Schatzkarte” und um die Auffindewahrscheinlichkeit zu erhöhen, soll er weltweit möglichst oft und möglichst weiträumig verteilt werden. Der “Schatz” selbst beinhaltet die Bilder und Texte unserer Zeit. Erlaubt sind Texte mit 2.000 bis 5.000 Zeichen. Das ist nicht viel und da muss sich schon verdammt genau überlegen, was man der Nachwelt mit auf den Weg gibt. Bei längeren Texten ist die Kontaktaufnahme mit MOM per Mail erforderlich und es wird dann eine Fallentscheidung getroffen, ob der Text aufgenommen werden kann oder ob nicht – ganz einfach schon deswegen, weil das Speichermedium, nämlich die keramische Kachel, vom Platz her begrenzt ist.

Ich habe bei MOM mitgemacht und möchte alle Leser dazu animieren, es mir gleich zu tun. Normalerweise wird Geschichte von den Siegern, von den Herrschenden, geschrieben. In diesem Fall nicht. In diesem Fall handelt es sich um Geschichte “von unten”. Und die ist m. E. wesentlich authentischer. Zwar ist mein Text mit knapp 7.000 Zeichen etwas zu lang ausgefallen, doch aufgenommen wurde er trotzdem. Ich erachte ihn dahingehend als wichtig, als dass er möglicherweise beschreibt, warum die Finder in ferner Zukunft nur noch Hinterlassenschaften von uns, aber nicht mehr uns selbst vorfinden werden. Wen es interessiert, was ich ganz persönlich der ganz fernen Nachwelt mitzuteilen habe, der lese die nun folgenden Ausführungen.
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Als ein Jahr bezeichnen wir den Zeitraum, den dieser Planet (wir nennen ihn Erde oder Terra) für eine Umkreisung seines Zentralgestirns (wir nennen das Sonne oder Sol) benötigt. Wir selbst zählen zur Gattung Homo sapiens, einer Gattung, die ihre Wurzeln in fernster Vergangenheit hat, etwa 2,5 Millionen Jahre zurück liegend. Vor ungefähr 1,5 Millionen Jahren eigneten sich unsere Vorfahren den aufrechten Gang an. Daraus entstanden neue Eindrücke. Deren Verarbeitung erforderte ein größeres Gehirn. Das wiederum wollte versorgt werden und so veränderten sich neben dem Körper die Techniken der Jagd zwecks Nahrungsbeschaffung. Sie wurden effizienter. Soziale Abhängigkeiten voneinander kamen hinzu. Ganz langsam, nach und nach entzündete sich der Funken der Intelligenz in uns.

Vor rund 1,8 Millionen Jahren entdeckten wir das Feuer. Es ermöglichte uns, zuvor ungenießbare Nahrung so zuzubereiten, so dass sie essbar wurde. Es wurde allerdings noch nicht bewusst genutzt. Das geschah erst vor 32.000 Jahren. Vor zirka 5.000 Jahren erfanden wir das Rad. Vor 2.200 Jahren begannen wir Metalle zu verarbeiten, was ohne Feuer und Räder unmöglich gewesen wäre. Etwa zeitgleich begannen vorausschauende Menschen, in der Bibliothek von Alexandria alles verfügbare Wissen der Menschheit zu sammeln. Es war das Feuer, welches diese Bibliothek zerstörte und die Entwicklung unserer Menschheit um mindesten 2.000 Jahre zurück warf. Feuer, gelegt aufgrund von kurzsichtigen Profitinteressen von im Grunde genommen unintelligenten, jedoch mächtigen Menschen.

Unintelligente, jedoch mächtige Menschen waren immer schon die Geißel der Menschheit und werden es auch immer sein. Wer seinen Besitz, leider zumeist auf Kosten anderer, zu mehren weiß, dem wird automatisch Macht zuteil. Je größer die Macht, desto eher ist es ihm möglich, seinen Urtrieben rücksichtslos nachzugeben. Das hat in der Geschichte der Menschheit immer wieder dazu geführt, dass kleine Herrschergruppen den Ton angaben und die breite Masse ohne Besitz und Macht den Befehlen Folge leisten musste: Die Geschichte der Menschheit ist daher zugleich auch eine Geschichte der Kriege. Aber auch die breite Masse zeichnet sich nicht gerade durch überragende Intelligenz aus, denn Herrscher sorgen immer dafür, dass Untertanen dümmer als sie selbst sind. Damit festigen sie ihre eigene, hohe soziale Rangordnungsstellung.

In dem Zeitalter und in dem Land, in dem dieser Text enstand, war das nicht anders. Unsere heutige Zeitrechnung begann vor ungefähr 2.000 Jahren, zu einer Zeit, als der Planet Jupiter (der größte Planet des Sonnensystems) und der Saturn (der Planet mit dem auffälligen Ringsystem) so nahe beieinander standen, dass sie wie ein Planet überdurchschnittlich hell leuchteten. Diese Konstellation wiederholte sich im Jahr 1603. Das Land, in dem dieser Text entstand, nennt sich Deutschland und der Ort, an dem dieser Text geschrieben wurde, liegt gut 900 Kilometer in nordwestlicher Richtung vom Fundort entfernt (1 Kilometer = 1.000 Meter und 1 Meter entspricht etwa einer großen Schrittlänge von uns Hominiden). Folgt man der Route weiter in nördlicher Richtung, dann sind es noch ungefähr 200 Kilometer bis zum Meer. Mit diesen Angaben sollte der Text, der im Jahr 2018 entstanden ist, auch noch in einer Million Jahren räumlich und zeitlich einigermaßen einzuordnen sein.

Vor ungefähr 250 Jahren wurden Maschinen erfunden. Die wissenschaftliche Technik reicht höchstens 150 Jahre zurück. Je näher wir dem Heute kommen, desto schneller und gravierender hat sich das Leben der Menschen verändert. Bis vor etwa 25 Jahren stieg die Intelligenz der Menschen langsam aber stetig an. Seither ist sie wieder rückläufig: In intellektueller Hinsicht degenerieren wir. Innovationen entstammen praktisch immer Außenseitern und Visionären. Die breite Masse dagegen ergeht sich im Nachahmen. Außenseiter und Visionäre aber sind Menschen, die anders als die Mehrheit denken. Daher werden sie misstrauisch beäugt und nicht selten abgelehnt. Die Masse betrachtet sie oftmals als nützliche Idioten.

Sie aber sind es, die das erfinden, was den Mächtigen zu noch mehr Macht verhilft. Solange sie das tun, werden sie seitens der Mächtigen toleriert. Sobald sie aber damit beginnen, Warnungen auszusprechen, machen sie sich unbeliebt, denn die Warnungen zu berücksichtigen würde bedeuten, den Profit zu schmälern. Heute verschwenden wir die Rohstoffe unseres Planeten hemmungslos, denn nur der Konsum bringt den Profit, auf den die Mächtigen ihre Macht begründen. Unter Profit wird das Anhäufen eines an sich wertlosen Zwischentauschmittels – wir nennen es Geld – verstanden. Allein der Glaube daran, dass dieses Hin und Her bedruckter Papiersschnipsel von irgendeinem Wert sein könnte erhält unsere Zivilisation aufrecht. Der Konsum sieht so aus: Rohstoffplünderung, Warenanfertigung, Kauf und Benutzung der Waren gegen Geld und Wegwerfen auf den Müll. Schätzungen zufolge müssten wir heute 2,6 bis 5 Planeten in Reserve haben, um diese Art von Zivilisation aufrecht erhalten zu können: Wir leben das unbeschränkte Wachstum im begrenzten System. Da wir diese Ressourcen aber nicht besitzen ist der Zusammenbruch unserer Zivilisation absehbar und vorprogrammiert.

Jeder kann das sehen aber alle sehen weg. Es regieren Gier, Dummheit, Egoismus und Ignoranz. Rationales, logisches Denken mit folgerichtigem Handeln ist die ganz seltene Ausnahme und betrifft nur eine klitzekleine und nahezu machtlose Minderheit. Nachhaltiges Handeln fehlt. Das Gros der Menschen ist mangels Besitz mit dem eigenen Überlebenskampf befasst und triebgesteuert verhalten sich fast alle. Der Reichtum unseres Planeten ist extrem ungleichmäßig verteilt: Die 62 Reichsten haben so viel wie die halbe Weltbevölkerung. Insofern haben wir Menschen unser genetisches Erbe aus Urzeiten niemals überwunden. Unsere heutige Intelligenz dient letzten Endes lediglich dazu, das Triebverhalten optimieren zu können. Von einem friedlichen Miteinander, bei dem jeder sein Auskommen hat und die Biosphäre nicht übermäßig geschädigt wird, sind wir weiter entfernt denn je.

Wir sind heute schon viel zu viele. Ungehemmte Vermehrung, ungehemmte Ausbeutung und das alles im Zeichen urtümlichen Triebverhaltens führt dazu, dass wir sehenden Auges auf eines Kollaps zusteuern. Unsere Zivilisation wird untergehen, wenn wir es nicht schaffen, uns von dem einen Planeten, den wir nur zur Verfügung haben, zu lösen oder aber, indem wir unser Verhalten grundlegend verändern. Anschließend wird es sicherlich noch Hominiden geben, aber die werden in die Primitivität zurück fallen. Technisch-wissenschaftlich sind wir aber derzeit nicht dazu in der Lage, uns von diesem Planeten zu lösen und neuen Lebensraum außerhalb zu suchen bzw. zu erschaffen. Hinsichtlich unseres Verhaltens mangelt es an Einsicht und Willen. Insofern soll dieser Text auch eine Warnung an die Finder in ferner Zukunft sein: Macht es nicht so wie wir!

(Hinweis: Dieser Beitrag ist auch unter “Quergedacht! v4.0” erschienen.)

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