keiner

Jetzt mal was ganz und gar durch und durch persönliches. Keiner mag mich! Alle sind gegen mich! Das fängt schon morgens beim Frühstück an. Klar, die Tasse Kaffee macht wach. Besonders dann, wenn es sich um Hufeisenkaffee handelt (Hufeisenkaffee ist, wenn ein reingeworfenes Hufeisen oben schwimmt – erst dann ist der Kaffee stark genug). Sie macht noch wacher, wenn man sie über die Tastatur kippt anstatt das Zeug zu trinken. Die Krönung ist aber die Messerspitze voll eingerührtem Chilipulver. Seit ich das mache, brauche ich nach dem Aufstehen keine halbe Stunde mehr, um rauszufinden, wer ich eigentlich bin.

Zum Frühstück gibt’s die üblichen Grundnahrungsmittel, also die Scheibe Toastbrot mit Streichkäse darauf – der dann unter einem handlichen Mittelgebirge von frischen Holiday Flames verschüttet und mit Bhut Jolokia überzuckert wird. Meine bessere Hälfte erzählt mir derweil irgendwelchen Blödsinn von Magengeschwüren. Wovon denn, bitteschön? Ja, gut, solche Chilis sind mitunter schon recht würzig. Aber doch nicht wirklich so richtig scharf! Scharfe Chilis brennen dreimal: Beim Reinkommen, beim Rauskommen (das nennt man dann “Ring Of Fire”, wobei manchmal auch das Klopaper Feuer fängt) und später noch in den Augen des Kanalarbeiters. Logisch auch, dass man sich VOR dem Gang auf’s Klo die Hände gründlich wäscht. Sowas vergisst man bestenfalls einmal, aber danach nie wieder.

Anschließend geht’s zur Arbeit. Ich mache die Fahrerei für einen sozialen Dienstleister. Das Fahren unterteilt sich in Früh- und Spätschicht und dazwischen habe ich ein paar Stunden frei. Bin ich also auf der Arbeit. Die Kollegen weigern sich, mir die Hand zu geben. Warum, verdammt nochmal? Habe ich die Pest oder sowas? Mögen die mich etwa nicht? Wieso??? In irgendeiner Pause gehen Handys rum. Da werden Bilder gezeigt, so von Gärten, Kindern, Haustieren. Da kann ich spielend mithalten. Meine Bilder zeigen Schotenfrüchte – in grün, gelb, dunkellila, feuerrot. Keiner will die sehen. Verdammt, das ist pures Mobbing!

Dabei habe ich einigen von denen sogar schon Saatgut zukommen lassen. Haben die angebaut und probiert. Seitdem meiden die mich als wenn ich Aussatz hätte! Obwohl es nur wirklich ganz milde Sorten gewesen sind, denn richtige Chilisaat würde ich denen nie anbieten – hinterher kriegt man noch ‘nen Prozess wegen vorsätzlicher Körperverletzung oder Schlimmeres an den Hals! Vielleicht engagieren die sogar ‘nen Auftragskiller … Dann das Fahren und irgendwas ins Auge gekriegt. Das wische ich schon seit langem instinktiv immer bloß noch mit dem Handrücken raus. Mit den Fingern wäre zwar einfacher, aber …

Die Frühschicht ist abgehakt und ich bin wieder zuhause. Das Mittagessen für meine bessere Hälfte und mich will zubereitet werden. Mal sehen, was so da ist. Die Sommerzeit ist ‘ne gute Zeit zum Essenkochen, denn da kann ich i. d. R. auf ganz frische Früchte zurückgreifen und sowas soll ja urgesund sein! Ich lege gerade alles parat, was ich in der Küche so brauche – also Chemikalienschutzhandschuhe, Schutzbrille, Atemschutz mit Hepafiltern usw. – als das Telefon klingelt. Am anderen Ende ist meine Frau. Sie verlangt ein Essen ohne Chilis. Geht gar nicht, denn dann ist das doch kein Essen! Ich ringe ihr wenigstens das Zugeständnis für ganz supermilde Chilis ab und gucke mal nach, wieviel Habanero 7pot – in Mexiko auch “Gringokiller” genannt – ich noch habe. Weil das meine mildesten Chilis sind. Reicht nicht ganz. Muss ich wohl doch noch etwas nachwürzen. Aber womit? Vom Trinidad Moruga Scorpion und vom Carolina Reaper ist zwar noch genug da, aber das ist nicht ganz leicht zu dosieren und wenn ich mich vertue, dann meckert meine Gattin wieder rum, von wegen zu scharf und so. Ich glaube, die mag mich auch nicht mehr!

Manchmal kommen mir die anderen sowieso alle etwas merkwürdig vor. Da war diese Urlaubsreise vor ein paar Jahren, Flugreise. Wie immer hatte ich eine Dose mit etwas Chilipulver im Gepäck: Man will ja schließlich auch im Ausland kultiviert speisen, nicht wahr? Haben die mir am Airport abgenommen und als Chemiewaffe eingestuft: Idioten! Weicheier! Äh, hallo, was soll der Blödsinn? Das sind Grundnahrungsmittel! Oder neulich, in der Apotheke, weil die richtige Gewürzdosierung ja manchmal nicht so ganz einfach ist. Da wollte ich vom Apotheker so eine kleine Spritze haben, mit der ich eine Chilisoße vernünftig dosieren kann. Die Soße nannte sich “CaJohn’s Bumblef**ked” und war vom Lead-Gitarristen der Guns N’ Roses entwickelt worden. Die ist wirklich scharf!

Hatte ich mitgenommen, wegen der Konsistenz und so. Der Apotheker probierte einen winzigen Tropfen. Seine Gesichtsfarbe wechselte über feuerlöscherrot nach aschfahl, bevor er wortlos blitzschnell in irgendeinem Hinterzimmer verschwand und irgendwelche röchelnden Geräusche produzierte. Als er wieder da war keuchte er und rang nach Luft, hatte aber echt Farbe. “Was war denn?“, wollte ich wissen. “Ich dachte, ich sterbe“, antwortete er, schenkte mir eine gut geeignete Pipette und nahm mir das Versprechen ab, so ein Teufelszeug niemals wieder mit in seine Apotheke zu bringen: Echt merkwürdig! Er schaute mich dabei obendrein auch noch so seltsam an. Was soll das? Sehe ich vielleicht aus wie ein Junkie oder wie jetzt?

Ich meine, ich habe sowieso zeitweise einen ziemlichen Verbrauch an so genannten “Hot Sauces”. Nehmen wir nur mal den bereits erwähnten Scorpion. Damit werden die Kabel und Schläuche im Motorraum des Autos hauchdünn eingerieben, weil’s ja auch Elefanten verscheucht. Der Marder beißt dann nur noch einmal zu und hat seine Lektion gelernt. Für den Rest seines Lebens macht er einen großen Bogen um dieses eine Auto. Aber ich schweife ab und das wollte ich gar nicht. Zurück zum Mittagessen und zu dessen Zubereitung. Tja, der Anruf von meiner Frau bringt mich jetzt echt in Schwierigkeiten. Chilis sind nunmal Grundnahrungsmittel: 7pot Infinity, Ghost Pepper, Trinidad Moruga Scorpion, Carolina Reaper, dazu noch Winzigmengen von Rachen Reibe zzgl. diverser Soßen – Dragon’s Breath würde ich auch gerne mal ausprobieren – von denen einige mit einem Totenkopf gekennzeichnet sind. Alles da. Will sie aber alles nicht haben. Watt’ nu’???

Zugegeben, kochen kann ich sowieso nicht. Nach über einem Vierteljahrhundert im Chemielabor improvisiere ich jetzt in der Küche; so groß ist der Unterschied ja nun auch wieder nicht. Bloß die Werkzeuge sind etwas ungewohnt und die paar Pipetten, Erlenmeyerkolben, Messzylinder usw. im Küchenschrank, die ich als Standard betrachte, werden seitens meiner Frau niemals verwendet. Es hat mich ohnehin noch nie jemand gefragt, ob ich mal für die nächste Familienfeier kochen könnte. Ganz im Gegenteil sogar: Immer dann, wenn ich mein Lieblingsgericht zubereite, dann habe ich die Küche ganz für mich alleine. Die anderen maulen bloß rum von wegen Tränengas und so – alles Quatsch – und verlassen fluchtartig den Raum! Und die Ablehnung beschränkt sich nicht mal auf Menschen. Neulich zum Beispiel, da gab ich ein paar Essenreste in einen Napf und stellte das dem Nachbarshund hin. Der Nachbar wollte mich wegen Tierquälerei anzeigen! Der mag mich auch nicht …

Gut, weiter. Ich entscheide mich für ein supereinfaches Gericht: Hühner-Nudelsuppe, verfeinert mit den Resten des gestrigen Gummiadlers vom Wagen und wirklich nur ganz mild mit einem Mix aus Tiefkühl-Chilis gewürzt. Der Mix ist das, was ich so standardmäßig anbaue: Habanero 7pot, Bhut Jolokia, Trinidad Moruga Scorpion und Carolina Reaper. Selbstverständlich kenne ich jedes der niedlichen Pflänzchen mit Namen! Ich meine, um ins Schwitzen zu kommen, reicht doch das Essen völlig aus, nicht wahr? Da muss man nicht nicht noch großartig Sport betreiben! Sport ist Mord! Jedenfalls: Mir schmeckt das Mittagessen und das gibt den Ausschlag. Meine bessere Hälfte probiert später nur ganz wenig davon und dreht sich mit einem gestöhnten “Oooohhh…” zur Seite. Die hat was gegen meine Kochkünste!

Einige Zeit später, Spätschicht. Ich bin zuerst da und die Kollegen trudeln so nach und nach ein. Eine Kollegin wollte Saatgut haben, will die urgesunden Früchte mal ausprobieren. Kein Problem! Kommt ‘ne andere Kollegin rein, sieht das Tütchen mit dem Saatgut und legt los: “Hat der dir das auch angedreht? Pass’ bloß auf! Der gurgelt nämlich mit Tabasco!” Ähem, ja selbstverständlich … – das ist doch ein Gurgelmittel, oder etwa nicht? Ich fühlte mich jedenfalls in meiner Ehre gekränkt, sowas Undankbares aber auch, und erwidere: “Moment mal, das ist wirklich ganz mild! Bestenfalls etwas würzig, aber doch nicht scharf!” Kommt die scharfe Erwiderung: “Das Zeug ist die Hölle!” Dabei waren das nur Purple Tiger und Prairie Fire und milder geht’s nun wirklich nicht mehr! Bevor die Fahrerei losgeht kommt das Gespräch irgendwie noch auf Rohkostsalate. Ich biete mich an, sowas mal mitzubringen. Das wird rundheraus abgelehnt – von allen! Und wenn ich schwöre, dass etwas “ganz mild” ist, dann glaubt mir das keiner. Ich sag’s ja: Die haben was gegen mich! Alle!

Ich meine, ein Essen muss ja nicht scharf sein. Wichtig ist das blumig-fruchtige Aroma der Früchte. Die Schärfe ist bloß ein Nebeneffekt, an den man sich durchaus gewöhnen kann. Klar, ungeschützt anfassen würde ich das Essen auch nicht. Ich bin doch nicht verrückt! Warum bleiben beim Grillen meine Dips eigentlich immer ziemlich unberührt stehen? Zugegeben, viel Arbeit machen die nicht. Man nehme ein paar Früchte und reichlich Knoblauch – erste Grundregel beim Grillen: Zuviel Knoblauch gibt’s nicht! – und püriere das Ganze. Die Gäste probieren das allerdings nur bestenfalls einmal. Die kommen danach auch nicht mehr wieder …

Sicherheitshalber trage ich für akute Notfälle sowieso meist so einen kleinen Tupperstreuer bei mir. Eine Seite davon enthält Habaneropulver. Die andere Seite Jolokiapulver. Zusammen kommt das richtig gut. Man will ja auch im Restaurant kein Gericht mit der Begründung “zu fad” zurückgehen lassen, nicht wahr? Obwohl ich den Streuer zumeist für die Currywurstbuden benötige, weil deren Betreiber so seltsame Vorstellungen haben. Da gibt’s “normal”, “scharf” und “extrem scharf”. Die letztgenannte Currywurst kann man schon beinahe essen. Da muss nur noch ganz gering etwas nachgewürzt werden. Wenn ich das aber im Beisein des Budenbesitzers mache, dann guckt der mich auch so komisch an: Keiner mag mich!

(Hinweis: Dieser Beitrag ist auch unter “Quergedacht! v4.0” erschienen.)

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