60

So, nu’ isses also passiert! Jünger wird keiner. Nun bin ich 60 Jahre alt geworden. Sechs Jahrzehnte im Irrenhaus des Universums liegen hinter mir und das nächste Jahrzehnt nehme ich jetzt in Angriff. Dabei fühle ich mich gar nicht wie sechzig – eher so wie 18 mit 42 Jahren Erfahrung. Wobei in der Zahl 42 ja die ultimative Antwort liegt, und zwar auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ;) . Früher schien mir die Sechzig unendlich weit entfernt zu sein. Früher, als ich noch in den Bäumen rumkletterte (OK, das mache ich heute zwar auch noch, aber nicht mehr so oft). Früher, als ich noch in jedes Loch in irgendeinem Berg gekrochen bin (zugegeben, daran hat sich nicht wirklich soviel verändert, außer dass die Löcher heute etwas größer sein müssen damit ich durchpasse). Früher wurde man mit einem Zweimarkstück zum Zigarettenautomaten geschickt – heute wäre das ein Fall für’s Jugendamt. Wir haben das damals trotzdem überlebt.

Da wurden mit “organisierten” Gewehren auf den wilden Müllkippen die Ratten geschossen und die Kanalisation erkundet. Heute undenkbar. Unsere Eltern wussten eigentlich immer nur, dass wir “irgendwo draußen” sind, aber niemals, wo wir wirklich waren, ob wir gerade in irgendeinem Moor versackten, im Watt der Flut zu entkommen versuchten oder unsere Probleme damit hatten, aus der hohlen Eiche, in die wir reingeklettert waren, wieder rauszukommen. Hat es uns geschadet? Nein! Es ging ohne Handy und bei Sonnenuntergang hatte man wieder zuhause zu sein. Zwar saudreckig, aber zumindest nicht so schwer verletzt, dass ein Arzt eingeschaltet werden musste. Hatten die Eltern zwischenzeitlich Besuch seitens der Polizei erhalten (weil man rumgeballert oder verbotenerweise selbstgemischten Sprengstoff zur Explosion gebracht hatte oder weil man erwischt worden war, als man den Polizeifunk abhörte bzw. weil die CB-Funke nicht “ganz postalisch umgefummelt” worden war) dann gab’s die obligatorische Arschreise und die dringende Ermahnung, sich beim nächsten Mal eben nicht mehr erwischen zu lassen. Im Auto schnallte man sich nicht an (weil’s noch keine Sicherheitsgurte gab) und jede Drogerie oder Apotheke verkaufte an jedermann interessante Chemikalien, mit denen sich einiges anstellen ließ – was man dann selbstverständlich auch ausprobierte. Wir haben’s überlebt.

Vor allem aber haben wir – und ich will mich dabei nicht ausnehmen – dadurch für’s Leben gelernt. Wir haben gelernt, dass einem nicht alles zufliegt und dass man sich das Meiste erkämpfen oder hart erarbeiten muss. Letzteres funktionierte durch gegenseitige Rücksichtnahme am besten – eine Hand wäscht eben die andere. Hilfst du mir, dann helfe ich dir auch. Man war gezwungen, immer einen Schritt voraus zu denken, musste sich unmittelbar mit den Folgen seiner Handlungen auseinandersetzen. Heute ist das offensichtlich nicht mehr so; die Zeiten haben sich eben geändert. Teils zum Guten hin, aber teils eben auch zum Schlechten. Heute existieren die wenigen Aufstiegsmöglichkeiten, die man früher noch hatte, im Grunde genommen nicht mehr, weil die soziale Herkunft die tragende Rolle spielt. Es ist auch eben diese Herkunft, die eine egoistische All-Inclusive-Mentalität gefördert hat.

Wenn heute irgend so ein Schneesieber, blöd wie hundert Meter Feldweg, dafür aber reich, meint, er könne sich rausnehmen, was er will, dann ist das tatsächlich so. Deswegen trifft man auch auf immer mehr missing links. Auf Primatenabkömmlinge von Menschen, die unvermittelt am Ende der Rolltreppe stehen bleiben. Die morgens beim Bäcker ihre zwei Brötchen mit ‘nem Hunni oder ‘nem Fuffziger bezahlen wollen. Die vor Eingangstür des Discounters ihren Einkaufswagen quer stellen um einen Plausch zu halten. Die ihre Waren auf das Kassenband packen und stehen bleiben, anstatt ihren Arsch nach vorne zu bewegen, womit sie eine endlose Schlange verursachen. An die Folgen des Handelns, im einfachsten Falle an flüssige Abläufe, wird kein Gedanke mehr verschwendet. Weil sie vermutlich annehmen, dass die kleinen, grauen Zellen durch Nichtbenutzung länger frisch bleiben. Nein, verdammt nochmal! Das Gehirn ist ein Muskel und der will trainiert werden!

Die o. e. Schneesieber gab’s natürlich früher auch schon. Aber im Verlauf der Jahrzehnte sind sie deutlich mehr und noch dussliger geworden. Heute trifft man sie an jeder Straßenecke. Weist man jemanden aus dieser Primatengruppe vorsichtig auf sein Fehlverhalten hin, dann muss man sich u. U. sogar die Erwachsenenversion von “das sag’ ich meiner Mama“, nämlich “Sie hören von meinem Anwalt” anhören. Spätestens in dem Augenblick denkt man wehmütig an alte Zeiten und an den Eichenknüppel in der Hand zurück. Doch besagte Primaten haben auch Nachkommen. Überbehütete und technikabhängige Nachkommen, durch die Technikabhängigkeit unselbstständig und somit beliebig lenk- und beeinflussbar geworden. Das Motto “Brot und Spiele” der alten Römer wird heute gelebt. Allerdings nicht mehr in Form eines Großevents, sondern eben tagtäglich. Dazu zählen die Rundumüberwachung per Handy genauso wie die freiwillig in die Wohnung geholte Wanze namens “Alexa”. Wichtig ist nur, dass jeder alles über jeden weiß, denn dann kann man sich ganz bequem auf die Ich-lasse-andere-für-mich-denken-Schiene zurückziehen.

Warum soll ich das lernen – Papi hat hat genug Geld, um jemanden zu engagieren, der das kann!” Das hat mir damals, als ich noch in der IGS Rodenberg unterrichtet habe, einer meiner Schüler gesagt. Und eine gewisse Schulleitung meinte zu mir: “Die Schüler sind nicht hier, um etwas zu lernen, sondern um beaufsichtigt zu werden.” Schöne neue Welt: Es lebe die Führung von oben! Hatten wir das nicht schonmal? Und sind wir damit nicht schonmal gewaltig auf die Fresse gefallen? Sechzig Jahre im Irrenhaus des Universums, das bedeutet auch, mitzukriegen, wie sich alles auf die eine oder andere Weise wiederholt. Nicht alle, aber auf jeden Fall die Mehrheit der Menschen ist inzwischen zu blöd, um aus ihren Fehlern zu lernen. Die Leute werden heute ja sogar in diese Richtung erzogen. Wer anderer Ansicht ist, den gilt es mundtot zu machen. Geht ganz elegant; dafür gibt’s die H4-Menschenrechtsverletzung. Mit der stellen unsere Lobbyisten mit Korruptionshintergrund (früherer Begriff: “Politiker”) sicher, dass ihnen keiner in die Quere kommen kann. Was einst Fürsten und Könige waren, das entstammt heute dem Großbürgertum. Das ist aber auch der einzige Unterschied dabei. Sechig Jahre lang habe ich mir diese Entwicklung mit angesehen. Und soll ich euch mal was sagen? Ein Ende des Trauerspiels ist nicht absehbar … :(

(Hinweis: Dieser Beitrag ist auch unter “Quergedacht! v4.0” erschienen.)

6 Antworten auf Jünger wird keiner

  • flurdab sagt:

    Erstmal ein herzlichen Glückwunsch und alles Gute für die nächsten Jahrzehnte!
    Zur Entwicklung der Menschheit gibt es ja eine filmische Prophezeiung.
    Idiocracy- da kann man dann froh sein zumindest die Hälfte schon rum zu haben.

    Liebe Grüße

  • Nachträglich alles Gute zum Geburtstag wünschen Dir Schnakenhascher und Söckchen.

    Die erwähnten Schneesieber gibt es auch unter den Nichtreichen. Da hat sich auch schon die Mentalität “Lass das andere machen” mittlerweile durchgesetzt. Da gibts für alles ‘ne Betreuung: Familiebetreuung, Sozialbetreuung etc. pp. Und wenn man einen behördlichen Brief nicht versteht oder die aktuelle Nebenkostenabrechnung nicht begreift, dann wird zur Betreuung gerannt und die können sich ja kümmern, während noch denkende Menschen sich die Hacken ablaufen müssen.

  • Ralf sagt:

    Alles Gute zum Geburstag wünsch Ich Dir hier vom Sandhaufen in der Nordsee !!!

  • JJ sagt:

    Hallo, bin zufällig über die unergründlichen Google- Suchkriterien auf deine Seite gestoßen. Da ich auch gerade das 7. Jahrzehnt in meiner Laufbahn als Mensch angebrochen habe, kann ich deine Gedanken über unsere frühe Jugend 1:1 so unterschreiben. Genau so sehe ich das auch bei den Schneesiebern, die die nicht nur gefühlt immer mehr werden.

    Trotz allem: Glückwunsch zum Geburtstag nachträglich. Auch wenn die Kerzen kaum noch auf die Torte passen. Soweit müssen andere erst mal kommen. ;-)

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