Vorab: Im Folgenden geht es ausschließlich um Android-Smartphones! Handys sind ein nützlicher Luxus. Aber leider, wie spätestens seit Edward Snowden bekannt sein dürfte, auch ein durchaus zweischneidiges Schwert. Warum? Jemand, der ein Smartphone mit sich führt, kann unschwer überall geortet werden. Die Handyortung stellt Google sogar selbst für jedermann kostenlos zur Verfügung; man benötigt dazu lediglich die Zugangsdaten für den Gmail-Account des Handybesitzers. Man ruft dann nach dem Einloggen bei Google mit den Daten des Handybesitzers die Devicemanagerseite auf und erhält umgehend und kostenlos Auskunft darüber, wo sich das Handy mit welcher Typangabe ggf. hinter welchem Router und mit welcher Akkuladung gerade verbirgt – und auch, wann das Gerät zuletzt online gewesen ist bzw. ob es immer noch online ist. Diese Funktion nennt sich “Mein Gerät suchen” und ist im Falle eines Diebstahls ausgesprochen nützlich. Wenn aber ein Dritter die Zugangsdaten haben sollte, dann verkehrt sich die Nützlichkeit in ihr Gegenteil.

Auch die Polizei darf ein Handy orten – allerdings nur dann, wenn es im Zusammenhang mit einem Schwerverbrechen steht. Sie benötigt dazu einen Gerichtsbeschluss. Sie schickt eine so genannte “Stille SMS” an besagtes Handy und zwingt es dadurch ohne Kenntnis des Benutzers, sich bei der nächstgelegenen Funkzelle anzumelden. Die Anmeldung bei den verschiedenen Funkzellen erfolgt auch bei Bewegung automatisch, wenn nämlich der eine Funkzellenquadrant verlassen und der nächste betreten wird. Damit lassen sich Bewegungsmuster erstellen und aus regelmäßigen Bewegungsmustern lassen sich (mittlerweile selbstverständlich längst schon automatisiert) Gewohnheiten ableiten. Die zeigen u. a., wann der Handybesitzer nicht zuhause weilt und damit auch, wann dessen Wohnung durch Dritte ein “Besuch” abgestattet werden kann.

Geheimdienste gehen lt. Snowden aber noch sehr viel weiter: Sie bespitzeln den Handybesitzer über Mikrofon und Kamera des Handys, ohne irgendwem dafür Rechenschaft ablegen zu müssen. Mit anderen Worten: Das Smartphone ist u. U. eine verräterische Wanze zur uneingeschränkten Rundumüberwachung! Flugmodus oder Abschalten scheinen dagegen nicht wirklich zu helfen. Auf Nummer Sicher geht man nur, wenn man – so das denn überhaupt (noch) möglich ist – den Akku rausnimmt. Oder aber, indem man das Teil in einen Faradayschen Käfig steckt – also Blechdose, Mikrowelle, aber auch RFID-gesichete Handtasche o. ä. In den letztgenannten Fällen versucht das Handy allerdings permanent vergeblich eine Funkverbindung zu bekommen und schlürft so den Akku in Rekordzeit leer, während es gleichzeitig anfängt zu glühen.

Daneben lassen es sich aber gewisse “Dienste” – und auch vor nichts zurückschreckende Mitmenschen (wie bspw. gewisse Vermieter, selbst mal mit Frau K. in Seesen erlebt!) – mitunter nicht nehmen, zusätzlich heimlich in der Wohnung des Handybesitzers herumzuspionieren. An dieser Stelle setzt die kostenlose App “Haven” an. Die habe ich mal ausprobiert und um die soll es nachfolgend auch gehen. Um übertriebenen Erwartungen vorzubeugen: Haven befindet sich immer noch im Beta-Stadium u. d. h. die App läuft längst nicht mit jedem Smartphone. Man muss es eben einfach mal ausprobieren. Mein Test erfolgte mit einem Motorola Moto G4+ und war durchaus erfolgreich. Die Empfehlung von Edward Snowden hat also durchaus schon in diesem frühen Stadium Hand und Fuß.

Wie funktioniert Haven? Jedes Handy verfügt über eine Vielzahl von Sensoren. Haven überwacht diese Sensoren. Ergibt sich eine Veränderung, dann wird die registriert. D. h. bewegt jemand das Handy, dann wird der Zeitpunkt der Bewegung festgehalten und in einer Logdatei im Gerät (nicht jedoch auf SD-Card) gespeichert. Zusätzlich macht die Kamera (wahlweise vorn oder hinten) Fotos und mit etwas Glück ist auch derjenige, der das Handy bewegt hat, darauf erkennbar. Bei Geräuschen erfolgen Mikrofonaufnahmen usw. Selbst ein Schatten wird registriert. Legt man das Handy daher bspw. auf wichtige Unterlagen, dann kann man hinterher sehr genau feststellen, ob und wer sich wann unbefugt daran zu schaffen gemacht hat. Das ist die Funktionsweise von Haven – also wie ein Fahrrad- oder Kofferalarm, ergänzt um Bild und Sound zwecks Täteridentifizierung.

Nun zu der App an sich. Runterladen und Installieren sind unkritisch. Ist die App auf dem Smartphone, dann lässt sie sich auf zweierlei Weise verwenden. Einerseits zur Offline-Überwachung wie bereits beschrieben. Andererseits aber auch zur Online-Überwachung, womit im Prinzip die Bespitzelung durch Dritte umgekehrt wird – d. h. man bespitzelt die Spitzel. Allerdings ist für dieses zweite Verfahren noch optionale Software vonnöten (auf der Herstellerseite beschrieben) und das habe ich NICHT getestet. Darüber kann ich also auch nichts sagen.

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Bei der ersten Inbetriebnahme meldet sich die App mit einer kurzen Tour in Form von 6 Infobildschirmen. Unter “Einstellen” kann man zwar jetzt schon Einstellungen vornehmen, aber das ist auch nachträglich noch möglich.

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Die korrekten Einstellungen sind recht umfangreich und das A und O. Kamera und Sensoren belässt man am besten bei der Voreinstellung. Nicht so beim Mikrofon, dessen Justierung etwas Feingefühl verlangt, denn das Mikrofon ist VIEL zu unempfindlich. Erfahrungswert: Es empfiehlt sich dringend, das Detektionslevel des Mikrofons nur ganz geringfügig über den Umgebungslärm zu setzen. D. h. wenn der Umgebungslärm bei 20db liegt, dann sind 28db für das Mikrofon schon die untere Grenze. Aber selbst damit werden (noch) nicht alle Gespräche aufgezeichnet. Andererseits: Wenn das Mikro wegen zu hoher Empfindlichkeit ständig läuft, dann wird nur den Speicher zumüllender Mist aufgenommen. Hinweis: Die Einstellungen für den Online-Betrieb (TOR und Onion-Routing) sind per Default deaktiviert. Das also beim Offline-Betrieb so lassen!

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Nach erfolgten Einstellungen das Handy dort hinlegen, wo es überwachen soll und den Countdown starten. Die Aktivität von Haven wird signalisiert. Der Bildschirm darf gerne abgeschaltet werden, denn die App läuft im Hintergrund trotzdem weiter. So lange, bis sie durch das Antippen von “Deaktivieren” wieder abgeschaltet wird. Tipp an dieser Stelle: Hat man ein altes Zweithandy mit Displaybruch, auf dem Haven trotz des defekten Displays laufen sollte, dann wird auch jeder Einbrecher das kaputte Handy nicht mitnehmen.

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Bei erneuter Inbetriebnahme präsentiert Haven danach eine Liste mit Log-Dateien, also mit den Zeitpunkten, an denen jemand Aktivitäten mit oder am ihn nichts angehenden Handy vorgenommen hat. Tippt man einen dieser Logeinträge an, dann erscheint eine Liste all dessen, was registriert worden ist: Bewegung und Lichtänderung (d. h. jemand hat sich daran zu schaffen gemacht), mit etwas Glück ein verwertbares Bild (d. h. man kann die betreffende Person erkennen) und vielleicht sogar noch ein Tonmitschnitt (aus dem sich möglicherweise ermitteln lässt was die betreffende Person eigentlich gesucht hat oder wer sie ist).

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Haven speichert – wie bereits erwähnt – alle Logs geräteintern, und zwar verschlüsselt. Es ist mir daher nicht gelungen, die betreffenden Daten direkt per USB auf ein anderes Gerät zu übertragen. Allerdings besteht die Möglichkeit der drahtlosen Übertragung per Messenger, Mail, Dropbox o. ä., sofern die betreffenden und dazu erforderlichen Apps vorhanden sind. Damit alte Logs nicht den Gerätespeicher zumüllen besteht in der Log-Listenansicht noch rechts oben die Möglichkeit, veraltete Logs mit “Remove all logs” zu beseitigen. Allerdings funktioniert – und das sei der Betaversion geschuldet – dieses Löschen nicht sonderlich zuverlässig. D. h. beim nächsten Einschalten von Haven kann es durchaus sein, dass ein oder mehrere alte Logdateien wieder auftauchen und man mehrmals Löschen muss.

Fazit: Die Sicherheitsapp Haven ist, wie der Beta-Status vermuten lässt, noch nicht ausgereift und somit verbesserungsbedürftig. Wenn die App auf dem zur Verfügung stehenden Handy aber einigermaßen läuft, dann erfüllt sie bereits jetzt ihren Dienst und lässt sich sehr gut zu Überwachungszwecken – d. h. zum Bespitzeln der Spitzel – einsetzen. Wünschenswert wäre in jedem Fall noch die einfache USB-Übertragung der Daten sowie die Datenablage in einem Ordner, den man auch mal im Bedarfsfall manuell sichten (bzw. löschen) kann. Auch die Einstellung der Mikrofonempfindlichkeit ist noch nicht optimal gelöst und erfordert zuviel Fingerspitzengefühl. Aber vielleicht kommen solche Verbesserungen ja nochmal irgendwann. Bis dahin gilt: Das Teil ist allemal besser als gar nichts!

(Hinweis: Dieser Beitrag ist auch unter “Quergedacht! v4.0” erschienen.)

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