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Es ist wohl mal wieder an der Zeit für einen kleinen Zwischenstandsbericht hinsichtlich meiner Chilizucht. Bisher konnte ich von den beiden 40cm-Balkonkästen genau 42 Früchte abernten. So rund 30 hängen noch dran und müssen noch reifen und zwei sind – wahrscheinlich hitzebedingt – vorzeitig unreif abgefallen. D. h. die Chili-Versorgung 2019 aus eigenem Anbau ist dicke gesichert, denn maximal benötige ich eine Frucht pro Monat. Erst vor ein paar Tagen habe ich wieder ein Dutzend – genauer: das giftige Dutzend – abgenommen. Wie es sich gehört mit dem gehörigem Respekt des erfolgreichen Genpanschers vor den Pflanzen u. d. h. PE-Handschuhe, Atemschutz (Gasmaske) und Schutzbrille. Die Verarbeitung erfolgte, wie gewohnt, durch Entkernen (als Saatgut für die nächste Saison), Kleinschnippeln (damit sich das Höllenzeug gut portionieren lässt) und Einfrieren (hält sich dann über mehrere Jahre, wird allerdings auch merklich schärfer). Während der Verarbeitung machte ich ein paar Fotos und man mag es mir vielleicht nachsehen, wenn die angesichts der ganzen Schutzausrüstung nicht wirklich gut geworden sind. Aber was drauf zu sehen sein soll, das kann man immerhin erkennen.

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Das ist MEIN Alien und das habe ich gehegt und gepflegt bis es groß genug war. Zwei Kommentare seitens Dritter zu dieser Merkwürdigkeit lauteten: “Töte es bevor es Eier legt!” Und: “Das kann gar nicht von dieser Welt sein!” Doch, ist es: Ein in der dritten Generation kreuz und quer bestäubter Mix aus Habanero 7pot Infinity, Bhut Jolokia aka “Ghost Pepper”, Trinidad Moruga Scorpion und Carolina Reaper. Der Ghost Pepper produziert als Schärfestoff Dihydrocapsaicin und das brennt erst später, dafür umso nachhaltiger. Die anderen Sorten produzieren Capsaicin. Das brennt gleich. Zusammen ergibt das eine langanhaltende Schärfe, die wie eine Abrissbirne funktioniert. Ich habe diesen Genshake vorerst “Loreley” genannt, gemäß der bekannten Textzeile “ich weiß nicht was soll es bedeuten“.

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Man kann der Loreley die Schärfe schon ansehen, denn sie folgt ganz konsequent der Ehefrauenregel: “Je schrumpeliger desto giftiger.” Habe ich das fast erwachsen gewordene Alien also geschlachtet. Sein Saft funktioniert genauso wie das Blut des Filmaliens u. d. h. der frisst sich erbarmungslos überall durch, sogar durch die PE-Handschuhe (Vinyl, Latex und Nitril wird ohnehin binnen Sekunden komplett aufgelöst und geht daher gar nicht). Beim Abnehmen der Gasmaske wandte ich mich instinktiv mit einem Stöhnen ab. Das Aroma ist zwar herrlich und unvergleichlich fruchtig-blumig-aromatisch, aber die fette Tränengaswolke beim Öffnen von so einer Frucht hat’s wirklich in sich!

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Die Schärfe (d. h. die Capsaicindrüsen) sitzt bekanntlich vorzugsweise im weißen Plazentagewebe der Innereien. Normalerweise ist davon im Vergleich zum Fruchtfleisch nur eher wenig ausgebildet. Die Loreley besteht innen fast nur aus Plazenta und kaum noch aus Hohlraum! Beim Verarbeiten zeigte sich zudem, dass einige der Falten von außen wieder zusammengewachsen waren und auch dazwischen fand ich zwei Saatgutkörner. Chilis wachsen vielleicht ziemlich unterschiedlich, aber so doch nun wirklich nicht! Selbstverständlich konnte ich es auch nicht unterlassen, die frische Ernte einmal zu kosten. Genauer: Vom Alien wanderte die Hälfte u. d. h. ein Teelöffel voll an das Essen auf meinem Teller. Was soll ich sagen? Ich lebe noch (musste dafür allerdings lange und intensiv mit Eiskaffee gurgeln) und das ist doch schonmal durchaus positiv zu bewerten!

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Man isst also so ein Stück vom Alien namens Loreley. Schmeckt phantastisch und die Schärfe hält sich zunächst auch in erträglichen Grenzen (sofern man Schärfe der Stufe 10+ gewohnt ist). Bloß wird es dann ganz schnell schärfer. Und noch viel, viel, viel schärfer … Was letztlich nur bedeutet, dass da sowohl Capsaicin wie auch Dihydrocapsaicin reichlich produziert worden sind; das Erbgut vom Ghost Pepper ist nicht zu verleugnen. Während man noch versucht, die Panikattacke niederzukämpfen und mit letzter Kraft nach Speiseeis, Milch oder Eiskaffee greift, läuft die Nase wie ein Wasserfall, tränen die Augen wie die Niagarafälle, kleckert der Sabber an den Mundwinkeln runter, kommen dicke Rauchwolken aus den Ohren und wenn man den Mund auftut, dann erblasst jeder feuerspeiende Drache vor Neid! Aber so rein geschmacklich lohnt es sich im Überlebensfalle durchaus; da kann keiner meckern.

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Rein äußerlich gleichen längst nicht alle Früchte dem Alien. Es sind auch ein paar Schoten mit dabei, die auf den ersten Blick wie die Ursprungssorten aussehen. Aber das täuscht! Schneidet man die nämlich auf, dann findet sich auch in deren Inneren Plazentagewebe ohne Ende. Bedeutet: Auch das, was oberflächlich betrachtet noch “ganz normal” aussieht (Aber was ist bei den vier schärfsten Sorten der Welt schon normal?), basiert bereits auf verändertem Erbgut. Sehr gut, denn dann ist es doch hervorragend für die Zucht im kommenden Jahr geeignet! Wenn ich irgendwo Saatgut der Rachenreibe erwischen könnte, dann würde ich die ganze Genpanscherei sogar noch ausweiten. Genpanscherei macht Spaß – vor allem dann, wenn das Ergebnis davon so gut schmeckt! Jetzt jedenfalls stehen die Pflanzen zum zweiten Mal in voller Blüte. Ob das allerdings noch was wird, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Denn die Früchte benötigen vier Monte zum Abreifen. Dann wäre es November und damit draußen definitiv zu kalt (weil der erste Frost die Pflanzen zuverlässig umbringt). Und ob ich drinnen weitermachen kann bzw. ob das überhaupt geht hängt von so vielen verschiedenen Faktoren ab … Was soll’s – lasse ich mich einfach mal überraschen!

(Hinweis: Dieser Beitrag ist auch unter “Quergedacht! v4.0” erschienen.)

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