fsum

Mit dem Straßenverkehr ist das immer so eine Sache. Ich fahre viel, teils privat und teils beruflich. Jährlich kommen da locker 25.000km zusammen (eher wesentlich mehr). Ich bin jetzt 60 Jahre alt und fahre seit 40 Jahren eigentlich so ziemlich alles, was drei oder vier Räder hat (mit mehr weniger Rädern eher selten). Rein kilometermäßig habe ich die Entfernung Erde-Mond mit dem Auto schon ein paarmal zurückgelegt (mit dem Fahrrad allerdings nicht; da werden’s wohl bloß so um die 100.000 Kilometer sein). Ich fahre bei jedem Wetter und am liebsten über Land, denn die Autobahn betrachte ich zumindest in Deutschland als einen Sammelpunkt für Geisteskranke: Die Ballerburg hat Ausgang! Ich bedaure dabei aufrichtig und zutiefst die armen Schweine, die mit ihren Trucks gezwungen sind, zwischen all den Bekloppten die Nerven zu behalten und ihre Fracht auf Zeit abzuliefern. Ich fahre auch am liebsten unter der Woche, denn dann sind zumeist die Leute unterwegs, die das beruflich machen und bei denen ich voraussetzen kann, dass die auch fahren können. Zum Wochenende hin – und das fängt am Freitag leider schon an – sieht die Sache dann doch gänzlich anders aus.

Warum ist das so? Jeder muss sich echt anstrengen, um einen sündhaft teuren Führerschein zu machen. Und doch … Am Freitag auch, als ich nach Kassel fuhr. Baustelle auf der A7, 60km/h waren angesagt. Alles fuhr 80. Ich auch. Der Verkehr floss. Bloß bei dem Porsche, der mit rund 120 vorbei bretterte, fand mein Verständnis dann echte Grenzen. Obwohl: Wer sich so ein Auto leisten kann, der bezahlt das Bußgeld wahrscheinlich auch aus der Portokasse. Ein anderer Fall: Die Bahn ist (was selten genug vorkommt) zur Abwechslung mal frei und man kann tatsächlich auf 160km/h beschleunigen, um die in Staus und Baustellen verlorene Zeit wenigstens ansatzweise wieder reinzufahren. Wenn aber bei 160 einer so an mir vorbei metert, dass ich das Gefühl habe, zu stehen, dann läuft mir ‘ne Gänsehaut über den Rücken – die kleinste Kleinigkeit und es ist zu spät zur Reaktion. Dann kracht’s! Würde man die Geschwindigkeit begrenzen, dann dürfte es auch seltener krachen – 130km/h reichen doch eigentlich völlig aus und wenn’s seltener kracht und folglich weniger Staus da sind, dann muss man auch keine Zeit wieder schneller reinfahren.

Den gegenteiligen Fall habe ich aber auch erlebt. Das war auf der Rückfahrt von Kassel: Rechte Spur LKW an LKW. Mittlere Spur zahllose Wohncontainer, die mit eher geringem Erfolg versuchten, in den Kasseler Bergen die LKWs zu überholen. Ganz links Opa tiefentspannt mit 40km/h … Muss mal sehen, wie ich die Biss-Spuren aus dem Lenkrad wieder weg kriege! Ich gehe mal davon aus, dass alle Kraftfahrer, die am Straßenverkehr teilnehmen, auch über einen Führerschein verfügen. Theoretisch haben die also gelernt, wie die Sache mit dem Fahren funktioniert. Praktisch allerdings … – tendiere ich eher dazu, zu sagen, dass jemand frühestens zwei Jahre nach dem Erwerb des Führerscheins tatsächlich fahren kann, sofern er sein Auto auch ständig benutzt. Aber es gibt auch genügend viele Leute, die ihre Karosse die ganze Woche über mit dem Wattestäbchen polieren und sich am Wochenende in Erinnerung rufen müssen, wozu denn die drei Pedale da unten im Fußraum gleich da waren. Leider sieht man den Mit-Verkehrsteilnehmern nicht an, wer zu dieser Kategorie von unerfahrenen Harakiri-Piloten zählt! Solche Fahrer müssten eindeutig gekennzeichnet werden, bspw. durch Nummernschilder in Warnorange, so lange die ersten 40.000km noch nicht zurückgelegt worden sind. Die Fahrleistung (inklusive etwaiger beruflicher Fahrten) ließe sich leicht dokumentieren: Wozu gibt’s Fahrtenbücher?

Spätestens an der Stelle aber sage ich mir, dass mit unserem Führerschein-System doch etwas oberfaul sein muss. Betrachten wir das mal etwas genauer. Da gibt’s einen Riesenhaufen an (m. M. nach für die Fahrpraxis überwiegend nutzloser) Theorie. Dann gibt’s da die Pflicht-Fahrstunden, die i. d. R. immer mit dem gleichen Auto absolviert werden. Nein, verdammt nochmal! Jedes Auto ist anders! Für den Führerschein bedeutet das, das Fahrzeug wechseln zu müssen! An die Stelle von überwiegend nutzloser Theorie kann das praktische Üben des Verhaltens in Extremsituationen treten: Ich spreche vom Fahrsicherheitstraining. Das müsste m. E. verpflichtend zum Führerschein mit dazu gehören! Da lernt man nämlich nicht, was man können müsste, sondern was man nicht kann. Das hilft enorm dabei, in Gefahrensituationen richtig zu reagieren. Wer beruflich fährt, der kennt das aus Erfahrung.

Dann kommt noch hinzu, dass man zumindest hier in Deutschland im Grunde genommen den Führerschein auf Lebenszeit erwirbt. Das Verfallsdatum auf dem Führerschein besagt nämlich nur, dass das Dokument ungültig geworden ist. Es ändert nichts an der Fahrerlaubnis. Nein, verdammt nochmal! Jeder, der beruflich unterwegs ist, muss Gesundheitsuntersuchungen über sich ergehen lassen – und das gilt selbst für den reisenden Vertreter, der seitens seines Betriebsarztes von Zeit zu Zeit durchgecheckt wird. Nur für den halbdementen Opa, der nicht mehr laufen kann und der tatterig mit der Gehhilfe wankend sein Auto ansteuert, gilt das nicht: Wer nicht mehr laufen kann, der kann und darf hierzulande immer noch fahren – und eben dadurch u. U. andere in Gefahr bringen, wenn bspw. mit Hut inner- wie außerorts und dem Mittelstreifen zwischen beiden Rädern 80km/h gefahren wird, während Opa – weil seine Sehkraft enorm nachgelassen hat – das Gesicht geradezu an die Windschutzscheibe quetscht, um den verschwommenen Schatten zu entnehmen, was sich da gerade abspielt. Seine Reaktionsgeschwindigkeit im Fall der Fälle wird nur noch von einer scheintoten Schnecke im Koma unterboten. Und an dem Punkt frage ich mich: Muss das wirklich so sein?

Ich bin – wie schon gesagt – jetzt 60 Jahre alt und damit offensichtlich auch nicht mehr der Jüngste. Meine nächste Untersuchung hinsichtlich beruflicher Fahrtauglichkeit steht in knapp drei Jahren an. Mal angenommen, man würde etwas ähnliches für alle Kraftfahrer anstrengen. Sagen wir, sofern der ärztliche Persilschein nicht schon anderweitig vorliegt, eine erste medizinische Eignungsuntersuchung mit 60 und anschließend bis 75 im Fünfjahresturnus, ab 75 im Dreijahresturnus. Im Zweifelsfalle bringt eine Probefahrt in Gegenwart eines Prüfers (das kann bspw. durchaus ein beruflicher Fahrer, ein Fahrlehrer, ein Arzt o. ä. sein) Klarheit. Der Senior, der so vernünftig ist, seinen Führerschein freiwillig abzugeben, erhält im Gegenzug automatisch auf Lebenszeit freie Fahrten mit Bussen und Bahnen; ein entsprechender Ausweis würde es möglich machen. Derjenige aber, der bis zum letzten Jährchen pokert, muss damit rechnen, dass ihm der Führerschein aus gesundheitlichen Gründen entzogen wird. Der umgekehrte Fall ist der Jugendliche oder der Sonntagsfahrer, der sich überschätzt. Für den gibt es eben keine Nachschulung, sondern stattdessen ein selbst zu finanzierendes Fahrsicherheitstraining.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass damit schon sehr viel gewonnen wäre. Gegen ausgemachte Verkehrsrowdies nützt das natürlich auch nichts. Um die von den Straßen zu verbannen, könnte man Dänemark zum Vorbild nehmen. Dort wird die Geldstrafe für eine Trunkenheitsfahrt durch eine einfache Formel individuell berechnet: Das jeweilige Netto-Monatseinkommen wird mit der Promilleanzahl multipliziert. Änlich könnte man es bei der Geschwindigkeitsübertretung handhaben und dann würde auch der eingangs erwähnte Porschefahrer das Bußgeld nicht mehr perfide lächelnd aus der Portokasse bezahlen. Und wer sich besonders gravierende – im Sinne von andere gefährdende – Verstöße erlaubt (ich denke da an das schon oft genug beobachtete Abdrängen von Bikern oder Radfahrern, die fehlende Rettungsgasse usw.), dem wird das Auto abgenommen. Es wird versteigert, wobei die Erlöse in die Staatskasse gelangen.

Auf diese Weise trifft man zwar nicht alle in gleicher finanzieller Höhe, aber alle in sozialer Hinsicht gleich und damit den Nerv. Der Wohlhabende, der glaubt, mit seiner Protzkiste die Straße gleich mitgekauft und deswegen Sonderrechte zu haben, würde auf den Boden der harten Tatsachen heruntergezerrt werden. Anstelle arrogant-überheblich lächelnd einen Scheck auszuschreiben würden ihm vermutlich sämtliche Gesichtszüge entgleisen. Mit dem durch die Versteigerung von abgenommenen Nobelkarossen erwirtschafteten Geld könnten soziale Notlagen gemindert werden. Unter dem Strich gesehen würde all das sicherlich dazu führen, dass der Straßenverkehr wieder humaner und rücksichtsvoller abläuft. Denn der hat sich im Verlauf der Jahrzehnte deutlich zum Schlechten hin entwickelt. Vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren war das nämlich noch nicht mal annähernd so schlimm wie heute! Der Verkehr und die Besitzverhältnisse haben sich geändert, das Ahnden von Verstößen hingegen nicht, so dass inzwischen auch im Straßenverkehr und unabhängig von der Befähigung zum Fahren eine Zweiklassengesellschaft existiert. Höchste Zeit, das auch mal verschärft anzugehen! Aber das würde echte Politik anstelle von Scheinpolitik erfordern, und so etwas kann man von der neoliberalen Sekte da in Berlin doch nun wirklich nicht erwarten, nicht wahr?

Vielleicht noch ein allerletztes Wort zu den selbstfahrenden Autos. Ja, die werden unweigerlich kommen. Und dann wird man möglicherweise keinen Führerschein mehr brauchen. Aber das dürfte noch ziemlich lange dauern! Selbstfahrende Autos sind nämlich im Grunde genommen Computer. Menschen machen Fehler, Computer nicht – glauben freilaufende Vollpfosten, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Ich habe im Verlauf meines Lebens nämlich noch nicht einen einzigen Menschen kennengelernt, der mir von einem wirklich absolut fehlerfreien Computer zu erzählen wusste. Stattdessen wird immer nur über die Fehler der Mistgurken berichtet. Das stelle ich mir nun praktisch ungefähr so vor: Blue Screen auf dem Bordcomputer, während das selbstfahrende Auto die Kasseler Berge runterschießt – RIP!

Wenn mir zudem noch mein Navi kurz hinter der Werratalbrücke mit Deutschlands bekanntestem Blitzer und in Fahrtrichtung Norden, Kurs Göttingen auf der A7, erzählt “bitte auf die nächstgelegene Straße fahren” (ja, ist wirklich passiert!) dann graut mir vor selbstfahrenden Autos! Dann dürfte es noch sehr, sehr lange dauern (nämlich Jahrzehnte) bis selbstfahrende und wirklich funktionelle Autos zum Standard avanciert sind. Und wirklich erst dann können wir vielleicht weitgehend auf den Fahrer verzichten. Weitgehend bedeutet, dass es Bereiche gibt, in denen ich mir den Verzicht auf den Fahrer einfach nicht vorstellen kann. Da brauche ich gar nicht mal soweit zu gucken und muss mir nur meinen eigenen Job anschauen: Wie bitteschön sollen Rollstuhlfahrgäste denn ins Auto gebracht, angeschnallt, abgeschnallt und zum Haus gebracht werden, wenn kein Fahrer da ist? Und mal so ganz nebenbei: Welches selbstfahrende Auto würde denn bei einem Unfall zwecks Hilfeleistung anhalten bzw. wer sollte das dann machen? Etwa der Bordcomputer? Selbstfahrende Autos sind m. E. ein unausgegorener Hype. Bevor das wirklich praktikabel ist, bedarf es des Fahrers und des Führerscheins. Letzterer muss allerdings unbedingt praxisnäher werden – und genau das erfordert politische Entscheidungen!

(Hinweis: Dieser Beitrag ist auch unter “Quergedacht! v4.0” erschienen.)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*Das Captcha bitte eingeben!

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Wetterwarnungen

News per RSS

Counterize

Seitenaufrufe: 1633663
Seitenaufrufe heute: 695
Letzte 7 Tage: 17648
Besucher online: 2

November 2018
M D M D F S S
« Okt    
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
2627282930  

Social Media

free twitter buttons



Meine HP & Bücher