vivy

Vergangene Woche war es dann endlich soweit: Vivy ist auf den Markt gekommen! Endlich! Darauf hat die Menschheit gewartet! Welcher Fortschritt! Was ist Vivy eigentlich? Vivy ist eine Gesundheits-App, oder vielleicht sollte man besser “elektronische Gesundheits- bzw. Patienten-Akte” sagen. Klingt doch toll, nicht wahr? Ich wurde darauf aufmerksam, als die Tagesschau darüber berichtete und das im Radio ständig gemeldet worden ist; selbst die BLÖD war voll des Lobes. Diese elektronische Gesundheitsakte soll Doppeluntersuchungen verhindern, an Impftermine erinnern, die Daten von Gesundheits- und Fitness-Trackern einlesen können und-und-und. Logisch, dass da am Ende der absolut gläserne Patient dabei heraus kommt. Logisch auch, dass gerade deswegen eigentlich ein Wahnsinnsaufwand in puncto Datenschutz zu treiben ist. Ähemm – bei ‘ner Handy-App? Aber klar doch: Handys sind nun einmal die sichersten IT-Geräte der Welt! Ausspionieren vollkommen ausgeschlossen! Das hat keiner zu hinterfragen! Punkt!

Als misstrauischer Mensch – alle Verlautbarungen zu der “Wunderapp” hörten sich für mich nämlich wie das Vorlesen einer Pressemitteilung an – habe ich es mir dann aber doch nicht nehmen lassen, mal etwas (nur ein ganz kleines Bisschen) an der Hochglanzoberfläche zu kratzen. Das hätte ich lieber doch nicht tun und vielmehr auf die vollmundigen Versprechungen in den Medien vertrauen sollen. Denn das, was ich fand (oder besser gesagt nicht fand) ließ mich nur umso misstrauischer werden! Da war erst einmal das altbekannte Problem des mangelnden Datenschutzes bei Gesundheits-Apps. Bei Vivy – übrigens eine durchaus “spahnende” Idee – hat man das Problem gleich von vornherein an der Wurzel gepackt und ganz elegant gelöst: Man verspricht Datenschutz und Datensicherheit und das hat eben niemand anzuzweifeln. So einfach geht das! Man muss eben nur mal gewisse “Fachleute” aus dem Gesundheitsministerium ranlassen! Ach ja, dass man ein recht aktuelles Handy mit mindestens Android 6.0 für die ganze Aktion benötigt, versteht sich ja ohnehin von selbst. Kann sich ja auch jeder erlauben, nicht wahr?

Wie sieht das im Detail aus? Vivy ist letztlich nichts weiter als eine Benutzeroberfläche. Da werden Daten eingegeben und abgerufen. Gespeichert werden besagte Daten allerdings – selbstverständlich aus Datenschutzgründen – eben NICHT auf dem Handy, sondern auf Cloud-basierenden Servern. Die stehen, wie der Hersteller versichert, in Deutschland. Super, nicht wahr? In Deutschland gibt’s ja auch keinerlei Cyber-Kriminalität! Wo stehen die Server eigentlich? Der Hersteller schweigt sich darüber aus. Aus der – mittlerweile geschlossenen und nicht mehr verfügbaren (warum eigentlich?) – Kommentarspalte der Tagesschau-Meldung war zu erfahren, dass diese Rechner bei Amazon und Google verortet sind, immerhin IT-mäßig renommierte Konzerne. Und denen sind die Daten der User doch heilig; die würden so etwas niemals aus schnödem Gewinnstreben vertickern!

Mal ganz davon abgesehen stehen ja auch noch die Krankenkassen hinter dieser App. Na gut, von so kleinen, unbedeutenden Krankenkassen wie TK und AOK vielleicht mal abgesehen. Macht aber nichts, denn dafür tragen Allianz, Gothaer und Bertelsmann das Konzept mit – also Versicherungsgiganten und ein Medienunternehmen. Die sind selbstverständlich ganz sicher nicht an Patientendaten interessiert! Außerdem, was sollte schon passieren, wenn derartige Daten in falsche Hände gelangen? Wer nichts zu verbergen hat, der braucht sich darüber auch keinen Kopp zu machen! Und überhaupt, die Daten werden ja obendrein auch noch Ende-zu-Ende verschlüsselt. Hmm… – eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung: Da gibt’s verschiedene Verfahren. Sichere und unsichere. Wäre vielleicht mal ganz interessant zu erfahren, ob man sich dazu für ein sicheres Verfahren entschieden hat. Falls ja, stünde natürlich auch der Nennung des Verschlüsselungsverfahrens nicht mehr im Wege. Doch darüber schweigt sich der Hersteller aus. Warum eigentlich?

Aber Schwamm drüber! Als “mündiger” Patient bzw. Versicherter einer Krankenkasse muss ich nicht wissen, sondern GLAUBEN! Außerdem ist Vivy ja auch zerfifiziert und geprüft, und zwar vom TÜV Rheinland. Ja, als Medizinprodukt nach dem Medizinproduktegesetz, allerdings wohl eher nicht in Bezug auf die Datensicherheit, denn dafür existiert hierzulande keine anerkannte Prüforganisation. Der Hersteller teilt dann auch seiner Seite mit, dass man sich an die (Zitat) “Formulierung des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)” gehalten hat. Na ja, aber das hat doch der Deutsche Bundestag auch getan, als er im August vergangenen Jahres gehackt worden ist – ich mein’ ja nur … OK, vergessen wir’s!

Die Seiten des Vivy-Herstellers jedenfalls sind echt hochinteressant. Damit meine ich allerdings weniger die doch eher wenig informativen PR-Texte als vielmehr die äußerst aufschlussreichen Screenshots von der App. Will man nämlich bspw. seine letzten Krankenhaus-Untrsuchungsergebnisse in die elektronische Patientenakte eingetragen haben, dann muss man offensichtlich eine Anfrage an die betreffende Stelle starten. Logisch, dass die zuvor nach geltendem Recht von ihrer ärztlichen Schweigepflicht zu entbinden ist. Und dann läuft das wohl ungefähr so ab: Im Krankenhaus sind alle unterbeschäftigt und haben absolut nichts zu tun. Man kennt das ja aus Dokumentarberichten wie z. B. “Bettys Diagnose“, wo in der ZNA ein Mimimi-Patient aufschlägt und sich sofort Heerscharen von Schwestern und Ärzten auf ihn stürzen. Mit anderen Worten: Das hoffnungslos unterbeschäftigte Krankenhaus-Personal freut sich aus lauter Langeweile über jede Aufgabe und wird sich bei einer Patientenanfrage sofort in staubige Archive aufmachen um uralte Röntgenbilder einzuscannen! Ähnlich in Arztpraxen, denn die Leute da haben ja auch nichts zu tun (weswegen man im Übrigen immer umgehend und sofort einen Termin bekommt). Also liebe Leute: Vivy ist High-Tech vom Allerfeinsten! Vertraut auf die offiziellen Angaben dazu und dann kann euch (wahrscheinlich) gar nichts mehr passieren – versprochen!

Zum Abschluss vielleicht noch eine kleine Entschuldigung: Es mag durchaus sein, dass einzelne LeserInnen glauben, aus diesem Beitrag einen abgrundtiefen Sarkasmus entnehmen zu können. Sorry deswegen! Ich kann nicht anders! Aber was ihr hier gelesen habt, das ist bereits die mehrfach abgemilderte Version des Beitrages. Übrigens möchte der Herr Spahn, dass spätestens 2021 alle Versicherten Vivy benutzen. Dabei hätte man das alles auch völlig anders machen können. Im simpelsten Falle mit einer anständigen, portablen Verschlüsselungssoftware und dem Vorhalten der Medi-Daten auf ‘nem USB-Stick. Oder im Ergänzen der ohnehin schon vorhandenen Versichertenkarte um einen Speicherchip. Wäre in der Entwicklung sicherlich sehr viel preiswerter gewesen. Oder einfach nur mal über den (leider!) nur allzu nahe liegenden Tellerrrand hinaus gucken und sich andere Länder zum Bespiel nehmen. Neuseeland z. B. hat da nämlich schon seit über fünf Jahren eine etablierte, sichere und tragfähige Lösung anzubieten gehabt … Aber ich bin in solchen Sachen natürlich nur ein Laie. Ein (wie auch immer) irgendwie zum Minister mutierter Bankkaufmann mit einem Master in Politikwissenschaften ist hinsichtlich Gesundheit und Datensicherheit selbstverständlich sehr viel kompetenter als ich! Wie ich oben schon ausführte: Ihr müsst nicht wissen. Ihr müsst GLAUBEN!

(Hinweis: Dieser Beitrag ist auch unter “Quergedacht! v4.0” erschienen.)

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