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Mitunter hatte ich es ja bereits sowohl mit gewissen Politikern wie auch mit gewissen Unternehmern zu tun. In der Mehrzahl der Fälle habe ich dann nur über deren Einstellungen gestaunt: Sie sahen alles ausschließlich von ihrer begüterten Warte aus und konnten sich daher auch über alles und jeden ein ihrer Meinung nach höchst qualifiziertes Urteil erlauben. Ich packte die dann instinktiv in die Schublade derer, die so schlau sind, dass sie auch bei einer Glastür noch durch’s Schlüsselloch gucken. Oder so hohl, dass bei denen zum Röntgen ein Teelicht voll und ganz ausreicht! Vor diesem Hintergrund ist mir eine kleine Satire eingefallen, ein fiktives Gespräch. Zugegeben – vielleicht handelt es sich ja auch um eine Realsatire aus einer gewissen Bananenrepublik. Meine drei Protagonisten sind:
- Herr Raffke, seines Zeichens ein wohlhabender Unternehmer.
- Herr Schleimer, seines Zeiches ein Zuwendungen nicht abgeneigter Politiker.
- Und dann gibt es da noch Herrn Habenichts, seines Zeichens Minijobber mit H4-Vergangenheit.
Die Situation ist leicht vorstellbar: Herr Habenichts verrichtet ehrenamtliche, körperlich anstrengende Arbeiten und Herr Raffke sowie Herr Schleimer treffen sich zufällig und sehen ihm dabei zu.
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Habenichts: (Er hilft ehrenamtlich beim Entladen eines Lieferwagens für eine Vereinsveranstaltung, schleppt Stühle, Tische und Bänke und der Schweiß steht ihm auf der Stirn.)
Schleimer: Oh, Herr Raffke! Was für ein Zufall, dass wir uns hier mal ganz zwangslos treffen!
Raffke: Ach Herr Schleimer – ja, Sie haben völlig recht. Aber ich war ja gezungen, mich unter das gemeine Volk zu mischen. Meine Haushälterin hat nämlich gekündigt. Sie wissen ja, wie das mit dem Personal heutzutage ist …
Schleimer: Ja, das kann ich selbstverständlich voll und ganz nachvollziehen. Da kann ich selbst ein Lied von singen. Wir von der Fraktion ….
Habenichts: (Ein lautes Krachen unterbricht Schleimers selbstgefälligen Monolog, denn Habenichts ist eine der Bänke aus der Hand geglitten. Er flucht.)
Raffke: Nun sehen sie sich bloß den mal an! Zu dumm, um ein Möbelstück festzuhalten! Dabei erfordert das nun wirklich keine fachliche Qualifikation! Aber Moment mal … Den kenne ich doch!
Habenichts: (Schleppt weiter und gibt sein Bestes, um das schwere Zeug zu bewältigen.)
Schleimer: Sie kennen den? Entschuldigen Sie – aber ich hätte niemals erwartet, dass Sie Kontakte zu solchen Unterschichtlern pflegen!
Raffke: Nun, Kontakte ist sicherlich zuviel gesagt. Er hat mal für mich gearbeitet. Bis ich ihn entlassen musste. Undankbarer Kerl! Genauer gesagt war er einer von diesen Hartz-IV-Sozialschmarotzern, die in der sozialen Hängematte schaukeln und sich ein schönes Leben auf Kosten anderer machen. Das konnte ich mir nicht mit ansehen. Deswegen stellte ich ihn befristet als Minijobber ein.
Schleimer: Und? Wie hat er sich gemacht?
Raffke: Na, Sie wissen doch, wie das mit diesen arbeitsscheuen Unqualifizierten läuft. Da zeigt man Mitleid mit denen, gibt seinem sozialen Gewissen nach und dann …
Schleimer: Was geschah dann?
Raffke: Er weigerte sich schlichtweg unbezahlte Überstunden zu machen. Mehr noch; er setzte sogar noch einen obendrauf. Und nicht nur einen. Der wagte es doch tatsächlich, mich nach den nötigen Arbeitsmitteln zu fragen anstatt die selbst mitzubringen und bemängelte obendrein auch noch die Arbeitssicherheit! Als ob ich sein Kindermädchen wäre! Soll der doch selbst auf seine Gesundheit aufpassen! Nach einem Jahr wurde er sogar so unverschämt, dass er nach Urlaub fragte. Urlaub, stellen Sie sich das einmal vor! Dabei arbeiten Minijobber doch gar nicht richtig. Und dann will der auch noch Urlaub! Bin ich denn das Sozialamt? Wenn der wüsste, wieviel ich selbst zu tun habe! Ich schichte nämlich gerade mein Portfolio um und das verlangt äußerste Konzentration und stundenlangen Einsatz. Solche Typen wie der da können das gar nicht nachvollziehen weil die sowieso nicht mit Geld umgehen können. Ich bin immer noch viel zu sozial eingestellt, wenn ich derartigem Pack eine Chance gebe. Da, sehen Sie? Jetzt setzt der sich auch noch hin! Einfach so, als ob es nichts zu tun gäbe!
Habenichts: (Hat sich hingesetzt, stöhnt vor Schmerzen und drückt sich den Arm in den Rücken. Man sieht ihm an, dass er sich verhoben hat.)
Schleimer: Ja, von solchen Typen kann ich auch in Lied singen. Wir hatten da neulich auch so einen; der referierte für gutes Geld des Steuerzahlers über IT-Sicherheit. Das ist zwar mein Fachbereich, aber ich kann Ihnen sagen, dass ich nicht mal ein Viertel von dem begriffen habe, was der da so von sich gab. Der sprach über Honeypots und Firewalls und als ich ihn fragte, ob denn der Akustikkoppler auch eine besondere Sicherung brauche, da guckte der mich nur entgeistert an! Mag ja sein, dass der kompetent gewesen ist – meine Untergebenen vermittelten mir jedenfalls diesen Eindruck – aber von seinem Auftreten und seiner Erscheinung her war der Typ absolut untragbar. Sie müssen sich das so vorstellen: Die Armbanduhr von Karstadt oder Kaufhof, die Hose von C&A, das Hemd von Aldi usw. Und dann ist der auch noch mit der Bahn angereist! Mit der Bahn! Wenn es wenigstens ein lumpiger 7er BMW gewesen wäre … Was meinen Sie: Solche Leute kann ich doch unmöglich in meinem Minsterium herumlaufen lassen! Nach dem Seminar setzte ich mich dann noch kurz mit dem zusammen und wissen Sie was? Der vertrat doch ganz ungeniert so linksradikale Thesen wie Stärkung des Sozialstaates, Umverteilung von oben nach unten, bedingungsloses Grundeinkommen etc. Geht doch gar nicht! Wo kommen wir denn da hin?
Raffke: Ja, es ist wirklich ein Kreuz mit unserer undankbaren Bevölkerung! Unsereiner gibt sein Bestes, um die Wirtschaft am Laufen zu halten und der Pöbel … Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin wirklich kein Sozialrassist, aber das wird man doch wohl nochmal sagen dürfen, nicht wahr? Ich meine, was bringen die denn schon an Geld zusammen? Die können doch damit gar nicht umgehen; das sieht man schon alleine daran, dass solche Menschen ständig pleite sind. Unsereins dagegen muss sich tagtäglich – und wahrlich mehr als nur schlappe 40 Stunden in der Woche! – anstrengen, um das Geld zusammen zu halten, um Gewinne zu erwirtschaften, Arbeitsplätze nicht nur zu erhalten, sondern auch noch zu schaffen … Aber wem sage ich das! Sie kennen das ja! Da, schauen Sie, was macht der denn jetzt wieder?
Habenichts: (Hat sich erhoben und schleppt sich mit schweren Schritten zum Lieferwagen. Man sieht ihm an, dass es ihm nicht gut geht.)
Schleimer: Ich glaube, das nennt sich Show-Working. Er tut so, als würde er arbeiten, aber in Wirklichkeit macht er gar nichts. Wundert mich aber auch nicht. So sind sie eben, die aus der Unterschicht. Drücken sich, wo sie nur können, machen bei jeder Gelegenheit krank und stellen eine unverschämte Forderung nach der anderen. Wenn wir denen großzügig Hartz-IV geben, dann sind die noch viel zu gut dran! Das ist meiner Meinung nach geradezu ein Anreiz für’s Faulenzen. Früher hätte man solche Leute ins Arbeitslager gesteckt, aber das darf man heutzutage ja nicht mehr laut sagen. Nicht mal in meiner Fraktion! Obwohl ich weiß, dass viele meiner Kollegen genauso denken wie ich. Da, schauen Sie! Jetzt mimt er den Kranken!
Habenichts: (Ist umgekippt und kann sich nicht mehr bewegen.)
Raffke: Ja, und er schauspielert wirklich gut. Das hätte ich dem gar nicht zugetraut. Es weist auf langjährige Übung hin. Oder … könnte es vielleicht sein, so unwahrscheinlich das jetzt vielleicht auch klingen mag, dass er wirklich verletzt ist? Dann sollten wir vielleicht mal rüber gehen und fragen, ob er Hilfe benötigt.
Schleimer: Ach was! Das kenne ich schon. Solche Leute tun nur so als ob; die haben jahrelange Erfahrung darin. Hilfe braucht der ganz bestimmt nicht, glauben Sie mir. Der steht gleich wieder auf.
Habenichts: (Rührt sich nicht und ein paar Passanten sind auf ihn aufmerksam geworden. Einer bringt ihn in die stabile Seitenlage und ein anderer ruft den RTW.)
Raffke: Nun gucken Sie sich bloß mal an, wie der sich von den anderen bedienen lässt! Am liebsten würde ich rübergehen und dem einen Tritt geben, damit er aufsteht und endlich weiterarbeitet. Dann würde der wenigstens was Sinnvolles tun. Weil dieses Volk mit seiner Freizeit – die haben sowieso viel zuviel davon! – ohnehin nichts anzufangen weiß. Wenn die arbeiten dann sind die wenigstens beschäftigt und kommen nicht auf dumme Gedanken!
Schleimer: Da pflichte ich Ihnen uneingeschränkt bei! Wie recht sie doch haben! Ohne Unternehmer wie Sie würde hier alles vor die Hunde gehen! Außerdem sind es ja gerade Menschen wie Sie, die sich redlich bemühen, solche faulen und unqualifizierten Leute wieder auf den richtigen Weg zu bringen! Darf ich mir bei der Gelegenheit die Frage erlauben, wie Ihre Geschäfte zur Zeit laufen?
Raffke: Oh, wirklich hervorragend! Seit ich beim Jobcenter eingestiegen bin und Weiterbildungsseminare für Arbeitslose durchführe kann ich wirklich nicht klagen. Die Geschäfte laufen sehr gut und Kundschaft ist ja nun wirklich mehr als genug da, denn die Statistik will ja auch gepflegt werden – wenn Sie verstehen, was ich meine.
Schleimer: Natürlich, natürlich! Ich bin da ganz und gar Ihrer Meinung!
Raffke: Wissen Sie, ich sage immer ‘Führung ist, wenn man den Mitarbeiter so schnell über den Tisch zieht, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet’ und mit dieser Einstellung bin ich seit jeher sehr gut gefahren. Das war schon die Grundregel meines Vaters, als er mir das Unternehmen vererbt hat. Da, sehen Sie mal! Jetzt übertreibt der aber wirklich!
Habenichts: (Der RTW ist mit Martinshorn und Blaulicht angekommen und die Rettungskräfte nehmen den Verletzten mit.)
Schleimer: Nein, das gibt’s doch gar nicht! Jetzt macht der doch tatsächlich noch auf Krankenkassenkosten blau und lässt sich tagelang von zahlosen unterbeschäftigten Pflegekräften bedienen. Also solche Leute müsste man wirklich gleich … Ähem, ich schweige jetzt wohl lieber.
Raffke: Ach was, ich weiß doch, was Sie meinen. Ich selbst denke ja genauso. Solche Menschen brauchen eben Leute wie uns. Leute, die sie führen. Aber mit harter Hand!
Schleimer: Wie wahr, wie wahr! Aber mal eine ganz andere Frage. Was hat der da eigentlich aufgebaut?
Raffke: Na, heute Abend ist doch der große Empfang von den örtlichen Vereinen. Für Personen unseres Standes gibt es Freibier und kostenloses Essen. Haben Sie denn keine Einladung erhalten?
Schleimer: Ja, stimmt. Da war was. Meine Sekräterin erwähnte so etwas. Und eine Rede soll ich auch noch halten, aber um derarte Banalitäten kümmern sich normalerweise die unteren Chargen. Dann treffen wir uns also heute Abend?
Raffke: Selbstverständlich! Und ganz im Vertrauen, ich hätte da noch einen äußerst lukrativen Nebenjob als Redner für Sie. Sie wissen ja, eine Hand wäscht die andere. Geld spielt keine Rolle, denn das bekomme ich letzten Endes genau wie Sie und ihr Vater vor Ihnen vom dummen Steuerzahler.
Schleimer: Ja, ja, der Steuerzahler! Wenn der wüsste! Aber zum Glück weiß er das ja nicht! Es tut mir leid unser hochinteressantes und äußerst erbauliches Gespräch jetzt beenden zu müssen, aber mein überaus enger Terminplan, Sie verstehen …
Raffke: Ja, das kenne ich! Geht mir ja nicht anders. Wir setzen unsere Unterhaltung dann eben am Abend bei Freibier und gutem Essen fort. Auf Wiedersehen, Herr Schleimer. Bis später!
Schleimer: Ja, bis später. Ich wünsche Ihnen noch viele gute Geschäftsabschlüsse. Auf Wiedersehen und noch einen schönen Tag, Herr Raffke!
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Nochmal zur Erinnerung: Das ist alles rein fiktiv. Das ist nur ausgedacht und entbehrt jeglicher Grundlage. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Gegebenheiten oder mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Aber möglicherweise dennoch unvermeidlich … ;)

(Hinweis: Dieser Beitrag ist auch unter “Quergedacht! v4.0” erschienen.)

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