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Es gibt Menschen, die in Hierarchien nicht gern gesehen werden. Das sind diejenigen, denen man nachsagt, Spielverderber zu sein und Sand ins Getriebe zu streuen. Es sind diejenigen, die ihr Gehirn nicht morgens zu Arbeitsbeginn abgeben und abends zum Feierabend wieder einsetzen. Also diejenigen, die noch selbst mitdenken. Es handelt sich um Zweifler, Mahner und Warner. Aber ist das wirklich der Fall; streuen die wirklich Sand ins Getriebe und falls ja, warum? Um diese Frage zu beantworten möchte ich ein Beispiel aus meiner eigenen, beruflichen Praxis voranstellen. Eines, das nunmehr rund dreißig Jahre zurück liegt.

Da war ein Chemieunternehmen, in welchem tagtäglich enorm große Mengen an Abwasser anfielen. Es existierte eine uralte Abwasserbehandlungsanlage, die ihren Dienst recht gut verrichtete. Sie wandelte unter Einsatz von Kalk verbrauchte, Aluminiumsalz-haltige Schwefelsäure in Wasser und Gips um, welcher anschließend per Filterpresse abgeschieden und problemlos entsorgt werden konnte, nämlich als Rohstoff für die Gipsindustrie. Allerdings war besagte Anlage natürlich bereits in die Jahre gekommen und die Produktion sollte vergrößert werden. Nun machte sich ein Team von chemisch unbeleckten Maschinenbau-Ingenieuren daran, eine neue Entsorgungsanlage zu entwerfen, und zwar viel größer und viel moderner. Es gab Mahner, Zweifler und Warner, ganz besonders aus dem Bereich des chemischen Fachwissens, die dafür plädierten, stattdessen doch besser zwei kleine (redundante) Anlagen nach dem bewährten Muster zu bauen. Auf die hörte aber keiner.

Bei der neuen, größeren Anlage wären Unmengen an Gips zu entsorgen gewesen, was auch viel mehr Platz für LKWs, eine größere Fahrzeugflotte u. ä. bedeutet hätte. Die o. e. Maschinenbau-Ingenieure, nicht dumm, kamen zwecks Vermeidung derartiger Probleme auf die geradezu geniale Idee, anstelle von Kalk einfach Ätznatron zu verwenden. Das war viel alkalischer und deswegen konnte man die Mengen der benötigten und anfallenden Stoffe ganz elegant ganz klein halten: Satz mit X – war wohl nix! Bei der Umsetzung mit Kalk entsteht Gips. Den kann man abfiltern. Bei der Umsetzung mit Ätznatron entsteht aber sehr gut wasserlösliches Natriumsulfat, auch als Abführmittel “Glaubersalz” bekannt. Das kann man nicht durch Filtration abtrennen. Das bleibt im Wasser.

Auf die Zweifler, Mahner und Warner hörte wie schon gesagt keiner. Die Anlage wurde gebaut, und zwar speziell für den Einsatz des Ätznatrons anstelle von Kalk. Was passierte? Zweierlei: Einerseits war durch das Glaubersalz eine Nährlösung für Desulfurikanten (eine Bakteriengattung) entstanden. Anders ausgedrückt: Das Abwasser faulte und es entstanden gigantische Mengen an hochgiftigem Schwefelwasserstoff. Es gab auch zwei (vermeidbare) Tote durch Gasvergiftung. Andererseits blieb das gebildete und nicht seitens der Bakterien zersetzte Glaubersalz im Abwasser und lief durch alle Filtertücher – Filtertücher, die jetzt aufgrund der im Abwasser enthaltenen Aluminium-Verunreigungen durch einen widerlichen Schleim aus Aluminiumhydroxid zugeschmiert wurden, so dass die Filterpressen permanent ausfielen. Mit anderen Worten: Diese Abwasserbehandlungsanlage funktionierte nicht nur in keinster Weise, sondern sie machte vorhandenes Abwasser noch einmal beträchtlich schlechter.

Stoppt man dann die Produktion und setzt auf Nachbesserungen? Mitnichten! Denn an dieser Stelle kommt die hohe Politik ins Spiel. Das noch deutlich schlechter gemachte Abwassser floss in einen kleinen Fluss der Gewässergüteklasse I. Gewässergüteklasse I ist Trinkwasser ohne weitere Aufbereitung; Gewässergüteklasse IV ist praktisch tot vor lauter Dreck. Bei Gewässergüteklasse I gab’s folglich noch Spielraum nach oben. Und dann geschah, was immer geschieht, wenn mit dem Totschlagargument “da hängen Arbeitsplätze dran” gekommen wird. Es gab ‘ne Sondergenehmigung für erlaubte Umweltverschmutzung, ergo für die Verschlechterung der Lebensqualität unserer Bevölkerung. Nachdem die Kuh so vom Eis gebracht worden war, klopften sich die eingangs erwähnten Maschinenbau-Ingenieure freudig auf die Schultern und bejubelten ihr großartiges Werk. Welches, in letzter Konsequenz zu Ende gedacht, darin bestand, die Lebensqualität der Menschen zu verschlechtern um Gewinne scheffeln zu können oder, kurz gesagt, Geld über Leben stellte. Schimmert an der Stelle nicht bereits auch ein ganz klein wenig an Herrenmenschendenken durch?

Diese wirklich geschehene Geschichte liegt, wie schon gesagt, rund drei Jahrzehnte zurück. Ist sie deswegen Schnee von gestern? Keineswegs! Ob BER oder Stuttgart21 und nicht zuletzt die zwischenzeitlich nach gefühlten Ewigkeiten fertiggestellte Elbphilharmonie – alle diese Beispiele zeigen, dass heute noch immer so vorgegangen wird, im Kleinen wie im Großen. Beim BER war man gleich von Anfang an so konsequent, alle Zweifler, Mahner und Warner rauszuschmeißen – also alle, die Ahnung von der Materie hatten. Warum ist das so? Eigentlich ganz einfach: Wenn man von vornherein realistisch plant, dann muss man zwangsläufig auch von vornherein mit deutlich höheren Kosten rechnen. In dem Falle aber würde so manches Projekt gar nicht erst genehmigt und als unfinanzierbar frühzeitig abgewürgt werden. Dann könnte keiner glänzen.

Daher haben diejenigen das Sagen, die sich nach dem Peter-Prinzip in einer Hierarchie ganz nach oben geschleimt haben (Faulturmschema: “Die dicksten Brocken steigen nach oben!”). Es sind diejenigen, die anschließend den Dunning-Kruger-Effekt (der besagt, dass jeder solange aufsteigt, bis er den Gipfel der persönlichen Unfähigheit erreicht hat – die Originalpublikation ist HIER verfügbar) mit Leben erfüllen. Oder, deutlicher ausgedrückt: Die Entscheider haben keinen blassen Schimmer! Vermeiden lassen sich die daraus resultierenden Probleme nur dann, wenn von vornherein mit offenen Karten gespielt werden würde.

Aber kann man das überhaupt? Kann man ein Projekt von vornherein realistisch einschätzen? Ja, das geht – das hat sogar eine verdammt lange Tradition. Die geht auf den “Advocatus Diaboli” in der katholischen Kirche zurück, dessen Aufgabe darin bestand, bei geplanten Heiligsprechungen Gegenargumente zu finden. Nun hätten Top-Manager und gewisse Politiker wahrscheinlich gerne Heiligsprechungen ihrer eigenen Person, doch die Zeiten sind vorbei. Was also kann man tun, um Probleme bei Projekten gleich im Vorfeld auszuräumen? Dazu existieren zwei Verfahren, die leider nur viel zu selten angewandt werden, denn beide setzen die aktive Mitarbeit der bereits erwähnten Zweifler, Mahner und Warner – also die Mitarbeit der “Miesmacher”! – voraus. Die Verfahren sind die Bottom-Up-Methode und die Prä-Mortem-Analyse.

Die Bottom-Up-Methode entstammt der Computerprogrammierung. Dort gibt es zwei Möglichkeiten, nämlich Top-Down und Bottom-Up. Top-Down wird seitens der Unternehmen, die mit einer Software Gewinn machen wollen, ganz klar bevorzugt. Da bastelt man irgendein Programm vom Typ “eierlegende Wollmilchsau”, guckt ob was Vernünftiges dabei rauskommt und wirft es für viel Geld auf den Markt. Das Programm kann eigentlich (fast) alles und spricht deswegen eine große Zielgruppe an. Das bringt viel Kohle! Irgendwann kommen dann die Fortgeschrittenen und Spezialisten und sagen “Ich brauche aber noch …” und dann gibt’s Erweiterungen für die Software. Das bringt nochmal richtig viel Kohle. Das allseits beliebte Photoshop ist ein typischer Vertreter dieser Softwaregattung. Über SAP will ich mich an dieser Stelle lieber gar nicht erst auslassen …

Anders beim Bottom-Up-Verfahren. Da steht die Form des Ergebnisses von vornherein fest, so nach dem Motto “… ich brauche eine Schraube mit dem und dem Durchmesser, dem und dem Gewinde, der und der Länge und dieser oder jener Kopfform … – was muss ich machen um die anzufertigen?” und spätestens hier wird deutlich, dass so eine Vorgehensweise doch äußerst detailliert und ergebnisbezogen ist. Beim Bottom-Up-Verfahren dröselt man ein Projekt daher von hinten bis zum Anfang Stück für Stück mit allen Details auf. Sonnenklar, dass die so berücksichtigten Details natürlich auch kostenmäßig zubuche schlagen. Ebenso klar dürfte damit sein, dass ein nach dem Bottom-Up-Verfahren geplantes Projekt von vornherein teurer (dafür aber realistischer) erscheint. Positiver Nebeneffekt dabei: Beim Bottom-Up-Projekt stimmen nicht nur die projektierten Kosten halbwegs, sondern auch der Zeitplan wird weitgehend eingehalten.

Ähnlich verhält es sich mit der Prä-Mortem-Analyse. Dabei nimmt man, noch bevor ein Projekt überhaupt gestartet worden ist, den Blickwinkel eines zukünftigen Beobachters ein, der nun in der Rückschau haarklein analysiert, warum besagtes Projekt FEHLGESCHLAGEN ist. Mit dieser Methode findet so ziemlich jede Unwägbarkeit Beachtung – und kann daher auch von vornherein im Zuge einer Planung berücksichtigt werden. Anders ausgedrückt: Man setzt von vornherein auf Murphys Gesetz und versucht es auszutricksen, wobei selbst solche “Nebensächlichkeiten” wie ausbleibende oder falsche Warenlieferungen u. ä. berücksichtigt werden. Natürlich – gar keine Frage! – führt auch die Planung unter Verwendung der Prä-Mortem-Analyse zu höheren – und damit realistischeren – Projektkosten und zu einer realistischen Einschätzung der Bauzeit.

Mit beiden Methoden erhält der Planer übrigens eine hochdetaillierte To-Do-Liste nebst Zeitplänen. Man muss anschließend solche To-Do-Listen nur noch Stück für Stück wie Checklisten abarbeiten. Doch wie schon gesagt will das ja keiner. Strunzblöde und sachlich wie fachlich absolut unbeleckte Entscheider wollen um jeden Preis glänzen – nur darauf kommt es an! Deswegen werden Prestigeprojekte mit steigender Bauzeit immer teurer und dauern bis zur Fertigstellung auch immer länger. Den Entscheidern ist das egal, denn wir zahlen’s ja. Sie glänzen anschließend durch unsere Kohle. Diejenigen aber, die über Sachkenntnis verfügen – die Zweifler, Mahner und Warner – die braucht keiner. Das sind nämlich die Spielverderber: Es lebe die sich selbst bejubelnde, arrogante Ignoranz! Die Menschheit wird aussterben. Definitiv! Die Zweifler, Mahner und Warner streuen dabei den Sand ins Getriebe – und NUR dabei!

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(Hinweis: Dieser Beitrag ist auch unter “Quergedacht! v4.0” erschienen.)

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