So zwischendurch habe ich mal einen megastarken Lesetipp für alle Leseratten. Ich lese viel – sehr, sehr viel. Wobei ich allerdings altmodisch bin und das gedruckte Buch dem eBook – obgleich ich selbst welche geschrieben habe – vorziehe. Kürzlich ist mir ein in zwei Teilen erschienener Roman von Daniel Suarez untergekommen. Zwei Teile vermutlich deswegen, weil drucktechnische Gründe gegen ein einziges Buch sprechen, denn zusammen sind das immerhin gut 1.100 Seiten. Es handelt sich um die Bücher “Daemon” (Teil 1 des Romans) und “Darknet” (Teil 2 des Romans). Zwischen beiden Teilen gibt es keine Unterbrechung; d. h. der zweite Teil setzt die Handlung des ersten Teils nahtlos fort. Im Folgenden werde ich daher auch von “Daemon/Darknet” sprechen.

Hintergrundinfo: “Daemon/Darknet” ist im weitesten Sinne ein sozialkritischer Cyberthriller und irgendwo auch ein ganz kleines Bisschen Science Fiction. Wobei die Betonung allerdings auf Fiction liegt, denn alles, was im Roman an Technologie beschrieben wird, steht im Grunde genommen bereits heute zur Verfügung – nur eben nicht unbedingt für die breite Masse. So gesehen ist alles Technische gar nicht mal so weit hergeholt. Bevor ich auf die Handlung eingehe, sind für weniger Computer-affine Personen noch drei Begriffe zu erläutern. Ein Daemon – der Begriff entstammt dem UNIX-Bereich – ist ein Computerprogramm, das im Hintergrund abläuft und erst beim Eintreten eines bestimmten, vorgegebenen Ereignisses aktiv wird. Manche Schnüffelprogramme funktionieren so, aber auch logische Bomben, die – wie ich aus eigener Erfahrung weiß – verdammt einfach zu programmieren sind. Eine KI – KI steht für künstliche Intelligenz – ist ein weiteres Programm, das Suchen, Planen, Optimieren, logisch Schließen und Annähern (Approximieren) kann. KI’s finden sich heute in jedem besseren Computergame. Und schließlich ist da noch das Botnet, eine Gruppe von automatisierten Computerprogrammen auf vernetztzen Rechnern, die miteinander kommunizieren. Alle drei Programmgruppen findet man in populären Games wie bspw. WoW. In “Daemon/Darknet” geht es im Grunde genommen um so ein Spiel – nur eben, dass das Spielfeld unser ganzer Globus inklusive seiner durch zahllose Computer gesteuerten Realität ist.

Zur Handlung: Der geniale und hochintelligente Spieleentwickler Matthew Sobol ist an einem Hirntumor, von dem er wusste, dass der ihm nur noch eine kurze Restlebenszeit gestattet, verstorben. Zuvor brachen seine beiden Online-Spiele “Over the Rhine” und “The Gate” alle Kassenrekorde – d. h. sie werden von zig Millionen Menschen gespielt und machten ihn zum Milliardär. Sobols Vermächtnis, von dem aber zunächst niemand auch nur etwas ahnt, ist der “Daemon” – ein in die Spiele integriertes, virulentes Zusatzprogramm. Dieses Zusatzprogramm infiziert unabhängig vom Spiel auf Rootkit-Ebene (so dass Virenscanner unterlaufen werden) so ziemlich jeden Rechner, mit dem es in Kontakt kommt. Dabei handelt es sich um private Rechner ebenso wie um Firmenrechner. Der Daemon ist dezentralisierte KI und Botnet zugleich. Ein Programm, eine Maschine, verbreitet durch zwei beliebte Videogames. Und die KI spielt ihr Spiel in der realen Welt mit maschineller Logik. Es ist die durch die Medien gehende Nachricht von Sobols Tod, welche den Daemon aktiv werden lässt. Und zwar weltweit. Zwei Morde bilden den Auftakt. Betroffen sind die Programmierer, die Sobol bei der Sache unterstützt haben. Sie werden durch perfide Fallen, frühzeitig aufgestellt in der realen Welt und nach Sobols Tod automatisch vom Daemon angesteuert über das Internet, beseitigt. Damit gibt es keine Mitwisser mehr: Alle, die detaillierte Kenntnisse vom Code des Daemons hatten, sind verstorben.

Als das FBI die Morde untersuchen und dazu Sobols Anwesen filzen will, erlebt es ein Fiasko. Es gibt zahllose Tote: Der Daemon agiert mit maschineller Grausamkeit, denn das gesamte Sobol-Anwesen ist eine einzige, computergesteuerte Festung und Falle zugleich. Zeitgleich beschafft sich der Daemon finanzielle Mittel, indem er die Datenbanken des organisierten Verbrechens anzapft. Danach die Datenbanken von Unternehmen, die Gelder waschen und verschwinden lassen wollen – also von so ziemlich jedem großen Konzern: Die Welt ist nur ein Spiel! Was ist Geld? Geld ist digitale Information. Mit dieser digitalen Information kann man Waren kaufen und irgendwohin liefern lassen. Auch sündhaft teure Waren wie bspw. CNC-Fräsmaschinen, 3D-Drucker-Fabrikationseinheiten, Laser-Sinter-Maschinen usw. Nun benötigt der Daemon noch Agenten bzw. Mitspieler in der realen Welt. Die bekommt er dadurch, dass besonders geschickten Spiele-Freaks ab dem Erreichen bestimmter Level die Möglichkeit geboten wird, für den Daemon auch in der realen Welt tätig zu werden. Sie erhalten dann kostenlos die o. e. Maschinen sowie die Aufträge dazu, was mit den Produkten anzufangen ist. Und sie rekrutieren neue Mitglieder. Auf diese Weise entsteht eine Art von sozialem Netzwerk, das Darknet. Sein Ziel sind nachhaltig wirtschaftende, unabhängige, lokale Communities. Also genau das Gegenteil von dem, was globale Konzerne anstreben.

Die Communities entstehen. Sie werden, weil zu erwarten ist, dass sie sich verteidigen müssen, seitens des Daemons mit neuartigen Waffen wie bspw. Blendlasern, megastarken Tasern, ferngesteuerten Fahrzeugen, Drohnen u. ä. ausgestattet. Gesetze gibt es nicht, sondern stattdessen nur Aufgaben und Regeln. Es ist die Netzcommunity, die darüber entscheidet, ob jemand aufsteigen kann oder zur Ordnung gerufen werden muss: Schwarmintelligenz. Wird jemand bestraft, dann verliert er seinen Status in dem großen Spiel und wird zurückgestuft, d. h. er muss auf einem niedrigeren Level mit weniger Möglichkeiten von vorne anfangen und sich seine Anerkennung erneut verdienen, vorzugsweise in der realen Welt. Keine Chance dem Egoismus; es ist der Altruismus, der zählt. Dabei versklavt der Daemon die Menschen keineswegs. Er achtet nur strikt auf die Einhaltung der Regeln und reagiert. Mittlerweile sind so ziemlich alle US-Geheimdienste am Problem des Daemon dran und gründlich gescheitert, allen voran die NSA. Vor allem deswegen, weil diejenigen unter den oberen Zehntausend, die den Regeln des Daemon nicht folgen wollen, konsequent aus dem “Spiel” entfernt, sprich ermordet, werden. Die Maschine differenziert nicht zwischen Spiel und Realität und der Agent bzw. Spieler, der in der realen Welt etwas aufbaut, weiß nicht, ob es sich dabei um ein Werkzeug oder um eine Tötungsmaschine für ganz bestimmte Zielpersonen handelt. Und durch die allgegenwärtigen Überwachungskameras stellt die KI sicher, dass es auch nur die Zielpersonen trifft.

Da es bequem ist, alles Mögliche an Privatunternehmen auszulagern – Outsourcing ist schwer angesagt – haben das auch die o. e. Geheimdienste getan. Nun schließt sich ein privates Konsortium der oberen Zehntausend zusammen, um nach dem Scheitern der Geheimdienste die Sache selbst in die Hand zu nehmen und den Daemon entweder zu erledigen oder, besser noch, zu kontrollieren, um darüber “den Pöbel” kontrollieren und lenken zu können. Dabei wird u. a. auf die Armeen privater Sicherheitsdienste zurückgegriffen. Die Konzerne wollen i. d. R. keine Zeugen, so dass es unter den Angegriffenen – den o. e. Communities – auch keine Überlebenden geben darf. Und Söldner machen für Geld alles … Auf diese Weise entbrennt der erste, echte Cyberwar. Weltweit. Aber nicht Land gegen Land, sondern global Reich gegen Arm und mit Privatarmeen. Politiker und Staatsmacht werden zu Zuschauern degradiert.

Soviel im Groben zur Handlung. Ich habe, wie gesagt, schon sehr viele Romane gelesen. Es müssen Tausende gewesen sein. Aber “Daemon/Darknet” hebt sich aus der Masse wie ein Leuchtfeuer hervor. Das Ding ist so verflucht realistisch … Einmal angefangen, kann man dieses Werk von Daniel Suarez einfach nicht mehr beiseite legen. Gut und flüssig geschrieben, hervorragend zu lesen, megaspannend und immer wieder mit neuen, überraschenden Wendungen, die Lust auf Mehr machen. Das setzt neue Maßstäbe. Allerdings sei auch gesagt, dass der Roman mitunter geradezu schockierend brutal und blutrünstig ist, so dass er der weiland indizierten Heftserie “Dr. Morton” stellenweise in nichts nachsteht. Bleibt daher abzuwarten, wann “Daemon/Darknet” zensiert wird auf dem Index landet. Ich halte das für eine reine Zeitfrage, sofern es wirklich zutreffen sollte, dass hierzulande selbst ein Literaturklassiker wie George Owell’s “1984indiziert worden ist.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Wetterwarnungen

News per RSS

Counterize

Seitenaufrufe: 1224176
Seitenaufrufe heute: 325
Letzte 7 Tage: 5978
Besucher online: 4

Januar 2018
M D M D F S S
« Dez    
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031  

Social Media

free twitter buttons



Meine HP & Bücher

Uhrzeit